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Märchen - Arthur und Albert Schott: Rumänische Volkserzählungen aus dem Banat


Das blutrote Seidenschaf

Ein armer Waisenknabe, dem Vater und Mutter gestorben waren, verdingte sich einem Manne, welcher fünf Schafe hatte. Dieser gab ihm für jedes Stück einen Gulden Hüterlohn und hieß ihn, im Walde eine Weide aufzusuchen. Wenn er dann im Herbst zurückkomme, werde er ihm für jedes Stück, welches er über die fünf heimbringen würde, wieder einen Gulden geben. Darauf trieb der junge Hirte sein kleines Häuflein fort und kam nach ein paar Tagen in einen großen Wald, worin sich viel und sehr gute Weide befand.

Er machte sich also dort ein kleines Hüttlein, worin er mit seinen Schafen Platz hatte, und flocht darum, so wie es die Hirten unseres Volkes zu tun pflegen, einen Zaun von Reisig und Ruten. Dies war zum Schutz gegen Wölfe oder sonstige wilde Tiere, deren es in dem Wald von Struppwerk genug gab.

Eines Abends, er hatte eben die Tür seiner Einfriedigung geschlossen, rief es draußen, und zwei fremde Männer baten um Einlaß. Der Knabe machte sogleich auf – wie wenige hätten dies getan! –, und es trat der Herr Christus mit dem heiligen Apostel Petrus ein, welche aber der Knabe natürlich nicht erkannte. Die Männer grüßten den Jungen, und nachdem er ihnen freundlichen Dank dafür nicht schuldiggeblieben, so baten sie um Essen und ein Nachtlager, da sie sehr müde und hungrig waren. Der Schafjunge hatte aber nichts zu essen, denn er selbst hatte bis jetzt von Beeren und Waldfrüchten gelebt, die er während des Schafhütens im Walde gefunden. Nun war er der Fremden wegen, die er, wie es das heilige Gastrecht verlangt, gerne gut bewirtet hätte, in großer Verlegenheit. Er wußte also nichts anderes zu tun, als geradezu eines der Schafe zu schlachten und es für seine Gäste zuzubereiten. Diese waren aber auch so hungrig, daß sie nach und nach das ganze Schaf aufzehrten. Als sie damit fertig und satt waren, sprach Christus zu dem Knaben: »Mein Sohn, wo hast du das Schaf geschlachtet, hier oder draußen?« Da sagte jener: »Hier im Hof!«, worauf der Herr fortfuhr: »Gut, so nimm das Blut auf, wie du es draußen noch finden wirst, und sammle auch alle Knochen und Beine davon, welche wir übriggelassen und grabe alles zusammen in einer Ecke des Hofes ein!« Der Knabe tat so, wie ihm gesagt worden, und nachdem er damit fertig war, kam er wieder herein und wies seinen Gästen jedem eine Ecke in dem kleinen Hüttenraume an, wo er schon von dürrem Laub weiche Lagerstätten bereitet hatte. Weil aber die Schafe auch gewöhnt waren, hier zu schlafen, so legte er sich unter die Türe, damit für diese Nacht keines herein und die Fremden beunruhigen könnte. Auch seine Schafe mußten ihm helfen, das Gastrecht zu üben.

Des Morgens stand er in aller Frühe auf, um nach seinen Schafen zu sehen, wie staunte er aber, als er statt vieren, die er heute noch haben sollte, den ganzen Hofraum mit den schönsten Schafen voll sah, so daß dieser sie kaum zu fassen vermochte. Er wußte nicht, was er denken sollte, und lief deshalb hinein zu seinen Gästen, welche unterdessen auch schon munter geworden waren, und erzählte ihnen, was draußen vorgegangen sei. Dazu beklagte er sich, daß er nun nicht wisse, was mit so vielen Schafen machen, die nicht seinem Herrn gehörten. Hierüber beruhigte ihn der Herr und hieß ihn nur die Schafe alle zu behalten, bis sein Herr komme, dem solle er sie dann alle übergeben, nur das ein rote solle er nie weggeben, sondern selber immer behalten, denn mit diesem werde er sein Glück machen. Auf diese Reden beruhigte sich der Knabe und begleitete die Fremden, welche sich indessen zum Weitergehen angeschickt hatten, noch ein Stück Wegs, damit sie sich nicht verirren sollten.

Als er zu seinen Schafen zurückgekehrt war, fand er wirklich ein außerordentlich schönes und wunderbares darunter, welches der Fremde gemeint hatte, daß er es behalten solle. Es hatte keine Wolle wie andere Schafe, sondern sie war dicht und lang und von außerordentlicher Feinheit, so daß sie sich wie Seide anfühlte, dabei war sie von brennend blutroter Farbe, so daß man kaum darauf sehen konnte, ohne die Augen schnell abwenden zu müssen.

Bald darauf kam einmal der Herr der Schafe, um nach seinen fünf Schafen, die er dem Jungen übergeben hatte, zu sehen. Wie er aber den ungeheuren Haufen sah, wußte er vor Verwunderung auch kaum Worte zu finden. Er fragte endlich und zählte, als ihm sein kleiner Schäfer sagte, daß alle sein seien. Mit dem Zählen brachte er es aber nur auf fünftausend, da wurde es ihm zuviel und er ließ es sein, soviel es sein mochten, dem Knaben aber bezahlte er fünftausend Gulden und entließ ihn, denn der konnte selbst Bauer und Herr werden. Dieser nahm auch den Stab und sein kleines Bündel samt dem vielen Gelde, beurlaubte sich von seinem Herrn und ging. Da sprang aber das blutrote Schaf mitten aus der Herde heraus und folgte ihm überallhin.

So war er fortgewandert, bis es Abend geworden war, da kam er in ein Dorf und kehrte bei einem Popen ein. Dieser war zwar nicht zu Hause, sondern eben noch beim Fruchtmessen auf dem Tretplatz beschäftigt. Die Popin hieß ihn indessen sitzen, gab ihm zu essen, das rote Schaf aber bekam seinen Platz im Stall, wo ihm auch sein gehöriges Futter vorgesetzt wurde. Als die jüngste Tochter des Popen das schöne rote Schaf gesehen hatte, gefiel ihr seine herrliche Wolle so gut, daß sie bei sich beschloß, wenn sein Herr schlafen würde, von seiner Wolle zu nehmen. Dies währte auch nicht lange, denn der arme Knabe war müde, so daß er bald in festem Schlafe auf der Streu lag, welche ihm im Hause bereitet worden war. Das Mädchen schlich sich in den Stall zu dem roten Schaf, faßte eine Handvoll Wolle, um sie auszureißen, konnte aber mit aller Anstrengung auch nicht das geringste davon herausbringen. Als es nun sah, daß es sich umsonst bemühte, wollte es das Schaf loslassen, seine Hand blieb aber in dem roten Vlies wie eingewurzelt fest; alle Mühe, sich loszumachen, war vergebens, es mußte bei dem Schafe festgebannt stehenbleiben. Da geriet es in Angst und fing an zu schreien, so daß seine ältere Schwester herbeikam, um zu sehen, was es gäbe. Als ihr die jüngere ihre Not klagte, wollte sie ihr helfen, aber kaum hatte sie das Schaf angefaßt, um die Hände ihrer Schwester aus seinem Vlies loszumachen, so konnte auch sie die Hände nicht mehr davon wegbringen. Nun schrien alle beide, und es eilte die älteste Schwester herbei, um die beiden Festgebannten zu befreien; aber es gelang ihr ebensowenig; ja, auch sie geriet so in die Wolle des Wunderschafs, daß sie ebenso fest darin hängenblieb wie ihre Schwestern. Der Lärm war natürlich immer größer geworden, und so eilte jetzt die Popin selber mit dem Besen herbei. Kaum sah sie die Lage ihrer Töchter, so führte sie mit ihrer Waffe einen Streich auf das Schaf; der fiel so weich in die Wolle des Tieres, als ob er nichts wäre, sie blieb aber auch darin hängen wie die Hände ihrer Töchter, und sie konnte auch den Besen nicht mehr loslassen. Jetzt kam eben der Geistliche vom Tretplatz nach Hause. Da er das Geschrei im Stalle hörte, ging er hinzu und sah das Wunder, begann zwar zu lachen, aber da kreischte die Frau und hieß ihn das verdammte Schaf, von dem sie nicht mehr loskommen könnten, totschlagen. Der Pope wollte also in gerechtem Eifer mit der Fruchtschaufel, welche er bei sich hatte, einen wohlgezielten Streich auf das Schaf führen. Der Erfolg war aber kein anderer als der, den die geistliche Frau mit ihrem Besen errungen hatte, denn auch er blieb mit der Schaufel fest in der Wolle des Schafes hängen.

Dadurch, daß jetzt der Pope mitschrie, war der Lärm, den alle machten, ansehnlich verstärkt, und so erwachte endlich der Eigentümer des Schafes und sprang ebenfalls herbei, ebenso hatte sich aber auch aus der Nachbarschaft eine große Anzahl Zuschauer versammelt, die alle an diesem Spektakel ihre heimliche Freude hatten, denn jeder wußte über den Popen oder eines von seiner Familie etwas zu sagen. Der Knabe, der Herr des Schafes, wurde vor allem mit einem Schwall von Schimpfreden und Scheltworten empfangen, warum er mit seinem verdammten Schaf nicht beim Teufel und seiner Großmutter über Nacht geblieben sei und dergleichen; nachher baten sie ihn freilich alle wieder, daß er sie losmachen solle. Dies war aber umsonst, denn der Knabe wußte das Geheimnis dazu ebensowenig wie irgend jemand von den Gegenwärtigen. Während also einerseits der Zorn und Unmut der Festgebannten zunahm und sich in Schimpfen und Fluchen Luft machte, so nahm andererseits auch die heimliche Freude der Zuschauer zu und wurde laut, so daß sich nach und nach das ganze Dorf versammelte. Endlich traten einige Leute zu dem Knaben und hießen ihn, mit seinem Wunderschafe und der daran hängenden Popenfamilie vor den Kaiser zu gehen und dieses Wunder dort zu zeigen. Sie versicherten ihm dabei, daß er gewiß sein Glück machen werde.

Der Knabe, welcher kaum selbst recht wußte, was er tun solle, befolgte den Rat, ging und rief sein Schaf, welches ihm sogleich folgte, indem es die Popischen alle nach sich zog. Diesem Zug folgte ein ganzer Troß neugieriger Zuschauer bis über die Markung des Dorfes hinaus, in dem er sich befunden hatte. Zu derselben Zeit regierte nun ein Kaiser im Lande, sein Name liegt mir fast auf der Zunge. Dieser hatte eine Tochter, welche schon seit Jahren in eine tiefe Schwermut verfallen war, so daß man allgemein befürchtete, sie müsse dran sterben. Der gute Kaiser, welcher an ihr, seiner einzigen Tochter, außerordentlich hing, fragte nun bei allen Ärzten und Philosophen des Landes herum, wie man dieser gefährlichen Schwermut seiner Tochter abhelfen könnte, allein keiner von ihnen wußte etwas anderes zu sagen, als daß sie geheilt sein würde, wenn es einem gelänge, sie einmal zu einem herzlichen Lachen zu bringen. Der Kaiser ließ deshalb in seinem ganzen Lande bekanntmachen, daß derjenige, welchem es gelingen würde, seine Tochter, die schwermütige Prinzessin, zum Lachen zu bringen, dieselbe, wer es auch sei, zur Frau und noch bei seinen Lebzeiten die Hälfte seines Reiches zum Beherrschen bekommen solle, nach seinem Tode würde derselbe auch Kaiser über die andere Hälfte werden. Dies war schon längere Zeit bekanntgemacht worden; viele hatten auch um des schönen Lohnes willen ihr Heil versucht, aber vergebens, denn keinem war es noch gelungen, die Prinzessin auch nur zum Lächeln, geschweige denn zum Lachen zu bringen.

So standen also die Dinge, als der Schäferknabe mit seinem merkwürdigen Zuge zu Hofe zog. Auf sein Verlangen wurde er bald vor den Kaiser gelassen, dem er sein hübsches Wunderstückchen zeigte, worüber der gute Kaiser in ein fast unaufhaltsames Gelächter geriet. Als er sich von diesem wieder einigermaßen erholt hatte, ließ er sogleich seine Tochter, die Prinzessin, rufen, denn er hoffte selbst, daß dieser Anblick gewiß für sie von der besten Wirkung sein würde.

Diese kam, und als man ihr das seltsame Schauspiel, diese mit einem blutroten Schafe so spaßig verhängte Popenfamilie zeigte, so brach sie in der Tat in ein so unaufhörliches Lachen aus, daß alle, die es sahen und hörten, glaubten, die Prinzessin sei nicht mehr die nämliche. Alles war aber auch nicht minder erfreut, denn man wußte jetzt, daß sie von ihrer unheilbaren Schwermut geheilt sei.

Der Kaiser selbst, hocherfreut über die glückliche Gesundung seiner Tochter, ging sogleich auf den Knaben zu, nahm ihn bei der Hand und rief ihn als seinen Schwiegersohn aus, indem er die Hand seiner Tochter in die seinige legte. Dann ließ er ihm auch als Mitregenten huldigen und setzte ihn noch bei seinen Lebzeiten über die eine Hälfte seines Reiches. Die Hochzeitsfeierlichkeiten aber wurden so glänzend und prachtvoll ausgeführt, wie man es sonst nur bei einem ganzen Kaiser tun würde. Ob die Popenfamilie von dem Wunderschaf je wieder loskam, vermag ich nicht zu sagen, denn die Geschichte selbst verschwieg es, gewiß aber ist, daß es Gott mit ihr gemacht haben wird, wie sie es verdiente, denn er legt ja niemand mehr auf, als er zu tragen vermag.

Damit wünsche ich dir und allen, die an ihn glauben, langes Leben und Gesundheit.


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