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Märchen - August Leskien und K. Brugman: Litauische Volkslieder und Märchen


Von der Ratte, die den Königssohn zum Mann bekam

Es war ein König, der hatte eine schöne Frau und eine schöne Tochter. Seine Frau starb. Da fuhr er in allen Landen umher, sich wieder eine Frau zu suchen, aber er fand nirgends eine, die so schön war wie seine Frau oder seine Tochter. Da sagte er zu seiner Tochter ›Liebe Tochter, wir wollen Mann und Frau werden!‹ Die Prinzessin aber antwortete ›Wie können wir Mann und Frau werden, da ich eure Tochter bin und ihr mein Vater seid!‹ Und in der Nacht setzte sie sich ans Fenster und weinte. Da erschien ihre Mutter und sprach ›Weshalb weinst du so?‹ ›Was sollt ich nicht weinen‹, antwortete sie, ›da mein Vater mich heiraten will und schon die Hochzeit zugerichtet hat?‹ Da sagte die Mutter ›Bitt ihn, dass er dir Sonnenkleider, Sonnenhandschuhe und Sonnenschuhe machen lasse.‹ Am nächsten Morgen kam der König zu seiner Tochter und sprach ›Komm, wir wollen jetzt zur Trauung fahren!‹ Aber sie erwiederte ›Wenn ihr mir Sonnenkleider, Sonnenhandschuhe und Sonnenschuhe machen lassen wollt, so mag danach die Hochzeit sein!‹ Da liess der König an seine Fabriken den Befehl ergehn, sie sollten diese Art Kleider machen, und noch den nämlichen Tag war der ganze Sonnenanzug fertig. Der Abend kam, da setzte sich die Prinzessin wieder ans Fenster und weinte. ›Ach mein Gott‹, sprach sie ›was ist nur dem Vater in den Sinn gekommen, dass er mich heiraten will?‹ Da erschien die Mutter am Fenster und sprach ›Weshalb weinst du so?‹ ›Wie sollt ich das Weinen lassen, da der Vater mich zur Frau haben will?‹ Da sprach die Mutter ›Bitt ihn, dass er dir einen ganzen Mondanzug und einen ganzen Sternenanzug machen lasse.‹ Am andern Morgen kam der König zur Prinzessin und sprach ›Mach dich fertig, Tochter, dass wir zur Trauung fahren!‹ ›Vater‹, erwiederte sie, ›wenn ihr mir einen Mondanzug und einen Sternenanzug machen lassen wollt, so mag nachher die Hochzeit sein!‹ Da liess ihr der König auch diese Art Kleider anfertigen und sprach darauf zu ihr ›So lass uns jetzt zur Trauung fahren!‹ Aber die Prinzessin sagte ›Vater, wartet noch eine Nacht! ich möchte mich noch mit meiner Mutter beraten.‹ In der Nacht um zwölf Uhr erschien die Mutter und sprach ›Weshalb weinst du so?‹ ›Wie sollt ich das Weinen lassen, da mein Vater mir den ganzen Anzug verschafft hat und ich mich nun mit ihm trauen lassen muss?‹ Die Mutter aber sagte ›Bitt ihn, dass er dir einen Mantel von Rattenpelz nähen lasse. Danach bind alle deine Kleider zusammen und geh ins Bad, sag, du wollest dich da fertig machen und waschen. Ich werde dann erscheinen und dich mit Sturmeswehen davontragen.‹ Am nächsten Morgen sprach die Prinzessin zum König ›Vater, verschaff mir erst noch einen Pelz von Rattenfellen!‹ Der König liess auch den machen und sprach alsdann ›So zieh jetzt, liebe Tochter, deine prächtigsten Kleider an, dass wir zur Trauung in die Kirche fahren!‹ Und die Prinzessin sagte ›Ich muss noch ins Bad, da will ich mich fertig machen und mich waschen.‹ Und sie packte alle ihre Kleider zusammen, auch die Sonnen-, die Mond- und die Sternenkleider, ging in das Bad und zog da ihren Rattenpelz an. Da erschien ihre Mutter und trug sie mit Sturmeswehen davon. Sie trug sie mitten in einen Wald und setzte sie zur Seite eines Wegs, wo ein Kreuzstein war, nieder. Der Stein that sich auf, und da legte die Prinzessin die Kleider in den Stein und machte ihn dann wieder zu. Der König aber wartete, dass seine Tochter aus dem Bad nach Haus käme, aber sie kam nicht. Er schickte Diener hin, die sollten sehn, wo sie bliebe. Die Diener gingen, sie kamen aber wieder und sagten ›Eure Tochter ist nicht mehr da.‹ Da fiel der König in schweren Gram, nahm eine Flinte und schoss sich mitten auf dem Schlosshof todt.

Es kam aber ein König die Strasse gefahren, an der der Stein stand, und sah an dem Weg eine Ratte liegen. Die Ratte redete und sprach ›Lieber König, nehmt mich doch mit nach eurem Schloss!‹ Dem König war das neu und komisch, dass eine Ratte redete. Das Thier machte ihm Vergnügen, und er nahm es, liess es mit nach seinem Schloss fahren und gab es dort einem Lakei in Obhut. Eines Tags nun wollte sich des Königs Sohn zum Kirchgang anziehn, da hatte der Lakei ihm die Stiefel zu putzen vergessen. Da putzte sie ihm die Ratte und trug sie zu ihm hin. Der Prinz aber rief ›Du unflätiges Thier wagst dich an mich heranzukommen!‹ und er nahm den einen Stiefel und warf ihn nach der Ratte. Danach ritt der Prinz zur Kirche, die Ratte aber bat den Lakei, dass er sie in die Kirche gehn lasse. Der Lakei liess sie auch hin und sagte, sie solle nicht länger als eine Stunde ausbleiben, und da lief die Ratte zum Stein, zog ihre Sternenkleider, Sternenschuhe und Sternenhandschuhe an und ging so in die Kirche. Die ganze Kirche erstralte, als sie eintrat, und alle Herren und Junker schauten nach ihr. Und wie sie nachher aus der Kirche herausging, da begrüsste sie der Junker, der mit dem Stiefel nach ihr geworfen hatte, und fragte sie ›Von wo bist du, schönes Fräulein?‹ ›Aus dem Stiefelschloss.‹ ›Wo liegt das? ist's weit von hier?‹ ›Ich kann's nicht sagen, denn zu Haus bin ich etwas andres als das hübsche stolze Fräulein.‹ Damit ging sie. An dem Stein aber zog sie ihre Kleider wieder aus, warf den Rattenpelz um und lief nach dem Schloss zurück. Auch der Prinz kam jetzt heimgeritten, und er erzählte seinen Eltern und seinen Brüdern und Schwestern, er habe heut ein Fräulein gesehn, das sei so schön gewesen, wie selbst sein Vater, bei seinen Jahren, gewiss noch keins gesehn habe. Und er fragte den König ›Wisst ihr nicht, Vater, wo das Stiefelschloss liegt?‹ Der Vater antwortete ›So lang mich die Erde trägt, hab ich noch nie was von dem Schloss gehört.‹

Den nächsten Sonntag wollte der Junker wieder zur Kirche. Er setzte sich, um erst noch was zu essen, an den Tisch. Da hatte der Lakei ihm ein Messer zu geben vergessen, und da brachte ihm die Ratte das Messer an den Tisch heran. ›Unflätiges Thier!‹ rief der Prinz, ›was wagst du dich an mich heran zu kommen!‹ und dabei schlug er mit dem Messer nach ihr. Danach ritt der Junker zur Kirche, die Ratte aber bat den Lakei, er solle sie doch wieder zur Kirche gehn lassen. ›Du kannst gehn‹, sagte der Lakei, ›aber dass du mir nicht länger als eine Stunde ausbleibst!‹ Da lief die Ratte zum Stein, zog die Mondkleider, die Mondschuhe und die Mondhandschuhe an und ging in die Kirche. Die ganze Kirche erstralte von dem Glanz ihrer Kleider, und alle Junker schauten nach ihr und sprachen ›Letzten Sonntag war sie so schön, heute ist sie noch schöner.‹ Nachher aber, als sie die Kirche verliess, waren wieder alle Junker hinter ihr her, und wieder begrüsste sie der Junker zuerst, der mit dem Messer nach ihr geschlagen hatte, und sprach ›Von wo bist du, Fräulein?‹ ›Aus dem Messerschloss.‹ ›Wie weit, Fräulein, ist's zu dem Schloss?‹ ›Ich kann's nicht sagen und erklären.‹ Damit ging sie fort. Die Junker aber besprachen sich jetzt darüber, wie man ihr beikommen und ein Erkennungszeichen von ihr bekommen könnte, und etliche sagten ›Wir müssen neben die Kirchenthür ein Fass mit Theer stellen; wenn sie dann aus der Kirche heraustritt, so giessen wir etwas Theer hin, da bleibt vielleicht ihr Schuh in dem Theer hängen.‹ Der Prinz ritt nach Haus, um seinen Eltern wieder alles zu erzählen, das Fräulein aber ging zu dem Stein, zog wieder ihren Rattenpelz über und lief zum Schloss zurück.

Der nächste Sonntag kam, und der junge Herr wollte wieder zur Kirche, um zu sehn, ob das Fräulein mit den kostbaren Kleidern wieder hinkäme. Wie er sich nun dazu anzog und sich das Gesicht wusch, fehlte das Handtuch. ›Wo ist das Handtuch?‹ rief er. Und da kam die Ratte und überreichte ihm das Handtuch. Er nahm's ihr ab und schlug sie damit und rief ›Unflätiges Thier, bist du schon wieder hier!‹ Danach ritt der Prinz zur Kirche, die Ratte aber bat wiederum den Lakei, er möge sie doch zur Kirche gehn lassen. ›Meinethalben geh!‹ sagte der Lakei, ›aber bleib mir nicht länger als anderthalb Stunden aus!‹ ›Ich bleibe nicht länger‹, versetzte die Ratte, lief zum Stein und zog ihre Sonnenkleider an. Und wie sie in der Kirche er schien, da sagte der Prinz zu den andern Junkern ›Seht, wie schön sie ist! Sie hat einen Sonntag immer schönre Kleider an als den andern: das glänzt ja heute alles an ihr wie Sonnenschein!‹ Und nachher sagte er ›Wenn sie aus der Kirche geht, wollen wir den Theer hingiessen!‹ Das thaten sie denn auch, und wie das Fräulein jetzt drüber weggehn wollte, blieb ihr einer Schuh in dem Theer kleben. Da war es ihr genierlich, den Schuh aufzuheben, und der Prinz hob ihn geschwind auf und steckte ihn zu sich. Alsdann trat er an das Fräulein heran, begrüsste sie und sprach ›Von wo bist du, Fräulein?‹ ›Aus dem Handtuchschloss.‹ ›Ist das Schloss weit?‹ ›Ob's weit, ob's nah ist, werdet ihr sehn, wenn alles an den Tag kommt!‹ Damit ging sie davon, warf am Stein den Rattenpelz über ihre Sonnenkleider und lief zum Schloss zurück.

Der Prinz kam jetzt auch nach Haus und brachte den Schuh mit, und die Ratte hörte, wie er dem König und der Königin alles erzählte. ›Die drei Schlösser‹, sagte er, ›werd ich schon finden; wenn ich nur auch das Fräulein wiederfinde!‹ Und er machte sich auf und fuhr in der ganzen Welt umher, und suchte überall nach dem Stiefelschloss, dem Messerschloss und dem Handtuchschloss. Aber niemand konnte ihm die Schlösser zeigen. Und er probierte allen Mädchen und Frauen, den armen und den vornehmen, den Schuh an; aber der war er zu klein und jener wieder zu gross, keiner passte er. Da dachte er ›Am Ende ist sie in unserm eignen Schloss!‹ und kam heimgefahren und probierte auch hier den Schuh allen Mädchen und Frauen an, aber auch hier passte er an keinen Fuss. Endlich sagte der Junker ›So lasst mir die Ratte hereinkommen, vielleicht passt er der!‹ Die Ratte wurde gerufen, und sie sprach ›Ich will mir ihn anprobieren lassen, aber es muss in einem dunkeln Zimmer sein, und der Prinz darf nicht dabei sein.‹ Da führten sie sie in ein dunkles Zimmer, und dort warf sie ihren Rattenpelz ab, und das ganze Zimmer erstralte von ihren Kleidern. Alle riefen ›Was für ein schönes Fräulein!‹ Und jetzt passte auch der Schuh. Der Prinz aber guckte durch das Schlüsselloch, und da sah er, dass es dasselbe Fräulein war, das er in der Kirche gesehn hatte. Er riss die Thür auf, eilte auf sie zu, umarmte und küsste sie und sprach ›Ich hatte nicht gedacht, dass ein solches Wesen wie du so schöne Kleider und so feine Manieren haben könnte! Aber jetzt bist du meine Liebste und ich dein Liebster. Wir wollen zu meinem Vater und meiner Mutter hingehn, wollen Hochzeit machen und zur Kirche fahren und uns trauen lassen. Und dann wollen wir zusammen leben wie mein Vater und meine Mutter gelebt haben.‹


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