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Märchen - Svend Grundtvig: Dänische Volksmärchen


Meiner Treu

Es waren einmal ein Paar arme Leute, welche draußen auf dem Lande wohnten und eine kleine Kathstelle hatten, und das ganze Nest voller Kinder. Da bekamen sie wieder ein kleines Kind, das war ein Knabe, und der sollte getauft werden. Aber sie konnten keinen auftreiben, der Gevatter bei ihm stehen wollte; alle entschuldigten sich, weil sie fürchteten, das Kind würde ihnen zur Last fallen, da seine Eltern so arm waren. Es traf sich nun an dem Tage, als sie den Knaben zur Kirche bringen sollten, aber noch keinen Pathen für ihn hatten, daß ein alter Bettler zu ihnen kam und sie in Gottes Namen um eine kleine Gabe bat. Sie gaben ihm von dem, was sie hatten, und er sah, daß etwas sie bedrückte, und erfuhr den Zusammenhang. Da erbot er sich, bei dem Kinde Gevatter zu stehn. »Ihr werdet es nicht bereuen,« sagte er. Und in ihrer Noth nahmen sie das Anerbieten an, und gingen mit dem Kinde zur Kirche, und der alte Bettler stand Gevatter.

Aber sie hatten vergessen, ihm zu sagen, wie das Kind heißen solle, und als der Prediger nach dem Namen frug, sagte der Pathe: »Meiner Treu! was weiß ich?« Der Prediger hörte »Meiner Treu«, und er taufte den Knaben mit diesem Namen, und in das Kirchenbuch schrieb er »Meinhard Treu«. Die Eltern waren recht froh über den Namen; er hätte nie einen bessern bekommen können, sagten sie, jetzt habe er ja sowohl Vornamen wie Zunamen. Sie nahmen den Alten mit nach Hause und bewirtheten ihn, so gut sie es vermochten. Ehe er ihnen Lebewohl sagte, zog der Alte einen kleinen rostigen Schlüssel aus der Tasche und sagte zum Vater: »Hebe ihn gut auf, bis der Junge vierzehn Jahre alt ist! Er paßt zu dem Pathengeschenk, das dann für ihn eintreffen wird.« Und damit sagte der Pathe Lebewohl und Dank, und sie sahen ihn niemals wieder.

Der Knabe wuchs und gedieh und schlug in jeder Hinsicht gut ein; er wurde groß und stark, und war ehrlich und wahrheitsliebend, so daß er seinen Eltern keine Sorge und seinem Namen keine Schande machte. Der Schlüssel wurde nicht besser aufgehoben, als daß der Knabe ihn als Spielzeug erhielt und ihn fortwarf. Viele Jahre nachher, als er so groß geworden war, daß er dem Vater bei der Arbeit helfen konnte, und Dünger graben half, fand er einen Schlüssel im Misthaufen. Er zeigte ihn seiner Mutter, und sie erkannte ihn; es sei der, den er als Pathengeschenk bekommen habe, sagte sie, und sie erzählte ihm jetzt alles von dem alten Manne, und was er gesagt hätte. Der Knabe steckte den Schlüssel in die Westentasche und hielt ihn fortan in Ehren.

Der Tag, an welchem Meinhard sein vierzehntes Jahr vollendete, ward ein merkwürdiger Tag für ihn. Als er und seine Eltern an diesem Morgen aufstanden, sahen sie gerade vor der Thür ein hübsches kleines Haus stehen, das sie nie zuvor gesehn und dessen Gleichen sie auch niemals gesehn hatten. Es war von Brettern erbaut und von oben bis unten kunstvoll geschnitzt; es war ein wahres Prachthaus in Vergleich mit dem, das sie selbst bewohnten. Aber es waren gar keine Fenster in dem Hause; die einzige Oeffnung an demselben war eine hohe Thür im Giebel; aber die war jetzt verschlossen. Der Mann und die Frau standen da und rissen die Augen auf und konnten sich gar nicht denken, was das sein und wie es hergekommen sein könne. Aber Meinhard Treu sagte: »Das ist mein Pathengeschenk,« und er zog den alten rostigen Schlüssel aus der Tasche und versuchte ihn in der Thür. Ja, der paßte vortrefflich, und nun ging er in das Haus. Da drinnen stand das schönste kleine graue Reitpferd, gezäumt und gesattelt, und an der Wand hing ein ganzer Anzug neuer schöner Kleider.

Meinhard zog dieselben an: sie paßten ihm wie angegossen; und er schwang sich aufs Pferd: selbst die Steigbügel hatten gerade die entsprechende Länge. Und als er im Sattel saß, sagte er Vater und Mutter Lebewohl, denn jetzt wollte und mußte er in die Welt hinaus und sein Glück versuchen.

Er sprengte also des Weges dahin, und das Pferd mochte wohl springen können: es war, als flöge er durch die Luft. Als er ein tüchtiges Stück geritten war, sagte das Pferd: »Wenn du hungrig wirst, greif nur in mein rechtes Ohr, und wenn du durstig wirst, greif in mein linkes.« – »Wie!« sagte Treu, »kannst du sprechen, mein gutes Pferd? Das ist ja prächtig!« Und es war auch prächtig, immer eine Herzstärkung bei der Hand zu haben. Es ging jetzt in fliegender Eile über Berg und Thal. Endlich kamen sie durch einen Wald, dort war es schön kühl; das Pferd ging im Schritt und verschnaufte nach dem stürmischen Fluge. Da sah Treu etwas auf dem Wege blinken, es war eine Vogelfeder, die wie pures Gold glänzte. »Die muß ich haben,« sagte Treu und wollte absteigen, um sie aufzuheben. »Nein, laß sie liegen!« sagte das Pferd, »sonst wirst du's bereuen.« Da ließ er sie liegen und ritt weiter. Wieder sah er eine Feder auf dem Wege liegen, die blinkte noch mehr als die erste. Treu wollte sie wieder aufheben, aber das Pferd sagte wie vorhin: »Laß sie liegen! sonst wirst du's bereuen.« Aber als sie etwas weiter kamen, lag wieder eine Feder da, noch schöner als die andern; die konnte Treu nicht liegen lassen, obschon das Pferd sagte: »Willst du meinem Rathe folgen, so laß sie an ihrem Ort bleiben! Du wirst es sonst bereuen.« Treu sprang trotzdem hinab und hob die Feder auf; und als er das erst gethan hatte, konnte er sich auch nicht enthalten, eine zweite und dritte Feder derselben Art aufzuheben, die weiterhin auf dem Wege lagen.

Es waren seltsame Federn: jede einzelne blinkte wie pures Gold, aber wenn man sie zusammenhielt, dann stand ein Bild in ihnen: es war der schönste Frauenkopf, den man sich denken konnte. Treu fand es schwer, seine Augen wieder von demselben abzuwenden. Endlich barg er doch die Federn behutsam in seiner Tasche, und dann ging's wieder in sausender Eile von dannen, bis sie an ein großes Königsschloß kamen. »Hier mußt du hineingehen und Dienste nehmen,« sagte das Pferd.

Treu schwang sich also vom Rücken desselben herab und ging zum Stallmeister und frug ihn, ob er nicht eine Anstellung dort im Stalle erhalten könne; er begehre keinen anderen Lohn, als das Futter für sein kleines graues Pferd. So wurde er denn als Stalljunge angenommen. Es gab dort viel für ihn zu sehen und zu lernen, und er wartete die Pferde des Königs gut, aber er vergaß dabei nicht, sein eignes zu pflegen, und so ging alles eine Zeitlang gut. Treu hatte sein eigenes Kämmerlein drunten im Stalle, und abends, wenn er mit seiner Arbeit fertig war, ging er dorthinein, und verhängte die Fenster sorgfältig, und dann zog er seine drei Goldfedern hervor. Sie leuchteten wie die Sonne, so daß es in der Kammer hell wie der Tag war, und mitten auf den Federn strahlte das schöne Frauenbild, an dem sich Treu nimmer satt sehen konnte. Er saß dort einen Abend nach dem andern und zeichnete das Bild ab, so gut er vermochte. Es schien ihm niemals gut genug zu werden, er begann daher wieder von vorne, und es ward auch besser und besser. Aber es war ja verboten, Licht im Stalle zu brennen, und wie gut Treu auch die Fenster verhängte, so war doch bemerkt worden, daß es hell in seiner Kammer war. Das wurde also dem Stallmeister berichtet, und er mußte hinabgehen, um sich davon zu überzeugen. Ja, es verhielt sich wirklich so: drinnen beim Stalljungen war es hell. Aber ehe der Stallmeister zu ihm herein kam, hatte Treu die Federn versteckt, und es war kein Licht zu entdecken. Aber das Bild, an dem er zeichnete, hatte er nicht beiseite schaffen können; das nahm der Stallmeister mit. Und am folgenden Morgen ging er zum König hinauf und beschwerte sich über Treu: er habe gegen das Verbot Licht in seiner Kammer, sagte er, obschon kein Licht zu finden gewesen sei, und dort sitze er und zeichne solche Bilder wie dies, und dann zeigte er es dem König.

Der König wollte der Sache auf den Grund kommen, und er ließ Treu zu sich berufen. »Was für ein Bild ist das?« frug der König. Ja, das sei eins, das er selbst gezeichnet habe. »Hast du noch mehr?« frug der König. Ja, das habe er, und er mußte sie holen, es waren an dreißig Stück, und alle stellten eins und dasselbe dar, aber das letzte war doch das beste. »Wonach zeichnest du?« frug der König, »und wie kannst du im Dunkeln sitzen und zeichnen? denn du sagst ja, du hättest kein Licht im Stalle gebrannt.« Nun mußte Treu mit der Sprache heraus, so ungern er wollte, und er mußte die Federn holen und den König sie sehn lassen. Der König stand lange und schaute sie und das Bild an, das in ihnen stand. Dann frug er: »Wen soll das vorstellen?« Das wußte Treu nicht. »O, du weißt wohl mehr, als du bekennen willst,« sagte der König; »aber da du es nicht sagen willst, sage ich es dir: es ist das Bild der schönsten Prinzessin in der ganzen Welt. Und die hätte ich haben sollen, als ich noch jung war; jetzt bin ich ein alter Knabe. Und sie gebührte mir von rechtswegen; denn ich hatte das ganze Reich ihres Vaters erobert und ihn umgebracht. Aber da verschwand sie mir, und seitdem hat niemand sie finden können. Alle, die ich ausgesandt habe, nach ihr zu suchen, sind mit leeren Händen zurückgekommen. Und ich habe mich nie mit einer andern verheirathen wollen; dazu hielt ich mich zu gut; denn sie war, wie gesagt, die Allerschönste, und das ist sie gewiß noch. Und du weißt wohl, wo sie ist, da du ihr Bild hast. Und jetzt sollst du sie mir herbeischaffen, oder es kostet dich dein Leben.«

Es half nichts, so viel Treu auch versichern mochte, er wisse nicht, wo sie sei; er habe nur die Federn auf der Landstraße gefunden. Der König blieb dabei: Treu solle ihm geloben, die Prinzessin zu holen, sonst solle er auf der Stelle gehenkt werden. »Ich will's versuchen,« sagte Treu. Dann habe er doch so lange Frist, dachte er. Und er ging in den Stall hinab zu seinem kleinen grauen Pferde, um zu jammern und zu klagen: er solle eine Prinzessin herbeischaffen, von der er gar nicht wisse, ob sie auf der Welt sei. »Es geschieht dir ganz recht,« sagte das Pferd; »das ist für die erste Feder, die du aufhobst. Ich sagte dir ja, du würdest es bereuen. Aber gleichviel, diesmal kann ich dir wohl helfen, obschon du doch einmal sterben mußt.« Dann unterrichtete ihn das Pferd: die Prinzessin, welche das Bild darstelle, sei allerdings noch am Leben, und sie sei noch die Allerschönste in der ganzen Welt; aber sie wohne auch auf einem Schlosse ganz draußen am Ende der Welt. Und sie sei in einen Vogel verwandelt, der die glänzenden Federn trage, von denen Treu einige gefunden. Wenn er sie nun finden und holen solle, dann müsse er zum Könige gehn und erst ein Kriegsschiff mit voller Besatzung verlangen, denn man hätte über ein großes Meer zu fahren. Und das Schiff müsse ganz von Mahagoniholz erbaut und mit kupfernen Nägeln und kupfernem Panzer beschlagen sein; sonst könne es die lange Reise nicht aushalten.

Treu ging zum Könige und verlangte das Schiff, und der König versprach, er solle es erhalten. Der König besaß nicht ein derartiges Schiff, sondern mußte es erst bauen lassen, so daß einige Zeit damit hinging. Als das Schiff fertig war, meldete Treu es seinem kleinen grauen Pferde, und da sagte dasselbe: »Geh jetzt wieder zum Könige hinauf und verlange hundert Tonnen Rindfleisch und hundert Tonnen Waizenmehl, zu Brod gebacken, und hundert Tonnen Würmer! Und dann mußt du noch hundert Handkarren haben, deren jeder zwei Tonnen faßt, und zweihundert Zugriemen für die Mannschaft, welche die hindert Karren ziehen soll, denn ihr müßt noch eine Strecke über Land reisen, wenn ihr bis zu dem Lande am Ende der Welt gefahren seid.« Treu ging zum Könige, und er erhielt alles, was er verlangte, und es wurde an Bord des Kriegsschiffes gebracht. Dann ging er wieder zu seinem kleinen grauen Pferde und meldete ihm dies. Da sagte das Pferd: »Jetzt magst du mir erst eine Tonne Hafer geben; dann nimm mir den Halfter ab, und geh ruhig an Bord!« Treu that das, und gerade als sie vom Lande abstießen, kam ein weißer Pudelhund aufs Schiff gesprungen und legte sich zu Treu's Füßen nieder. Da begriff er wohl, daß er seinen Helfer bei sich auf der Reise hatte.

Das Schiff glitt rasch über die Wellen, und es hatte immer günstigen Wind, so daß sie bald mitten draußen auf dem wilden Weltmeere waren. Dort ließ Treu, nach dem Rathe des Pudels, die hundert Tonnen Würmer ins Wasser werfen, als ein Geschenk für alle Fische des Meeres. Und die leeren Tonnen wurden hinterdrein geworfen: mit denen sollten die Walfische spielen. Und alle Fische kamen herbei und ließen sich das leckere Mahl schmecken, und alle Walfische umtanzten das Schiff und spielten Ball mit den Tonnen. So fuhren sie immerzu, bis sie zu dem Lande am Ende der Welt kamen. Dort gingen sie ans Land und verluden die hundert Tonnen Rindfleisch und die hundert Tonnen zu Brod gebackenes Waizenmehl auf die hundert Handkarren, und die zweihundert Mann, welche die Besatzung des Schiffes bildeten, legten die Zugriemen an, zwei an jedem Karren, und so zogen sie landeinwärts. Zuerst stießen sie auf ein ungeheures Rudel Wölfe und Bären, welche heulten und brummten und sich mit einander bissen und balgten vor lauter Hunger. Denen gab Treu die hundert Tonnen Rindfleisch, da waren sie froh und ließen ihn fürbaß ziehen. Dann stießen sie auf einen Schwarm Riesen, die sich zankten und prügelten, weil sie nur ein Brod hatten, das sie alle haben wollten, so hungrig waren sie. Denen gab Treu die hundert Tonnen zu Brod gebackenes Waizenmehl, da wurden sie froh und machten Platz für Treu mit seinem Hunde und seinen Leuten, und »Danke!« sagten die Riesen, »nun haben wir hundert Jahre lang hier gestanden und uns geprügelt, ohne einen Bissen zu bekommen. Wenn du unsrer Hilfe bedarfst, magst du ihrer gewiß sein.«

Da sandte Treu all seine Leute zum Schiffe zurück, während er und sein Hund immer weiter gingen, bis sie das Schloß erblickten, das wie die Sonne blitzte. »Jetzt müssen wir warten,« sagte der Hund, »bis es die rechte Zeit ist. Denn niemand kann in das Schloß gelangen, außer in drei Stunden des Tages; denn es liegen so viel giftige Schlangen und Molche rings um das Schloß, und sie schlafen nur während der drei wärmsten Stunden am Tage, daß man lebend an ihnen vorüber kommen kann.« Als es nun die rechte Stunde war und alle Schlangen und Molche in Schlaf gefallen waren, ging Treu mit seinem Pudel ins Schloß, und der sagte ihm, was er zu thun habe. Thore und Thüren standen offen, und Treu ging ins Schloß hinein, von einem Saal in den andern, bis er in einen Saal kam, wo ein Goldvogel auf einer Stange saß und schlief. Der hatte gerade solche Federn wie die, welche Treu gefunden. Und er schlich leise hin, und riß dem Vogel die längste Schwanzfeder aus. Derselbe fuhr aus dem Schlummer empor; aber im selben Augenblick stand er da, in die schönste Prinzessin verwandelt, welche ganz dem Bilde glich, das Treu so gut kannte. »Wie kamst du an meinen Hunden vorüber?« frug sie. »Denen gab ich so viel Fleisch, wie sie fressen konnten.« – »Wie kamst du an meinen Riesen vorüber?« frug sie. »Denen gab ich so viel Brod, wie sie haben wollten.« – »Wie kamst du an meinen Schlangen und Molchen vorüber?« frug sie. »Ich wählte die rechte Zeit,« antwortete Treu. »Was willst du hier?« frug sie dann. »Ich bin hergekommen, um dich zu einem Könige in weiter Ferne zurück zu bringen, der dich zu seiner Königin haben will. Und jetzt mußt du mir folgen,« sagte Treu. »Ja morgen,« sagte sie; »jetzt sollst du erst mit mir zu Tische gehn und etwas speisen.« Dann kamen sie in einen Saal, wo ein gedeckter Tisch mit vielen Gerichten und Schüsseln stand, und sie setzten sich an denselben. Aber Treu wollte nur von der obersten Schüssel essen und rührte nichts von allem Uebrigen an. Das hatte der Hund ihm nämlich gesagt, und jetzt hütete er sich wohl, demselben irgendwie ungehorsam zu sein. Die Prinzessin ging umher und zeigte Treu das ganze Schloß mit all seinen Herrlichkeiten; aber es war nicht eine lebende Seele zu sehen, außer der Prinzessin, die ein Vogel gewesen war. Dann wies sie ihm ein prächtiges Schlafzimmer mit vielen gemachten Betten, und sagte ihm, in eins davon möge er sich legen und bis zum anderen Morgen schlafen. Aber Treu antwortete: Nein, er wolle im Schloßthor mit seinem Hunde schlafen, und das that er auch.

Am nächsten Tage ging Treu zur Prinzessin hinauf und frug, ob sie ihm jetzt folgen wolle. »Nein,« sagte sie, »erst mußt Du mich unter den Docken Seide herausfinden, die hier liegen;« und in demselben Augenblick war sie verschwunden, und es lag ein großes Bund Seidendocken von allen Farben da. Aber Treu wußte Bescheid, da der Hund ihn belehrt hatte: er suchte eine einzelne Docke Seide heraus, die ein bischen dunkler als alle übrigen war; die ergriff er, und dann zog er sein Messer und that, als ob er sie zerschneiden wolle. Sogleich stand die Prinzessin neben ihm und bat ihn, es zu unterlassen, denn ihr Leben hing an der Docke Seide. Dann mußte Treu sich wieder mit ihr zu Tische setzen; und jetzt aß er nur von der untersten Schüssel und ließ alle anderen unberührt. Sie wollte ihn dann wieder bereden, in einem der gemachten Betten zu schlafen; aber Treu schlief im Thore bei seinem Hund. Am dritten Tage wollte die Prinzessin ihm noch nicht folgen, ehe Treu sie in einem Bündel Stroh gefunden hätte. Sie versteckte sich nun in einem Strohhalme, der ein bischen heller als die anderen war. Treu fand denselben und that wieder, als ob er ihn zerschneiden wolle. Da stand die Prinzessin neben ihm und bat ihn, es zu unterlassen; jetzt wolle sie ihm folgen. Erst ging sie durchs ganze Schloß umher und schloß alle Thüren zu und nahm die Schlüssel mit, und zuletzt verschloß sie auch das Thor und nahm den Schlüssel mit. Es war ein schweres Schlüsselbund, das sie zu schleppen hatte. Dann ging sie mit Treu vom Schlosse fort. Den ganzen Weg bis zum Strande mußten sie zu Fuße wandern. Endlich kamen sie an Bord und hißten die Segel auf, und sie hatten eben so günstigen Wind auf der Heimfahrt, wie sie auf der Hinreise gehabt hatten.

Mitten draußen auf dem Wasser nahm die Prinzessin ihre Gelegenheit wahr und warf das Schlüsselbund ins Meer. Aber der Pudel sah das und berichtete es Treu, und dieser rief die Fische herbei und bat sie, die Schlüssel herauf zu holen. Und die Fische gedachten des leckeren Mahls, das er ihnen gegeben hatte, und sie begannen danach zu suchen, große wie kleine. Aber es dauerte lange, und keine Schlüssel waren zu finden; denn das Meer ist ja groß und tief, und es sind Berge und Thäler und Löcher und Höhlen da drunten. Das that den Weißfischen so leid, daß sie zu weinen begannen; und daher kommt es, daß sie noch immer rothe Augen haben. Allein endlich kam doch ein alter Hornhecht mit dem Schlüsselbund angeschwommen, er hatte es zwischen zwei großen Steinen gefunden, und dort hatte es so festgesessen, daß er sich den einen Schnabel abgebrochen hatte, als er es losriß; und daher kommt es, daß der Hornhecht noch einen langen und einen kurzen Schnabel hat. Als Treu das Schlüsselbund erhielt, steckte er es zu sich, ohne daß die Prinzessin etwas davon erfuhr.

Endlich kamen sie denn in das Land des Königs zurück, und der alte König war sehr erfreut über die Prinzessin, die noch eben so jung und eben so schön war, wie sie immer gewesen; und jetzt wollte er gleich Hochzeit mit ihr machen. Aber sie sagte: Nein, daraus würde nichts, ehe ihr eigenes Schloß mit all seinen Herrlichkeiten neben dem Schlosse des Königs stünde. Das sei ihre Bedingung, und ehe die erfüllt sei, könne von keiner Hochzeit die Rede sein.

Der König ließ sogleich Treu rufen und sagte, es sei recht schön, daß er die Prinzessin herbeigeschafft habe; allein das nütze doch gar nichts, wenn sie nicht ihr eigenes Schloß hier habe. Warum habe er das nicht ebenfalls mitgebracht? Er müsse geloben, ihm das zu schaffen; sonst solle er gleichwohl sein Leben verlieren. Da wurde es Treu ganz schlimm zu Muthe, und er ging zu seinem kleinen grauen Pferde hinunter, das wieder im Stalle stand, und klagte ihm seine Noth. Jetzt sei es wohl eben so gut, daß er stürbe, sagte er, denn das könne er doch unmöglich vollbringen; und er habe auch keine Lust, länger zu leben, wenn die schöne Prinzessin mit dem alten König vermählt worden sei. »Ja, das hast du für die zweite Feder, die du aufhobst,« sagte das Pferd; »sagte ich dir nicht, du würdest es bereuen? Aber dies Mal kann ich dir wohl noch helfen, obschon du doch einmal sterben mußt. Geh zum König und verlange ein neues Schiff, ganz wie das vorige, mit eben so vieler Mannschaft und mit der gleichen Ladung!«

Treu that das, und er erhielt alles, und, um es kurz zu erzählen, es ging wie das vorige Mal: der Pudelhund reiste mit, die Fische erhielten die hundert Tonnen Würmer, und die Walfische erhielten die leeren Tonnen, um damit zu spielen; Treu kam zu dem Lande am Ende der Welt, Bären und Wölfe erhielten die hundert Tonnen Fleisch, und die Riesen erhielten die hundert Tonnen zu Brod gebackenes Mehl. Und als sie zu dem Schlosse kamen, das wie die Sonne blitzte, da packten alle Riesen dasselbe an und trugen es, wie es stand, bis zum Strande hinab, und dort kamen alle Walfische herangeschwommen und trugen es auf ihren breiten Rücken über das Weltmeer und schoben es aufs Land hinauf, so daß es dicht bei dem Schlosse des Königs zu stehen kam.

Als der Prinzessin gemeldet ward, daß ihr Schloß angelangt sei, die Hochzeit jetzt also stattfinden könne, da sagte sie, das Schloß nütze ihr nichts, wenn sie keine Schlüssel dazu habe, und die seien ihr auf der Reise abhanden gekommen. Der König meinte erst, das habe wohl keine Noth: es gebe Schmiede genug im Lande. Allein obschon man sie alle kommen ließ, war doch kein Schmied im Stande, einen Schlüssel oder Dietrich zu verfertigen, der eins der Schlösser aufschließen konnte. Da ließ der König Treu wieder rufen und drohte ihm den Tod an, wenn er nicht gelobe, die Schlüssel herbei zu schaffen. Dies Mal nahm Treu sich's nicht so nahe: er hatte ja das Schlüsselbund, und es ward sogleich zur Prinzessin hingebracht. Jetzt stehe doch wohl der Hochzeit nichts mehr im Wege?

Doch, sagte die Prinzessin, es sei noch Eins, was sie durchaus haben müsse, ehe sie Hochzeit geben könne. Das sei eine Flasche Lebenswasser und eine Flasche Todeswasser. Das müsse sie erst haben; und wer alles andere habe vollbringen können, müsse leicht auch dies herbeischaffen können; der König brauche es ihm nur zu befehlen. So wurde denn Treu wieder gerufen, und der König sagte, alles, was er bis jetzt vollbracht, sei ganz werthlos, wenn er ihm nicht das Lebenswasser und das Todeswasser herbeischaffe. Das solle und müsse er, und zwar bald; sonst müsse er sein Leben am Galgen enden.

Da ging Treu wieder in den Stall hinunter zu seinem kleinen grauen Pferde und erzählte demselben, was der König jetzt von ihm verlange. Jetzt wolle er nicht länger leben, sagte Treu, er wolle nur dem Pferde Lebewohl sagen, und dann möge ihn hängen, wer da wolle. »Ja,« sagte das Pferd, »das hast du für die dritte Feder, die du vom Wege aufhobst. Ich sagte dir wohl, du würdest es bereuen. Aber ich will trotzdem versuchen, dir aus dieser Bedrängniß heraus zu helfen, obschon du doch einmal sterben mußt. Geh jetzt nur zum Könige hinauf und verlange zwei silberne Flaschen; auf der einen soll ›Lebenswasser‹ und auf der andern ›Todeswasser‹ geschrieben stehn. Dann magst du mich satteln und zum Hofe hinaus reiten.«

Treu erhielt die zwei silbernen Flaschen, und setzte sich wieder auf seinen kleinen Grauschimmel, und ritt von dannen. Als er zum Hofe hinaus schwenkte, stand die Prinzessin droben am Fenster, und als sie das Pferd erblickte, sprach sie: »Ja, wenn du einen solchen Helfer hast, kann es dir leicht gelingen.« Treu ritt jetzt, wohin das Pferd ihn tragen wollte, und das war weit hinweg über Berg und Thal in ein fremdes Land. Als sie dort in einen dichten Wald gekommen waren, stand das Pferd still und sagte zu Treu, er solle absteigen und zu einem Baume gehen, welcher dort stand, worin ein Rabennest war. Dort solle er warten, bis die Alten vom Neste fortgeflogen wären; dann solle er hinaufklettern und eins der Jungen herausnehmen und es erdrosseln, aber es im Nest liegen lassen. Und die Flasche, auf der »Lebenswasser« geschrieben stünde, solle er gleichfalls in das Nest legen. Treu machte es genau, wie das Pferd ihn geheißen hatte, und blieb dann in der Nähe und verwandte kein Auge vom Rabenneste. Bald kam der alte Rabe wieder und fand das Junge todt; da nahm er die Flasche und flog fort. Nach einiger Zeit kam er mit der Flasche zurück und sprengte etwas von dem Inhalt auf das erdrosselte Junge, das sogleich wieder lebendig war. Da lief Treu herbei, verscheuchte ihn vom Neste, kletterte hinauf und nahm die Flasche, die halb voll war, und kam mit derselben zurück. Jetzt, sagte das Pferd, solle er eine Viper suchen und fangen. Er solle sie ein wenig auf den Kopf schlagen, daß sie ihn nicht beißen könne; aber er dürfe ihr nichts zu Leide thun. Dann solle er mit ihr in den Baum klettern und sie über dem Rabenneste festbinden. Und dann solle er die Flasche, auf der »Todeswasser« geschrieben stünde, ins Nest legen. Das that Treu, und er sah bald den Raben zum Neste zurückkommen, die Flasche ergreifen und mit derselben fortfliegen; und nach Verlauf einiger Zeit kam er mit der Flasche zurückgeflogen, und sprengte etwas von dem Inhalt auf die Viper, die sogleich todt war. Treu kletterte schnell in den Baum, und das meiste war noch in der Flasche geblieben.

Als die Prinzessin nun die verlangten zweierlei Arten Wasser bekommen hatte, machte sie keine Einwendungen mehr gegen die Hochzeit, sondern sagte nur, sie müsse sich doch überzeugen, ob das Wasser das richtige sei. Das fand der König ganz in der Ordnung; aber weder er noch irgend ein anderer hatten Lust, es an sich selbst zu erproben. »Laß ihn kommen, der es geholt hat!« sagte der König; »an ihm ist's doch zumeist, dafür einzustehen.« Und so wurde Treu ins Schloß geholt. Die Prinzessin besprengte ihn mit dem Todeswasser, und er fiel sogleich um, kalt und starr wie ein Leichnam. Aber dann besprengte sie ihn mit dem Lebenswasser, und da stand Treu wieder springlebendig auf, und er war jetzt ein so schöner Mann geworden, wie man je einen gesehn hatte, viel schöner, als er zuvor gewesen war. Da meinte der alte König, es wäre doch ein herrlich Ding, so neu und so jung und so schön zu werden, und er bat daher die Prinzessin, es mit ihm eben so wie mit Treu zu machen. Dazu war die Prinzessin bereit, und der König wurde erst mit Todeswasser und dann mit Lebenswasser besprengt, so daß er viel schöner wurde, als er seit lange gewesen war. Aber ihn dünkte, es sei noch nicht genug: er könne gewiß noch schöner werden, meinte er, wenn er es noch ein Mal mit sich vornehmen lasse. »Wie du willst,« sagte die Prinzessin, und dann besprengte sie ihn mit dem Todeswasser. Aber darauf sagte sie: »Es ist kein Lebenswasser mehr da. Mag denn todt bleiben, was todt ist!« Und dann sagte sie: »Hat nicht der Mann das meiste Recht, König im Lande zu sein, der alle diese Dinge vollbracht hat, die kein anderer Mensch zu vollbringen vermag: der mich vom Ende der Welt hergeholt hat, und mein Schloß ebenfalls, und die Schlüssel vom Meeresgrunde, und Lebenswasser und Todeswasser?« Alle stimmten darin ein, oder wagten doch nicht, ihr zu widersprechen; denn vom Todeswasser war noch mehr in der Flasche. Und so riefen sie Treu zum König im Lande aus; und die Prinzessin, die schönste und klügste in der Welt, hielt Hochzeit mit ihm, und alle beide waren sehr glücklich.

Am Hochzeitstage ging Treu alleine in den Stall zu seinem kleinen grauen Pferde: dem hatte er ja doch alles zu verdanken. Da sagte dasselbe zu ihm: »Nun habe ich dir so oft geholfen; erweise mir jetzt wieder einen Dienst! Nimm ein Schwert und schlage mir das Haupt ab, lege es neben meinen Schwanz, und segne es dann drei Mal!« – »Nein, mein braves Pferd!« sagte Treu, »das kann ich unmöglich thun.« – »Du mußt und sollst,« sagte das Pferd; »es ist zu meinem eigenen Heil.« Da mußte ihm Treu wohl gehorchen, und er nahm ein Schwert und hieb ihm das Haupt ab und legte es neben seinen Schwanz, und er segnete es drei Mal; und im selben Augenblick stand ein schöner Prinz vor ihm: das war der Bruder der Königin, der gleich ihr verzaubert gewesen war, und sie gingen jetzt Hand in Hand hinein, und es ward eine Freude ohne Gleichen, und die Hochzeit währte vierzehn Tage und fünfzehn Nächte. Und Treu und seine Königin und ihr Bruder leben glücklich bis auf den heutigen Tag.


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