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Märchen - Svend Grundtvig: Dänische Volksmärchen


Ritter Grünhut

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, beide waren sehr arm und obwohl sie kein einziges Kind hatten, mußten sie sich doch immer mit Hunger und Noth durchs Leben schlagen und es ging ihnen immer nur schlechter, je älter sie wurden. Eines Tages hatten sie nicht einmal mehr ein Stückchen trockenes Brod im Hause. Da sagte die Frau zu ihrem Manne: »Höre, liebes Männchen, wir müssen doch sorgen, daß wir etwas zu essen bekommen, weil man von der Luft nicht leben kann, so lange man auf dieser Erde ist, und weil es doch besser ist, man hat etwas zum Essen, als etwas zum Anziehen, so nimm halt dieses Stück Leinwand, das ich selbst gewebt habe, und gehe damit in die Stadt und schaue, daß du es verkaufen kannst. Ich habe mir freilich immer gedacht, daß es einmal ein paar Hemden für uns beide geben solle, – aber damit müssen wir jetzt schon bis auf bessere Zeiten warten.«

Da nahm er denn das Stück Leinwand und machte sich noch in später Abendstunde auf den Weg, weil am nächsten Morgen gerade Markttag in der Stadt war und da wollte er noch zu guter Zeit dort anlangen, um seine Leinwand verkaufen zu können. Sein Weg führte ihn durch einen tiefen Wald und mitten darin befand sich eine Quelle. Als er nun zu dieser Quelle kam, da sah er einen uralten Mann mit einem langen weißen Barte daneben sitzen, der ihn freundlich grüßte und fragte, wohin er so spät noch wolle. Da erzählte ihm der arme Mann alles; – wie schlecht es ihm und seiner Frau ginge, wie schrecklich arm sie seien; daß sie jetzt nicht einmal mehr ein Stückchen trockenes Brod im ganzen Hause hätten und daß er eben deshalb heute noch auf den Markt gehen müsse, um sein Stück Leinwand zu verkaufen, damit er und seine Frau nicht elendiglich Hungers stürben.

Darauf erwiderte der Alte an der Quelle: »Wenn du sonst nichts vorhast in der Stadt, dann brauchst du nicht mehr weiter zu gehen, denn du kannst ja gleich mir deine Leinwand verkaufen; – so – hier hast du hundert Thaler dafür! – Ja, ich wollte noch viel mehr für dich thun, so daß du gar nie mehr Hunger zu leiden brauchtest, wenn du mir nur das dafür versprichst, was deine Frau unter dem Gürtel trägt.« Das versprach der Mann sogleich mit Freuden, denn er dachte ja an nichts anderes, als an den kleinen Schlüsselbund, den seine Frau an ihrem Gürtel trug. Und den, dachte er, kann sie doch leicht entbehren, wenn wir dafür recht reich werden können. Als der arme Mann eingewilligt hatte, sagte der Alte: »Heute über sechs Monate mußt du und zwar zur gleichen Stunde wieder hierherkommen und mir das bringen, was du mir versprochen hast. Von nun an wirst du nie mehr Noth leiden, denn du brauchst nur in deinen Kasten hineinzulangen und wirst jedesmal so viel Geld darin finden, als du wünschest.«

Da kehrte der arme Mann um und ging sogleich heim zu seiner Frau, die eben im Begriffe war, aus dem Bett aufzustehen und sich nicht wenig darüber wunderte, daß ihr Mann so schnell von der Stadt zurück sei. Er erzählte ihr nun, wie gut er die Leinwand schon unterwegs verkauft und daß er baare hundert Thaler dafür bekommen, das war ja für sie ein wahres Heidengeld! – Mehr erzählte er ihr aber für diesmal nicht und sie war schon darüber, was er ihr sagte, zu Tode froh und ging sogleich ins Dorf hinunter, um Lebensmittel einzukaufen. Kaum wußte man es im Dorfe, daß die armen Leute jetzt Geld hatten, um einzukaufen, so eilten alle herbei, welche ihnen einmal Geld geliehen hatten und verlangten eins nach dem andern ihr Guthaben zurück, denn sie wollten ihr Geld bekommen, so lange noch etwas zu bekommen war. Und der Mann bezahlte jeden bei Heller und Pfennig, dem er irgend etwas schuldig war, – er brauchte ja nur in den Kasten hineinzugreifen, um jedesmal so viel zu haben, als er wollte oder brauchte.

Aber die Frau wurde doch allmählich unruhig, denn sie sah leicht ein, daß auch hundert Thaler nur zu bald ein Ende nähmen, deshalb fiel es ihr jetzt auf, daß ihr Mann gar zu sorglos mit dem Geld umging, aber sie glaubte außerdem zu bemerken, daß er irgend etwas ihn Drückendes auf dem Herzen haben müsse, das er bisher vor ihr verheimlichte. Sie drang bittend in ihn, ihr reinen Wein einzuschenken und ihr alles zu sagen, was sein Herz bedrücke. Da konnte er ihr nichts länger verschweigen und erzählte ihr alles haarklein, wie er den Alten an der Waldquelle getroffen und was er ihm schließlich versprach.

»O, dann hast du uns für ewige Zeiten unglücklich gemacht!« rief die Frau aus, »denn meine Schlüssel will er gewiß nicht, – er will das Lebende haben, das ich jetzt unter meinem Gürtel trage und das du nun, Gott weiß wem? versprochen hast!« Als der Mann das vernahm, wurde ihm angst und bange, aber er versuchte sich dennoch damit zu entschuldigen, daß er sich – nachdem sie doch beide schon bei Jahren waren und nie Kinder hatten oder gehabt hatten, – jetzt so etwas doch nicht mehr im Traume hätte einfallen lassen können.

Die Frau hatte allerdings recht, daß es das war, was der Weißbart wollte und das ihm der ahnungslose Mann über sechs Monate zu bringen versprochen. »Aber geschehen ist geschehen und läßt sich nicht mehr ungeschehen machen,« sagte er, »und was man einmal versprochen hat, muß man auch halten.« – Und was sie vom Alten dafür bekommen, hatten sie ja auch angenommen und bereits soviel davon ausgegeben, daß es ihnen, selbst für den Fall, daß man den ganzen Handel hätte rückgängig machen können, unmöglich gewesen wäre, alles Geld wieder zu Stande zu bringen.

Soviel die Frau auch darüber denken mochte, sie mußte schweigen und ehe sechs Monate um waren, gebar sie einen Sohn und das war noch dazu ein recht hübscher, bausbackiger Junge. Aber es kam nun auch der Tag, den der Alte festgesetzt hatte. Da nahm denn der Mann sein Söhnchen und trug es traurig in den Wald hinaus und als er zu der Quelle hinkam, saß der Alte mit dem weißen Barte schon dort und rief ihm »Willkommen!« entgegen und sagte: »du hast dein Wort gehalten, wie ich das meinige! Sei mir aber nur nicht bange, denn ich bin weder ein Kobold, noch ein Teufel und will auch nur das Beste deines Kindes. – Ihr werdet euern Buben wohl nicht gerne hergeben? – nun und ich will ihn jetzt auch noch gar nicht bei mir behalten. Aber an seinem zehnten Geburtstag mußt du kommen und ihn wieder hieher bringen. Inzwischen mußt du ihn aber auf das allersorgfältigste erziehen und unterrichten lassen, denn ich will einmal einen recht bedeutenden, großen Mann aus ihm machen.« Bei diesen Worten nahm der Alte das Knäblein in seine Hände und verwandelte es im selben Augenblick in ein junges Stachelschwein und gleich darauf in ein kleines Hirschkalb, dann in einen jungen Falken und schließlich wieder in ein menschliches Kind. Nachdem dies alles geschehen, tauchte er den Knaben in der Quelle unter und sagte: »So, jetzt ist er getauft und ›Grünhut‹ ist sein Name; du mußt mir nur noch versprechen, daß du ihn auf keinen Fall anders taufen lässest. Nur unter dieser Bedingung kann ich dir das Kind noch zehn Jahre lang lassen.«

Das versprach denn der Mann auch und war nur glücklich, daß er den Buben wieder nach Hause bringen durfte, und noch glücklicher war die Frau darüber, als sie ihren Sohn wieder bekam. Sie verließen nun ihre armselige Hütte und kauften sich Haus und Hof, – sie hatten ja so viel Geld als sie nur wollten; – und lebten da mit ihrem Knaben, den sie über alles in der Welt liebten. Er gedieh vortrefflich, wuchs rasch heran und je größer er wurde, desto herrlicher entwickelten sich auch seine Geistesgaben. Mit fünf Jahren hatte er bereits alle Bücher gelesen, die im ganzen Hause nur zu finden waren und seine Eltern konnten ihm schlechterdings nichts mehr lehren. Sie hielten ihm nun die weisesten Lehrer und noch ehe er sein zehntes Jahr erreicht hatte, lernte er alles, was diese selbst wußten und konnten.

An seinem zehnten Geburtstag ging der Vater wieder mit ihm zur Quelle in den Wald hinaus, wo der Alte schon saß und wartete. Der Vater hätte freilich gerne mit ihm unterhandelt, um seinen Sohn noch länger behalten zu dürfen: »weil seine Eltern gar so viel Freude an ihm hätten,« – aber der Alte schüttelte das Haupt und sagte, daß dies unmöglich sei. Die Eltern sollten froh sein, daß sie den spätgebornen Sohn, der ihnen so viel Glück ins Haus gebracht, so lange behalten durften. Sie konnten nichts mehr für ihn und sein späteres Fortkommen thun und deshalb mußten sie von ihm lassen.

Diesmal mußte der arme Vater mit seinem Kummer allein nach Hause gehen. Der Alte aber verzauberte den kleinen Grünhut noch im selben Augenblick in ein Stachelschwein, mit einem goldenen und einem silbernen Stachel und ließ ihn in den tiefen Wald hineinlaufen. Und in dieser Gestalt mußte er sich volle fünf Jahre herumtreiben. Als diese Zeit um war, lief er zu dem Alten an der Quelle und bat, ob er jetzt seine menschliche Gestalt wieder bekommen könne? »O nein!« erwiderte der Alte, »du kommst noch viel zu frühe; du mußt schon noch Geduld haben. Aber eine andere Gestalt will ich dir doch geben, damit du deinen Kopf ein gutes Stück höher tragen kannst.« Und dabei verwandelte er ihn in einen Hirschen mit einem Geweih, das halb von Silber und halb von Gold war; und so mußte er abermals fünf lange Jahre im Wald zubringen. Als diese Zeit um war, kam er wieder zu dem Alten an der Quelle und fragte, ob er denn jetzt seine menschliche Gestalt wieder bekäme? Aber der Alte sagte wiederum: »nein, du kommst noch zu frühe.« – Er mußte noch fünf Jahre als Thier verwandelt bleiben, doch sollte er jetzt noch höher hinauf und noch mehr mit seinen Blicken überschauen können, als je zuvor. Deshalb verzauberte er ihn in einen Falken mit einer silbernen und einer goldenen Feder. Da flog er hoch über den Wald hinauf in die blaue Luft und blieb wieder fünf Jahre ein Falke.

Als aber auch diese fünf Jahre zu Ende waren, flog er zu dem Alten an der Quelle hin und fragte bittend, ob er denn seine Menschengestalt noch nicht bekommen könne? – »Ja,« sagte der Alte, »jetzt ist die Zeit dazu gekommen; tritt hervor, Ritter Grünhut!« Und sogleich stand er vor ihm als der schönste Mann, den man sich nur denken konnte. »Du hast nun selbst die Macht und wirst sie allezeit behalten,« sagte der alte Weißbart, »daß du dich, so oft du willst, in eines von den drei Thieren verwandeln kannst, als welches du die Zeit her zubringen mußtest und deren Gestalt du schon getragen, ehe du noch getauft warst; auch kannst du dich dann jederzeit wieder in einen Menschen verwandeln, sobald du nur willst. Alle deine Verwandten und andern Jugendfreunde sind nun todt oder nach allen Winden hin zerstreut, so daß du in deiner alten Heimat, die du als Kind verlassen, nichts mehr zu suchen hast. Dir stehen noch größere Dinge und ein glücklicheres Loos bevor, als du dir selbst träumen lassen kannst. Ziehe jetzt an den Hof eines Königs und nimm dort Dienste. Aber du mußt ganz von unten anfangen, deshalb verdinge dich nur als Stallknecht. Für dein bestes Fortkommen wird schon gesorgt werden! Nur mußt du dich vorsehen, daß du nicht etwa an einen Hof kommst, an welchem auch Ritter Roth bedienstet ist, denn er ist der durchtriebenste, verrätherischeste Schurke dieser Erde. Sei immer treu und ehrlich. Wenn du aber doch in irgend eine Gefahr kommen solltest, so rufe nur mich und ich werde dir gewiß immer helfen.« Ritter Grünhut begab sich nun auf den Weg und ging gleich in das erste beste Schloß hinein, das er unterwegs antraf und fragte, ob da ein König wohne. Man antwortete ihm, daß hier zwar kein König, aber doch ein Prinz mit seiner Schwester wohne. Er fragte dann weiter, ob er hier nicht als Stallknecht bedienstet werden könnte. Er mußte eine kleine Weile auf die Antwort warten, bis man ihm die Nachricht brachte, daß man ihn wohl als Stallknecht brauchen könne, aber nur im allerordinärsten Stall, woselbst blos die ältesten und gemeinsten Pferde unter seiner Obhut standen. Aber er nahm den Dienst dennoch an und erfüllte alle seine Pflichten mit dem größten Fleiße.

Es traf sich aber so unglücklich, daß sich gerade an diesem Hof auch der Ritter Roth befand. Er war die rechte Hand des Prinzen und außerdem sein Stallmeister und hatte die Aufsicht über den feinsten Stall, in welchem die edelsten und schönsten Pferde waren. Er konnte aber durchaus nicht begreifen, wie das zuging, daß die alten abgemagerten Gäule, die fast nur noch aus Haut und Knochen bestanden, zusehends von Tag zu Tag besser gediehen, seit der neue Stallknecht angestellt war. Sie wurden allmählich wieder glatt und voll und es währte nicht allzulange, da hatten die elenden Schindmähren ein schöneres Aussehen, als die prächtigen Staatspferde in Ritter Roth's eigenem Stall. Außerdem hatte dieser Grünhut ein so hübsches feines Gesicht und eine so edle Haltung und Gestalt, daß sich alle darüber wundern mußten; und jedesmal, so oft er seine Pferde in die Schwemme ritt, ließ er sie im Hofe allerlei Capriolen und ritterliche Kunststücke machen. Da stand die Prinzessin immer am Fenster des Jungfernthurmes, in dem sie wohnte und schaute ihm mit solchem Wohlgefallen zu, daß sie sich von ganzem Herzen in ihn verliebte.

Dies alles mitansehen zu müssen, war mehr als Ritter Roth vertragen konnte, besonders das letzte; schlau genug war er ja, um es nur zu bald zu bemerken und es ärgerte ihn um so mehr, als es ihm selbst in Aussicht stand, einmal des Prinzen Schwager zu werden und dessen reiche und liebreizende Schwester als Ehegemahl heimführen zu dürfen. Er dachte nun eifrigst darüber nach, um irgend ein Mittel ausfindig zu machen, wie er seinen Nebenbuhler aus der Welt schaffen könnte. Eines Tages sagte er daher zum Prinzen: »Wir haben da einen merkwürdigen Burschen als Knecht im letzten Stall. Alles glückt ihm, was er anpackt und was ihm unter die Hände kommt. Er muß bei einem Zauberer in die Lehre gegangen sein und deshalb kann und weiß er mehr als andere Menschen. Aber er erhebt sich auch hoch über seinen Stand, denn er hat, wie ich recht gut merken konnte, ein Auge auf die Prinzessin geworfen. Und kein Mensch kann wissen, was er da mit seinen Teufelskünsten noch alles anstellen will. Er hat sogar schon öfter gesagt, daß er dem Prinzen, wenn er nur wollte, die schönste und liebreizendste Königstochter der Welt verschaffen könnte. Aber er wolle nicht, hat er gesagt.«

Als der Prinz das alles vernahm, wurde er gleich ungemein begierig, diese schönste Prinzessin als Gemahlin zu bekommen. Deshalb ließ er sofort den Ritter Grünhut zu sich rufen und sagte ihm, daß er ganz wohl wisse, was zu können er sich gerühmt habe, wenn er nur wollte. Und nun müsse er dem Prinzen wirklich die schönste Prinzessin der Welt verschaffen oder sein Leben elend am Galgen verlieren. Was half es jetzt, daß Grünhut dem Prinzen seine Unschuld bewies und ihm versicherte, daß er nie so etwas gesagt habe und am allerwenigsten wisse, wo die schönste Prinzessin zu finden sei. Der Prinz glaubte aber den Worten des Ritters Roth mehr als ihm und blieb fest dabei stehen, daß Grünhut entweder sein Wort halten und die schönste Prinzessin der Welt herbeischaffen müsse oder am Galgen baumeln solle. Da bat Ritter Grünhut um nur drei Tage Frist, er wolle noch vor Ablauf dieser Zeit des Prinzen Wunsch erfüllen und wenn nicht, seinen Hals gutwillig in die Schlinge stecken und sich aufhenken lassen. Darauf hin wurde ihm diese Galgenfrist gewährt.

Als er aus dem Saal des Prinzen wieder herauskam, war er ganz verzweifelt. Sollte er wirklich jetzt schon sein Leben so schmählich beenden müssen? – wofür hatte er denn dann so lange Jahre gelitten und gestritten? Aber er war ja auch ungehorsam gegen den Alten, da er an einem Orte in Dienste trat, an dem sich der heimtückische Ritter Roth ebenfalls befand. An all' seinem jetzigen Unglück war nur das schuld, daß er sich damals, als er Dienst suchte, nicht besser vor diesem Ritter Roth gehütet hatte. Und das schlimmste war, daß er, weil er seinem Pflegevater nicht gefolgt hatte, von diesem nicht einmal Hülfe erwarten durfte. Als er sich eine Zeit lang diesen traurigen Gedanken überlassen hatte, fiel es ihm ein, vorher doch noch ein wenig seine Freiheit zu genießen; darum verwandelte er sich in einen Falken mit einer goldenen und einer silbernen Feder und flog hoch zu den Wolken empor. Als er nun so frank und frei durch die Lüfte segelte, da fühlte er eine mächtige Versuchung, sein gegebenes Wort zu brechen und gleich ohne weiteres auf und davon zu fliegen, weit fort in ein fremdes Land, wo ihn weder ein Prinz, noch ein Ritter Roth oder sonst irgend jemand finden könnte. Als er aber so dahinflog, hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme, welche ihm zurief: »Wohin, Ritter Grünhut?« Er spähte hinunter und sah, daß er sich gerade über dem Walde mit der Quelle befand, an der der Alte mit dem weißen Barte saß. Der Falke senkte sich zu den Füßen des alten Mannes hinab, nahm seine menschliche Gestalt an und klagte ihm seine Noth: – er erzählte dem Alten von dem Ritter Roth und von des Prinzen Befehl und von seinem eigenen Versprechen, sich aufhenken zu lassen, wenn er nicht noch vor Ablauf drei festgesetzten Tage des Prinzen Wunsch erfüllt haben werde. »Aber was soll ich denn nur anfangen, – es ist ja rein unmöglich!«

»O, es ist durchaus nicht unmöglich«, sagte der Alte, »wenn du nur genau aufpassen und das thun wirst, was ich dir sage und nicht mehr selbstklug handeln willst, oder gar vergessen, was du mir versprachst. Morgen sollst du dem Prinzen einmal eine kleine Probe deiner Kunst liefern. Mache nur alles genau so, wie ich es dir heiße und ich werde schon dafür sorgen, daß du deine Probe mit Ehren bestehst.« – Und der Alte unterrichtete ihn nun auf das sorgfältigste für den nächsten Tag und fügte noch hinzu: »Wenn sich der Prinz daraufhin doch nicht bewegen lassen wird, seinen Wunsch aufzugeben und dich, deiner Geschicklichkeit wegen, lieber zu Hause bei sich zu behalten, dann komm morgen Abend wieder zu mir her, ich werde dir dann schon sagen, was du brauchst und zu thun hast.«

Da fiel dem Ritter Grünhut ein Stein vom Herzen und leicht und froh flog er zum Schlosse zurück, ging in sein Bett und schlief die ganze Nacht süß und ohne Sorgen. Am nächsten Morgen sagte er, wie ihm der Alte anbefohlen, zu einem der andern Stallknechte: »Du mußt so gut sein und mir heute den Freundschaftsdienst erweisen, mit mir zum Prinzen zu gehen und wenn wir beide vor ihm stehen, so sage zu mir: So wahr du als ein Senfkorn liegen kannst in meiner rechten Hand, so kannst du auch die Königstochter bringen aus dem fremden Land.« – »Wozu soll denn das gut sein?« sagte der Knecht, – »daß wir dann alle zwei wie Narren dastehen?« Aber Ritter Grünhut bat ihn, sich nur darum nicht zu kümmern, sie würden gewiß nicht als Narren dastehen. Da konnte der Stallknecht schließlich nichts mehr dagegen einwenden; er ließ sich überreden und so gingen sie miteinander zum Prinzen hinein.

Nun sagte der Knecht, wie er es gelernt hatte: »So wahr du als ein Senfkorn liegen kannst in meiner rechten Hand, so kannst du auch die Königstochter bringen aus dem fremden Land,« – und im selben Augenblick lag Ritter Grünhut auch schon in der rechten Hand des Stallknechtes. Gleich darauf stand er wieder in seiner menschlichen Gestalt an dessen Seite. Da sagte der Prinz: »Ja, nun hast du es selbst bewiesen, daß du die Prinzessin holen kannst, – weil du dieses Kunststück machen konntest; nun sollst du sie mir aber auch holen!« Ritter Grünhut war über diesen Bescheid nichts weniger als froh, aber er sagte zum Prinzen, daß er ihm am folgenden Tag melden werde, was er alles zur Reise brauche.

Noch an demselben Abend flog er aber wieder hinaus zu dem Alten an der Waldquelle, der ihm, wie er versprochen hatte, genau sagte, was er zu thun habe: – Er soll morgen zum Prinzen gehen und ein Schiff verlangen, das mit Nahrungsmitteln für sieben Jahre hinreichend versehen ist; und ein gut getroffenes Porträt des Prinzen müsse er natürlicherweise auch mitnehmen. Und wenn dies alles in Ordnung sei, solle er allein an Bord gehen, sich aber vor allem vorsehen, daß Ritter Roth nicht auf das Schiff käme und mitführe. Darauf sollte er die Segel aufhissen, aber alles übrige, Takel und Tau liegen und stehen lassen und nicht einmal ein Ruder anrühren. Der Alte würde das Schiff statt seiner schon auf das beste steuern. Er solle nur so lange vorwärts segeln, bis er ein prächtiges Schloß mit drei goldenen Thurmspitzen in Sicht bekomme. Dort müsse er die Segel streichen und Anker werfen und als Falke ans Land fliegen, weil da die Prinzessin wohne, die er zu holen ausgeschickt wurde. Dann solle er auf dem Wall als Stachelschwein herumkriechen, weil er dort der Prinzessin gewiß in die Augen fallen, von ihr aufgehoben und ins Schloß getragen werde. Er könnte ihr dann ganz leicht mittheilen, in welchem Auftrag er zu ihr gekommen sei. Tags darauf solle er wieder auf den Wall gehen, aber als Hirsch; die Prinzessin werde sich wieder bemühen, seiner habhaft zu werden und ihn ins Schloß zu bringen und bei dieser Gelegenheit könne er sich dann genauer mit ihr verabreden. Wenn dies alles in der angegebenen Weise geschehen sei, solle er sie heimlich aufs Schiff bringen, die Anker kappen, die Segel aufhissen und wieder alles übrige, Takel und Tau liegen und stehen lassen, bis er zurück zum Schloß des Prinzen komme und ihm dann die liebliche Braut in die Arme führe.

Ritter Grünhut dankte seinem Pflegevater und versprach ihm, sich ganz genau nach diesen Vorschriften zu richten. Er ging also andern Tags zum Prinzen und verlangte ein Schiff, das mit Nahrungsmitteln auf sieben Jahre hinreichend versehen sei und das Porträt des Prinzen. Man traf sodann schleunigst alle Anstalten, um alles in Stand zu setzen und für die Reise vorzubereiten. Sobald das Schiff fertig und mit allem Nöthigen ausgerüstet war, ging Ritter Grünhut allein mit dem Bild des Prinzen an Bord, machte das Schiff vom Ufer los, hißte die Segel auf und stach in die See und ließ sein Schiff von Wind und Wogen treiben, während es der Alte unsichtbar steuerte.

So mochte er schon ein oder zwei Jahre gesegelt haben, als er endlich die drei goldenen Thurmspitzen in Sicht bekam, da warf er froh die Anker und zog die Segel ein. Darauf verwandelte er sich in einen Falken mit einer goldenen und einer silbernen Feder und flog ans Land zu dem Schlosse hin. Dort angekommen, nahm er die Gestalt eines Stachelschweins mit einem goldenen und einem silbernen Stachel an und lief auf dem Wall, der sich außerhalb des Schlosses befand, herum. Da kam die Prinzessin mit ihrem Vater gegangen und erblickte sofort das Stachelschwein; da sie noch nie eines mit solchen Stacheln gesehen hatte, bat sie den Vater, dieses Thier mit nach Hause nehmen zu dürfen und weil er ihr gerne eine Freude machen wollte, so erlaubte er ihr es auch. Sie hob nun das Stachelschwein auf und trug es in ihrer Schürze heim ins Schloß, wo sie es mit in ihre Kammer nahm. Da es schon gegen Abend war, blieb sie selbst auch gleich hier, um das Stachelschwein zu füttern und mit ihm zu spielen. Nun begann das Stachelschwein auf einmal zu reden und erzählte der Prinzessin, daß es eigentlich ein Mensch und nur hierhergekommen sei, weil in fernen Landen ein Königssohn, welcher sie liebte, um sie freie und sie als Ehegemahl haben wolle, wenn sie mit ihm, dem Boten des Prinzessin, in dessen Land ziehen wollte. Dies kam der Prinzessin ungemein lustig vor, denn sie lebte ja hier wie in ein Kloster eingesperrt und durfte niemand anders sehen als ihren Vater und ihre abgeschmackten Hofdamen, die ihr schrecklich langweilig waren. Aber daß nun ein Königssohn in fernen fremden Landen war, der sie liebte und sich mit ihr verheiraten wollte, das erschien ihr ungemein unterhaltlich und lustig. Aber vor allem müsse sie doch wissen, sagte sie, wie der Prinz aussehe und ob sie ihn auch gern haben könne. Da zog Ritter Grünhut das Bild des Prinzen, das er bei sich trug hervor; kaum hatte die Prinzessin dieses angesehen, als sie sofort auch in Liebe zu dem Prinzen entbrannte. Sie sagte aber doch, daß sie von dieser Geschichte zu urplötzlich überrumpelt worden sei und sich deswegen einen Tag Bedenkzeit ausbitte. Ritter Grünhut verwandelte sich dann wieder in einen Falken und flog zurück zu seinem Schiffe.

Am andern Morgen fragte der König nach dem merkwürdigen Stachelschwein, denn er wollte es jetzt bei hellem Tageslicht genau betrachten. Aber die Prinzessin sagte, daß es ihr entkommen sei. Da schimpfte er sie, daß sie nicht besser darauf aufgepaßt habe. Am Abend ging er aber doch wieder mit ihr auf den Wall hinaus, um frische Luft zu schöpfen. Da lief auf einmal ein Hirsch mit einem halb silbernen und halb goldenen Geweih vor ihnen. Die Prinzessin bat den König, ob sie ihm nicht nachlaufen dürfe, um ihn zu fangen und ins Schloß hineinzunehmen. »Ach, was soll das helfen, wenn du ihn auch fängst?« sagte der König. »Wenn du nicht einmal auf das Stachelschwein aufpassen konntest, so kannst du es auf den Hirschen noch viel weniger.« Aber weil sie gar so schön bat, erlaubte er ihr schließlich doch ihr Glück zu versuchen. Da lief sie ins Schloß, holte eine Schürze voll Gerstenkörner und lockte damit den Hirschen zum Schloßthor herein, packte ihn plötzlich und führte den Hirschen in ihre Kammer, wo sie ihn festband. Das alles that sie aber nur des Scheins halber, denn sie wußte gut genug, wer er war. Sobald sie nur konnte, kam sie dann wieder in ihre Kammer, band den Hirschen los und besprach sich mit ihm.

Ritter Grünhut fragte, ob sie sich schon entschlossen habe und ihm folgen wolle, und sie sagte »Ja« darauf. Nur müsse sie noch einen Tag Zeit haben, um alle ihre Kostbarkeiten und Kleinodien, die sie mitnehmen wolle, einpacken zu können; und Ritter Grünhut fand dies nicht mehr als recht und billig. Sie verabredeten dann miteinander, daß am nächsten Abend ein Boot in der Nähe des Schlosses auf sie warten solle; die Prinzessin müsse nur dafür sorgen, heimlich zu entwischen und zu demselben hinzukommen, ohne daß es irgend jemand bemerken könnte. Sie würde dann mit vollen Segeln ihrem Herzallerliebsten entgegengeführt werden. Nachdem alles genau ausgemacht war, flog Ritter Grünhut wieder als Falke zum Fenster hinaus auf sein Schiff.

Gleich am Morgen des andern Tages erkundigte sich der König nach dem Hirschen. Die Prinzessin erwiderte, daß er ihr gerade so entkommen sei, wie das Stachelschwein; und das war ja auch durchaus keine Lüge. Darüber wurde der König jedoch ernstlich böse und schimpfte sie für ihre Unachtsamkeit. Gegen Abend wartete Ritter Grünhut bereits in einem Boote in der Nähe des Schlosses. Die Prinzessin kam denn auch glücklich und wohlbehalten zur rechten Zeit mit all' ihren Kostbarkeiten, stieg ins Boot und Ritter Grünhut ruderte sie zum Schiffe hin. Dort angelangt, kappte er die Anker, hißte die Segel auf und dahin ging's mit Windeseile zu des Prinzen Land.

Ritter Grünhut stand einmal mit der Prinzessin auf dem Verdeck und zeigte ihr das in der Ferne sichtbar werdende Schloß des Prinzen, ihr zukünftiges Heim. Da wurde er plötzlich und unversehens von zwei starken Armen ergriffen und über Bord geworfen. Das war der Ritter Roth, welcher dennoch aufs Schiff gekommen und mitgefahren war und sich diese ganze lange Zeit über heimlich hinter einem kleinen Verschlag im untern Schiffsraum verborgen gehalten hatte und sich nun auf einmal wie aus dem Boden gewachsen in vollem Harnisch zwischen Ritter Grünhut und die Prinzessin, wie ein eiserner Topf mit Füßen, drängte und diesen, ehe er sich dessen versehen konnte, ergriff und hinaus ins wilde Meer warf.

Bald nachher kamen sie ans Land und Ritter Roth beeilte sich, die Prinzessin von Bord hinauf zum Prinzen zu führen. Und da ergriff er das Wort und sprach: »Hier ist die Prinzessin, welche ich für dich gewonnen und dir heimgeführt habe. Und gut war es, daß ich heimlich mitgefahren bin, denn dieser Grünhut war ein ungetreuer Diener seines Herrn: – er wollte dich und die Prinzessin betrügen und sie für sich selbst behalten. Aber ich war schlauer als er und ließ ihn zurück im Heimatlande der Prinzessin und brachte sie selbst unbeschadet hierher zu dir, meinem Herrn und Gebieter.« Für diese ruhmwürdige That und die Treue, die er seinem Herrn gegenüber bewiesen, wurde Ritter Roth in den Grafenstand erhoben und sollte von nun an nach dem Prinzen der höchste im ganzen Lande sein.

Aber die Prinzessin, die ja die schönste auf Erden sein sollte, schien doch einen großen Fehler zu haben: sie war und blieb stumm, sprach kein Wort und that, als ob sie weder etwas hörte, noch verstünde. Sie sah ja sogleich ein, daß sie sagen dürfte, was sie könnte, der Prinz würde doch auf alle Fälle den Worten Ritter Roth's festen Glauben schenken. Deshalb schwieg sie und weil sie auch beständig darauf hoffte, daß der treue Ritter Grünhut doch noch am Leben sei und über kurz oder lang kommen und alles aufklären würde.

Der Prinz war ungemein betrübt darüber, da er bemerkte, daß die Prinzessin nicht nur stumm, sondern auch taub sei, oder sich doch so stellte, als ob sie es wäre. Er befahl darum, daß sie zu seiner Schwester geführt werden und bei dieser eine Nacht zubringen solle. Er hoffte, daß es seiner Schwester schon gelingen werde, sie zum Sprechen zu bewegen, wenn ihr Stummsein wirklich nur Verstellung wäre und das mußte es ja sein, nachdem Ritter Roth doch erzählte, daß er mit ihr gesprochen und sie überredet hatte, mit ihm zu dem ihrer harrenden Bräutigam zu fahren.

Als nun die beiden Prinzessinnen allein des Abends beisammen saßen, fiel des Prinzen Schwester der fremden Königstochter um den Hals, küßte sie und bat sie, ihr doch zu erzählen und anzuvertrauen, was sie auf dem Herzen habe, sie wolle dann, und möchte sie ihr auch was immer zu berichten haben, mit ihr schweigen und stumm stellen. Aber auch das war vergebens: – die liebliche Prinzessin war und blieb stumm.

Da ließ der Prinz seinen Rath versammeln und diese Sache vorlegen: »die fremde Prinzessin, welche versprochen hatte, seine Braut zu werden, war nun stumm, wiewohl sie vorher reden konnte; es konnte also nicht mit natürlichen Dingen zugehen; entweder verstellte sie sich blos oder sie war verhext.« Und der Rath erklärte, daß sie entweder ein Kobold oder eine Hexe sein müsse und deshalb verbrannt werden solle. Dieses Urtheil wurde nun der Prinzessin verkündet, aber man konnte nicht das geringste an ihr bemerken, daß es sie anfocht.

Während dies alles am Hofe des Prinzen geschah, war Ritter Grünhut noch am Leben, wiewohl er hinaus in die brausenden Wogen geschleudert worden und auf den Grund des Meeres hinuntergesunken war. Denn eine Meerfrau, welche dem Schiff nachgeschwommen war und sich nach dem schönen Ritter, der sich da an Bord befand, fast die Augen aus dem Kopfe geschaut hatte, war im selben Augenblick, als er ins Wasser fiel, an seiner Seite, fing ihn mit ihren Armen auf und trug ihn in ihr schönes Schloß tief unten am Meeresgrund und sagte zu ihm, daß sie ihn so liebe, daß sie ihn als Mann haben wolle und er würde seine Tage gewiß recht glücklich mit ihr in all' den prächtigen Sälen verleben können.

Ritter Grünhut saß aber traurig da und schenkte den schmeichelnden Worten der Meerfrau kein Gehör. Er dachte an die Erde oben mit all' den grünen Wäldern und dem Himmel darüber und an die Sonne, den Mond und alle strahlenden Sterne. Am meisten jedoch gedachte er der Zeit, da er die Pferde am Hof des Prinzen in die Schwemme ritt und die milden Augen, die ihm vom Fenster des Jungfernthurmes aus folgten, erblickt. Denn er hatte diese Prinzessin über jener, – welche zwar die schönste auf der ganzen Welt war, die er aber selbst für seinen Herrn als Braut gesucht und gefunden und auch für ihn gewonnen hatte – doch nie vergessen.

Eines Morgens kam die Meerfrau in aller Frühe zu ihm und sagte: »Nun, Ritter Grünhut! heute soll ja die schöne Prinzessin wegen dir verbrannt werden. Und zwar diejenige, die du dem Prinzen, deinem Herrn, aus dem fremden Land holtest. Sie hatte sich, seit du über Bord geworfen wurdest, stumm gestellt und dafür soll sie nun verbrannt werden.« Da bat sie Ritter Grünhut flehentlich, ihn nur auf eine Stunde frei zu lassen, damit er hinkönne, um es zu sehen. Er versprach und schwor ihr mit Hand und Mund, daß er, sobald die Stunde um sei, wieder zurückkommen wolle. Sie wußte, daß er Wort halte und da sie gerne seine Gunst erringen und sich bei ihm einschmeicheln wollte, gab sie seinen Bitten nach und trug ihn ans Land.

Da verwandelte er sich in ein Stachelschwein mit einem silbernen und einem goldenen Stachel und kam gerade zum Scheiterhaufen hin, als er eben angezündet war; er lief mitten ins Feuer hinein, stellte seine Stacheln auf und zerstörte den ganzen Scheiterhaufen und schleuderte ihn nach allen Seiten auseinander, so daß der reizenden Prinzessin auch nicht ein Haar am Kopfe versengt wurde. Der Prinz, welcher dabei stand, wunderte sich höchlichst darüber und sagte: »Das war doch ein merkwürdiges Stachelschwein! Wer nur einen Stachel von demselben bekommen könnte!« Da begann die stumme Prinzessin auf einmal zu sprechen und sagte die paar Worte: »Wohl dem, der einen hat!«

Nun hatte es sich doch gezeigt, daß sie reden könne und daß Ritter Roth recht gehabt habe; – daß sie also nur nicht reden wollte. Darauf hin wurde sie wieder ins Schloß geführt und abends zu des Prinzen Schwester gebracht, damit diese es noch einmal versuchte, ob sie sie nicht am Ende doch noch bewegen könnte, ihre Verstellung fahren zu lassen. Dann hätte ja noch alles gut werden können, darum redete ihr die Prinzessin so überaus freundlich zu und bat sie inständig, sich und alle andern mit ihrem Trotze nicht unglücklich zu machen. Sie versprach ihr vorher noch alles, was sie irgend von ihr verlangen könnte, zu erfüllen, wenn sie nur endlich ihr Stummsein brechen und sich ihr anvertrauen wollte. Da begann die fremde Prinzessin doch zu sprechen und sagte: »Wenn du das gleiche Gelübde, das ich gemacht habe, auch machen willst, dann werde ich mich dir anvertrauen.« Das gelobte ihr des Prinzen Schwester. Und nun erzählte die schöne Königstochter, wie alles zugegangen war: wie Ritter Grünhut getreulich den Auftrag seines Herrn ausgeführt und sie aus dem fernen fremden Land hiehergebracht habe und wie er von dem Schurken Ritter Roth ins Meer gestürzt worden sei. Darauf hin habe sie gelobt, stumm sein zu wollen, bis sie den Ritter Grünhut wiedersähe und erführe, ob er noch am Leben sei. Und sie hatte ihn wiedergesehen, denn er war es, der heute in Stachelschweingestalt den Scheiterhaufen zerstört und ihr dadurch das Leben gerettet hatte.

Als des Prinzen Schwester das alles gehört hatte, erklärte sie ihr Versprechen halten zu wollen und sagte, daß sie nun dasselbe Gelübde wie die fremde Prinzessin machen und stumm sein werde, bis sich Ritter Grünhut wieder sehen lasse. Er mußte ja doch endlich wiederkommen und alles aufklären. – Dann vertraute sie ihr an, daß Ritter Grünhut es war, den sie heimlich liebte und der gleich, als sie ihn zum erstenmal als niedrigen Diener erblickte, ihr ganzes Herz erobert hatte.

Am nächsten Morgen waren richtig beide Prinzessinnen stumm und kein Mensch konnte auch nur ein einziges Wort aus ihnen herausbringen. Da wurde der weise Rath wieder zusammenberufen und jedermann war entsetzt, denn das Böse nahm sichtlich überhand. – Der böse Zauberer, der in dieses Land gekommen sein mußte, begann nun auch andere mit zu verhexen. Man mußte daher das Uebel mit der Wurzel ausreißen, bevor es weiter um sich griff, und deshalb sprach der weise Rath das Urtheil, daß beide Prinzessinnen so schnell als möglich umgebracht werden müßten. Einige wollten, daß sie geviertheilt werden sollten, andere stimmten wieder dafür, daß man sie in Fässer stecken solle, die innen voll spitziger Nägel seien, und dann so oft einen Berg herunter rollen lassen solle, bis sie todt wären; zuletzt wurden aber alle darüber einig, daß jenes Urtheil ausgeführt werden solle, das Ritter Roth spreche und der sprach, daß man sie zu Asche verbrennen müsse. Da wurde denn draußen auf dem Felde eine große Menge Brennholz zusammengetragen und aufgerichtet. Sobald der Scheiterhaufen angezündet und tüchtig in Brand gerathen sein würde, sollten die beiden Prinzessinnen hineingeworfen werden.

Während dieser Zeit befand sich Ritter Grünhut wieder tief unten im Schloß der Meerfrau am Meeresgrund. Er hatte ihr zwar seine Treue noch immer nicht versprechen wollen, es kam ihr aber doch vor, als wäre er schon weniger traurig, und so wartete sie denn und hoffte, daß er seine Gedanken an die Welt und was sonst dazu gehörte mit der Zeit schon aufgeben und dann für immer bei ihr bleiben werde. Eines Morgens sagte sie wieder zu ihm: »Nun, Ritter Grünhut, heute sollen ja zwei Prinzessinnen wegen dir verbrannt werden.« Da bat sie Ritter Grünhut flehentlich, ihn nur auf eine Stunde freizulassen. Er versprach und schwor ihr mit Hand und Mund, daß er, sobald die Stunde um sei, wieder zurückkommen wolle. Die Meerfrau hielt es für das Beste, sich seinem Wunsch zu fügen, weil sie gar so gerne seine Gunst erringen wollte. Und sie schwamm mit ihm an die Meeresfläche und setzte ihn am Ufer ab.

Da verwandelte er sich in einen Hirschen mit einem halb silbernen, halb goldenen Geweih und kam gerade zum Scheiterhaufen hin, als er eben angezündet worden war, er sprang hinein und zerstörte mit seinem Geweih den ganzen Scheiterhaufen und schleuderte ihn auseinander, daß Feuer und Funken eine Meile im Umkreis herumflogen, den beiden Prinzessinnen aber auch nicht ein Haar am Haupte versengt wurde. Da rief der Prinz erstaunt aus: »Das war doch ein wunderbarer Hirsch; wer nur einen Zacken seines Geweihes bekommen könnte!« Und die beiden Prinzessinnen antworteten: »Wohl dem, der einen hat!«

Nun hatte es sich doch gezeigt, daß sie reden konnten, aber nur nicht wollten. Daraufhin wurden sie wieder ins Schloß geführt und bekamen drei Nächte Frist, um entweder ganz von ihrer Verhexung geheilt zu werden oder um sich zu bedenken und alles zu offenbaren, was sie mit ihrem Stummsein verheimlichen wollten. Inzwischen wurden aber neue Anstalten zu ihrer Verbrennung getroffen. Ein hoher Scheiterhaufen mußte draußen auf dem Felde errichtet werden und rundherum wurde ein mächtiges Bollwerk gebaut, und als die Prinzessinnen am dritten Morgen ihr Stummsein noch nicht aufgegeben hatten, wurde ein enger Kreis von Soldaten um den Scheiterhaufen gebildet; die Prinzessinnen wurden in diesen Kreis hineingeführt, der Scheiterhaufen angezündet und sobald er lichterloh brannte, sollten sie darauf geworfen werden.

Am Morgen desselben Tages sagte die Meerfrau wieder: »Nun, Ritter Grünhut, heute wird es doch ernst mit den beiden Prinzessinnen, welche wegen dir verbrannt werden sollen. Aber es hilft dir heute nichts, wenn du mich auch bittest, dich hinzulassen um zuzusehen, weil ja doch nur du es warst, der es die beiden vorigen male verhindert hat. Mir sind diese Erdenprinzessinnen schon langweilig. Laß sie nur verbrennen! – Bin ich denn nicht viel schöner als sie?« – »Freilich bist du das,« antwortete ihr der Ritter Grünhut. »Und ich verlange auch gar nicht mehr, daß du mich heute ans Land tragen sollst, aber zusehen mußt du mich doch lassen, wie sie verbrannt werden. Hebe mich nur über die Meeresfläche empor, daß ich den Scheiterhaufen sehen kann.«

So freundlich hatte er früher noch nie mit ihr gesprochen, deshalb konnte die Meerfrau auch nicht widerstehen und schwamm mit dem Ritter hinauf und hielt ihn so hoch empor, daß er den Kopf über dem Wasser hatte. »Siehst du etwas?« fragte sie. »Nein, ich kann den Scheiterhaufen nicht sehen,« erwiderte der Ritter, »ich muß höher hinauf.« Da hob sie ihn so hoch, daß auch seine Arme über dem Wasser waren. »Aber jetzt wirst du ihn doch sehen können?« fragte sie wieder. »Nein, noch nicht,« sagte der Ritter, »ich muß noch höher hinauf.« Darauf hob ihn die Meerfrau so hoch, daß nur noch seine Füße ein wenig vom Wasser benetzt wurden und fragte: »Kannst du ihn jetzt endlich sehen?« – »O ja, nun leb' wohl!« antwortete ihr der Ritter Grünhut, denn er hatte sich im selben Augenblick in einen Falken mit einer silbernen und einer goldenen Feder verwandelt und flog ihr aus den Händen. Sie erwischte ihn nur noch an einer Schwanzfeder, die ihr in der Hand blieb, während er sich hoch über Meer und Land bis zu den Wolken aufschwang über Soldaten und Bollwerk hin gerade aus zum Scheiterhaufen flog, im selben Augenblick, als die beiden Prinzessinnen auf denselben geworfen wurden; er schlug mit seinen Schwingen um sich und schleuderte das Holz des Scheiterhaufens auseinander, daß Feuer und Funken im ganzen Reich des Prinzen herumflogen.

Da riefen die Prinzessinnen wie aus einem Mund: »Tritt vor, Ritter Grünhut!« Und da stand er auch vor ihnen in seiner menschlichen Gestalt und beide fielen ihm um den Hals und küßten ihn.

Nun konnten alle zwei auf einmal wieder reden und die schöne Prinzessin aus dem fremden Land erzählte nun von Anfang bis zum Ende, wie Ritter Grünhut seines Herrn Auftrag getreulich vollführt und für ihn in seinen drei Thiergestalten gefreit habe und sie auf sein Schiff führte und mit ihr, bis sie des Prinzen Land in Sicht bekamen, segelte und wie sich zuletzt der falsche Ritter Roth hinter ihm herschlich und ihn von rückwärts ins Meer stürzte.

Als der Prinz dies alles vernommen hatte, schämte er sich sowohl als er auch traurig wurde, weil er dem Ritter Roth so fest geglaubt und sich nicht allein an seiner Braut, sondern auch an seiner eigenen Schwester vergriffen hatte. Deshalb bat er den Ritter Grünhut, ein Urtheil über den untreuen Schurken zu sprechen. Und der verurtheilte den Ritter Roth, daß man ihn selbst auf jenem Scheiterhaufen verbrennen solle, den er für die unschuldigen Prinzessinnen errichten ließ. Und alle Hände halfen um die Wette, das Holz wieder zusammen zu tragen und den Scheiterhaufen neu aufzurichten. Der wurde dann frisch angezündet und der falsche Ritter wurde darauf zu eitel Asche verbrannt.

Nunmehr feierte man eine Doppelhochzeit: der Prinz wurde mit seiner schönen Prinzessin und Ritter Grünhut mit des Prinzen Schwester getraut. Und die Hochzeitsfeier dauerte volle drei Jahre und drei Tage, und alle Menschen, groß und klein, waren froh und freuten sich.


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