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Märchen - Mite Kremnitz: Rumänische Märchen


Der Erbsenkaiser

Es war einmal, wie's keinmal war, wäre es nicht gewesen, würde es nicht erzählt.

Es war einmal ein Nichtsnutz, der war so arm und dürftig, daß er nicht einmal so viel zu essen hatte, um Wasser darauf trinken zu können. Nachdem er durch alle Länder gewandert war, kehrte er etwas vernünftiger heim. Er war in der Fremde durch viele Nöthe durchgeschlüpft, hatte mit dem Kopf an die obere Thürschwelle gestoßen, war durch das grobe und das feine Sieb gesiebt worden. Er hätte jetzt auch gern irgend ein Handwerk ergriffen, aber er hatte kein Geld. Eines Tages fand er drei Erbsenkörner. Nachdem er sie von der Erde aufgehoben hatte, nahm er sie in die flache Hand, schaute sie an, dachte lange nach, dann sagte er lachend: »Wenn ich diese Körner in die Erde stecke, habe ich in einem Jahre hundert; wenn ich nachher die Hundert einpflanze, werde ich tausend haben, stecke ich auch diese Tausend in die Erde, gewinne ich wer weiß wie viele! Wenn ich dann in der Weise fortfahre, werde ich schließlich ein reicher Mann. Damit ich dem Reichthum aber nachhelfe, daß er schneller kommt, – laß mich nur machen!«

Er ging darum zum Kaiser und bat ihn, im ganzen Reich für ihn Fässer zu bestellen, in die er seine Erbsen thun könnte.

Als der Kaiser hörte, daß er so eine Unsumme von Fässern brauchte, glaubte er, er sticke im Gelde. Der Kaiser überzeugte sich immer mehr davon, daß er reich sein müsse, als er sich mit ihm in ein Gespräch einließ. Was wahr ist, muß wahr bleiben, er war nicht auf den Mund gefallen; er schnitt auf und prahlte, daß man glaubte, seinem Munde entfielen eitel Perlen.

Er erzählte dem Kaiser, was er in fremden Ländern gesehen, sagte, wie es da und dort sei, sprach von Allem und Jedem, daß der Kaiser mit offenem Munde vor ihm stehen blieb. Als er aber sah, daß der Kaiser sich so über seine Aussagen wunderte, prahlte er immer mehr, sagte, daß er Paläste habe in anderen Ländern, Viehheerden und andere Reichthümer.

Der Kaiser glaubte den Erzählungen des Prahlhans; dann sagte er ihm:

»Ich sehe, daß Du gereist bist, viel weißt, schlau und gerieben bist; wenn Du willst, gebe ich Dir gern meine Tochter zur Frau!«

Der Prahlhans bereute jetzt, dem Kaiser so viel Ungeheuerliches gesagt zu haben, denn nun wußte er nicht, wie er dem Vorschlage des Kaisers entgehen sollte. Nachdem er sich aber etwas besonnen, faßte er sich ein Herz und sagte: »Ich nehme mit Freuden die Schwiegersohnschaft an, die Ihr mir anbietet, erlauchter Kaiser, und ich werde mich bemühen, Euch zu zeigen, daß ich ihrer würdig bin.«

Man traf die nöthigen Vorbereitungen, und nach einiger Zeit wurde eine kaiserliche Hochzeit im Hofe des Palastes gefeiert. Dann blieb unser Mann dort.

Eine Woche verging, zwei, mehrere Wochen vergingen, und keine Ahnung von Erbsen und Reichthum kam zum Vorschein. Schließlich fing der Kaiser an, zu bereuen, was er angerichtet hatte, aber es war nichts daran zu ändern; der Schwiegersohn des Kaisers aber verstand aus dem Betragen, das die Herren und Diener des Hofes gegen ihn annahmen, daß sie ihn gering schätzten.

Ihm brannten die Wangen vor Scham. Trotz alledem machte er lauter Pläne, quälte sich herum, wie er aus der Klemme kommen möchte, und konnte nicht einmal Nachts schlafen. Eines Morgens brach er beim Frühgrauen aus dem Palaste auf, ohne daß Jemand etwas davon wußte. Er ging, bis er auf eine Wiese gelangte, und wanderte so in Gedanken, ohne zu wissen wohin. Plötzlich stand ein rothwangiger Mann vor ihm und fragte ihn: »Wohin gehst Du denn, Gevatter, so in Gedanken und traurig, als ob Dir alle Schiffe auf dem Meere untergegangen wären?«

Er gestand ihm die Bewandtniß, die es mit ihm habe, und auch was er suche. Darauf erwiderte ihm der rothe Mann:

»Wenn ich Dich aus der Klemme, in der Du sitzest, befreie, was giebst Du mir?«

»Was Du von mir verlangst«, entgegnete er.

»Wir sind neun Brüder«, erwiderte der rothe Mann, »und Jeder von uns weiß ein Räthsel. Wenn Du sie räthst, soll unser ganzes Vermögen Dein sein, wenn aber nicht, soll das erste Kind, das Du bekommst, uns gehören.«

Der arme Schwiegersohn des Kaisers, ganz zerknirscht vor Scham, ging darauf ein, so schwer es ihm ankam, in der Hoffnung, daß sich Jemand finden würde, ehe das Kind zur Welt käme, der ihm sagen könnte, was er thun solle.

So machten sie sich auf, damit der rothe Mann ihm die Viehheerden zeige, die er besaß, und seine Paläste, die nicht fern davon lagen. Darauf brachten sie den Kuhhirten, Schweinehirten, Schäfern und Knechten bei, was sie zu sagen hätten, wenn Jemand sie frage, wem die Heerden gehörten.

Des Kaisers Schwiegersohn kehrte darauf in den Palast zurück und sagte, daß er seine Frau am folgenden Tage in sein Haus führen würde. Unterwegs aber auf dem Felde begegnete er einem alten Manne. Als er sah, wie alt und schwach derselbe war, hatte er Mitleid mit ihm und wollte ihm ein Almosen geben. Der Alte nahm nichts an, bat ihn aber, ihn in seinen Dienst treten zu lassen, es würde sein Schaden nicht sein. Er sagte ja. Als der Kaiser hörte, daß sein Schwiegersohn sich in sein eigenes Schloß begeben wollte, gab er vor Freuden den Befehl, Alles großartig herzurichten, um ihn mit kaiserlichen Ehren zu begleiten.

Am folgenden Tage war daher der ganze Hof voll Herren, Soldaten und allerhand Gefolge. Alle Reisevorbereitungen hatte der alte Mann getroffen, der in die Dienste des Kaiserschwiegersohnes getreten war; er sagte, er sei der Haushofmeister des Erbsenkaisers, und Alle lobten ihn wegen seiner Mannhaftigkeit, Würde und seines Fleißes.

Der Kaiser war guter Dinge und machte sich mit der Kaiserin, dem Erbsenkaiser und dessen Frau nach den Besitzungen seines Schwiegersohnes auf. Der alte Knecht ging voran und brachte Alles, was nöthig war, in gute Ordnung. Nur der arme Erbsenkaiser war bleich und muthlos, als hätte ihn Jemand mit kochendem Wasser begossen. Er dachte an die Räthsel und wie er sie entziffern könne.

Sie fuhren und fuhren, bis sie an die Ebene kamen. Hier war eine Wiese gar schön anzusehen, hinter ihr ein Hain wie ein Paradies. Als der Feldwächter ihrer ansichtig wurde, trat er an den Weg mit der Mütze in der Hand.

»Wem gehören diese Ländereien, mein Freund?« fragte der Kaiser.

»Dem Erbsenkaiser«, antwortete der Wächter.

Der Kaiser wurde vor Freude fett, er glaubte nun wirklich, daß sein Schwiegersohn kein Bettler sei. Sie fuhren noch ein Stück, als sie auf eine Unmenge von Heerden mit allerhand Vieh stießen; alle Hüter nach einander fragte er, wem sie gehörten, und Alle antworteten: dem Erbsenkaiser.

Als sie aber an die Paläste der neun Drachen kamen, erstaunte der Kaiser ob ihrer Großartigkeit. Alles war an seinem Fleck. Am Thor wurden sie von einer Musikbande empfangen, die so schöne Lieder spielte, wie er sie noch nie gehört. Inwendig war der Palast mit lauter kostbaren Edelsteinen verziert. Eine großartige Tafel wurde für sie in der Eile hergerichtet, und sie tranken auch von dem unsterblichen Wein.

Nachdem der Kaiser seinem Sohne alles Glück gewünscht hatte, kehrte er in seine Burg zurück, ganz lüstern nach dem Besitze und den Reichthümern seines Schwiegersohnes. Der Erbsenkaiser aber verging rein vor Angst.

Der Abend kam. Der alte Diener sagte seinem Herrn:

»Herr, was Du bis jetzt, seitdem ich Dir diene, von mir hast sehen können, wird Dich von meiner Treue überzeugt haben. Jetzt sage ich Dir, daß ich Dir noch größere Dienste leisten kann.«

»Sprichst Du wahr, Alter?« fragte der Erbsenkaiser.

»Zweifle nicht daran, keinen Augenblick, Herr! Um eines bitte ich Dich noch: laß mich diese Nacht in irgend einem Eckchen des Zimmers, in dem Du schläfst, zubringen, sei's auch hinter der Thür. Ferner rathe ich Dir, antworte nicht ein Wörtlein, wer Dich auch mit Namen ruft, oder wie groß der Lärm auch sei, der gemacht wird.«

»So soll es sein!« sagte der Erbsenkaiser. Und so geschah es auch.

Nachdem sie sich niedergelegt und das Licht gelöscht hatten, hörten sie ein dumpfes Geräusch wie das eines sich nähernden Unwetters. Dann sagte eine heisere, rauhe Stimme:

»Erbsenkaiser, Erbsenkaiser!«

»Was wünschst Du?« entgegnete der Alte.

»Dich rufe ich nicht«, antwortete es, »ich rufe den Erbsenkaiser.«

»Das ist ganz dasselbe«, erwiderte der Alte, »mein Herr schläft, er ist müde«.

Darauf hörte man den Lärm vieler Stimmen, als ob sich Jemand zankte! Dann vernahm man wiederum die erste Stimme: »Erbsenkaiser, Erbsenkaiser!«

»Was giebt's?« erwiederte der Alte.

»Was ist Eins?«

»Der Mond ist Eins«.

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

Darauf hörte man ein Wehklagen, als ob die ganze Hölle draußen wäre, und eine andere Stimme sagte:

»Was ist zwei?«

»Zwei Augen im Kopfe sehen gut.«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

»Was ist drei?«

»Wo drei erwachsene Töchter im Hause sind, sieh Dich vor, den Kopf hinein zu stecken!«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel.«

»Was ist vier?«

»Der Karren mit vier Rädern geht gut.«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

»Was ist fünf?«

»Fünf Finger an der Hand treffen gut.«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

Darauf hörte man wieder ein Geräusch wie von Donnern und Blitzen, das Haus schwankte, als ob die. Erde bebte. Und wiederum ein Geschrei nach dem Erbsenkaiser. Dieser aber wurde immer kleinlauter und holte nicht einmal mehr Athem. Er schwieg rein still. Der Alte antwortete auch diesmal. Darauf fragte eine andere Stimme:

»Was ist sechs?«

»Die Flöte mit sechs Löchern bläst gut.«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

»Was ist sieben?«

»Wo sieben Brüder sind, misch Dich nicht in ihre Angelegenheiten!«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

»Was ist acht?«

»Der Pflug mit acht Ochsen davor pflügt das Erdreich gut um!«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

»Was ist neun?«

»Wo neun erwachsene Töchter im Hause sind, bleibt das Haus ungefegt.«

»Du bist's, Herr?«

»Berste, Teufel!«

Der Erbsenkaiser, der dies Alles hörte, konnte die ganze Nacht nicht schlafen, selbst als es so still wurde, daß man eine Fliege summen hören konnte; er wartete auf den Tag, wie der Todte auf die Todtenspeise.

Am nächsten Morgen, als er aufstand, war der Alte verschwunden. Er trat aus dem Hause, was sah er? Neun geborstene Leichen der rothen Männer, die er den Raben zum Fraß gab. Wie er nun Gott dankte, daß er ihn erlöst und aus der Schande befreit habe, hörte er eine süße Stimme sagen:

»Das Mitleid, das Du mit den Armen gehabt hast, hat Dich erlöst. Sei immer barmherzig.«


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