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Märchen - August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen


Der Kater und der Dümmling

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Söhne: zwei kluge und einen dummen. Der Vater wurde krank und hatte keine Hoffnung mehr, gesund zu werden. Vor dem Tode verteilte er seinen Besitz zur Hälfte unter die beiden klugen Söhne. Als der Dümmling sah, daß der Vater ihm nichts hinterlassen hatte, fing er an zu jammern und zu weinen. »Warum übergehst du mich denn, Väterchen?« fragte er. Der Alte dachte nach und sagte: »Mein ganzes Hab und Gut, Söhnchen, hab ich unter deine älteren Brüder verteilt; nur mein Kater und der Ofen zum Teerbrennen sind übriggeblieben, die sollen dir gehören.« Der Dümmling dankte ihm auch dafür.

Der Vater starb. Kaum hatten sie ihn begraben, so packten die klugen Brüder den Dümmling beim Genick und stießen ihn zur Tür hinaus, und den Kater warfen sie ihm auch noch hinterher. »Sucht euch selber euer Brot«, sagten sie, »Faulenzer wollen wir nicht füttern!« Und der Dümmling ging hin und legte sich in sein väterliches Erbteil, in den Teerofen. Dort lag er auf der Asche und nahm den Kater unter den Kopf, um sich zu wärmen. So lag er lange, lange Zeit, dann wollte er essen und schrie: »Essen will ich! Essen will ich.« Und er ergriff den Kater und sagte zu ihm: »Ich werde dich auffressen.« – »Wart ein wenig, friß mich nicht«, antwortete der Kater, »ich werde dir schon Speise bringen.« Und der Kater ging fort, kletterte auf die Dächer und schnüffelte nach Eßbarem herum; er brachte eine Wurst mit und gab sie dem Dümmling zu essen. Kaum hatte der sich vollgefressen, so schrie er: »Heiraten will ich!« Da konnte aber auch der Kater keine Abhilfe schaffen, und so schrie der Dümmling, bis er wieder essen wollte. So ging es Tag für Tag: war er hungrig geworden, schrie er: »Ich will essen«, hatte er sich vollgefressen, schrie er: »Ich will heiraten!« Schließlich fing er an, den Kater zu prügeln. »Man muß ihn verheiraten«, dachte der bei sich. »Aber wie soll man sich mit diesem Klotz in der Asche auf der Freite zeigen? Wer wird denn so einen, wie den, zum Mann nehmen?« Er dachte lange, lange nach, und schließlich hatte er sich etwas ausgedacht.

Er ging auf den Abfallhaufen eines Schneiders, raffte allerhand Flicken zusammen und nähte dem Dümmling ein Kleid; darauf ging er auf den Abfallhaufen eines Schusters, sammelte kleine Stückchen Leder und ein Endchen Pechdraht und machte ihm Stiefel. Er gab ihm zu essen, wusch ihn und zog ihm die neuen Kleider an. Und man weiß ja doch, daß Kleider Leute machen! So war denn auch der Dümmling so hübsch geworden, daß man ihn selbst zur Königstochter hätte führen mögen, und der Kater konnte sich an ihm nicht sattsehen. »Jetzt wollen wir zu unserm Gutsherrn auf die Freite gehen«, sagte er zum Dümmling. »Nenne dich Herr Aschenpuster, denn in Asche hast du dich gewälzt, und sitz da, wie ein großer Herr, sprich kein Wort, halt den Kopf hoch und schau nicht an dir hinunter.« Und sie gingen in die vornehme Welt, zum Gutsherrn. Als sie dort ankamen, konnte sich der Gutsbesitzer vor Staunen nicht fassen, als er einen Kater erblickte, der zu sprechen verstand; doch er staunte noch nicht so sehr wie das Fräulein, seine Tochter. Als der Kater aber erzählte, wie groß des Herrn Aschenpusters Besitzung sei, und daß er die Tochter heiraten wolle, da war sie sogleich mit Freuden einverstanden. Die Eltern wollten jedoch wissen, ob es wahr sei, was der Kater von der Besitzung des Herrn Aschenpusters erzählte, und beschlossen, ihn vor der Hochzeit als Gäste zu besuchen. Sie riefen die Nachbarn zusammen, setzten den Dümmling in eine Kutsche und fuhren davon, der Kater aber lief vorneweg.

Sie fuhren und fuhren und kamen auf das Gut des Drachen von der Berghöhle. Die Hirten hüteten eine große, große Herde Kühe. Der Kater fragte: »Wessen Hirten seid ihr?« – »Des Drachen von der Berghöhle.« – »Sagt nicht, daß ihr des Drachen Hirten seid, sondern antwortet: des Herrn Aschenpusters; denn hinter mir da brausen Grom und Perun1 heran, die werden euch sonst erschlagen!« Und die Hirten gehorchten, als die Gutsbesitzer sie fragten, wessen sie seien. Darauf stieß der Kater auf die Pferdeknechte des Drachen von der Berghöhle, schreckte sie ebenso mit Grom und Perun und befahl ihnen zu sagen, sie seien des Herrn Aschenpusters Knechte. Und so antworteten sie auch auf die Frage der Gutsherren. Der Vater von dem Fräulein aber blähte sich wie ein Hefebrot, weil ein so reicher Herr sein Schwiegersohn werden sollte. Der Kater kam endlich auf den Hof des Drachen gelaufen und rief: »Versteck dich schnell irgendwo, Herr Drache, denn Grom und Perun kommen geflogen; sie werden dich erschlagen und zu Staub zermalmen!« Der Drache aber fürchtete natürlich Grom und erschrak. »Wo soll ich mich verstecken?« sagte er. Mitten aber auf dem Hof des Drachen wuchs eine große hohle Linde. »Klettre schnell dort hinein!« sagte der Kater zum Drachen. Der merkte in seinem Schreck keinen Unrat und war so dumm hineinzukriechen. Mehr wollte der Kater auch nicht: er verstopfte die Höhlung mit Holzscheiten und verschmierte sie mit Lehm. Und dann schrie er dem Hofgesinde des Drachen zu: »Wenn ihr am Leben bleiben wollt, so sagt nicht, daß ihr dem Drachen von der Berghöhle gehört, sondern sagt: dem Herrn Aschenpuster, denn Grom und Perun kommen geflogen, die werden euch sonst zerschlagen, zerstampfen und zertreten wie einen bitteren Apfel.« Alle Knechte gerieten da in fürchterliche Angst.

Unterdessen kamen die Hochzeitsgäste auf den Hof gefahren. Und sie staunten gewaltig, so schön war alles und so herrschaftlich eingerichtet. Die Diener eilten ihnen entgegen und führten das junge Paar in die Gemächer. Dort feierten die Gäste dann die Hochzeit, und es war eine wilde, fröhliche Hochzeit. So lebte nun der Dümmling als Herr auf dem Hofe des Drachen. Und wenn es auch wahr bleibt, daß er seither nicht klüger geworden ist – wozu braucht denn ein Reicher Klugheit? Wem der Herr gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand.

Fußnoten

1 Grom ist das russische Wort für den Donner; Perun war im 10. und 11. Jahrhundert der Name des Donner- und Blitzbeherrschers bei den Russen. – Die Verbindung »Grom und Perun« ist eine erstarrte epische Formel, den Glauben an einen Gewittergott darf man bei dem Erzähler nicht mehr voraussetzen.


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