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Märchen - Mite Kremnitz: Rumänische Märchen


Die Zwillingsknaben mit dem goldenen Stern

Es war einmal, was einmal war; wäre es nicht gewesen, würde es nicht erzählt.

Es war einmal ein Kaiser. Dieser Kaiser herrschte über eine ganze Welt, und in dieser Welt lebte ein alter Hirt mit seiner alten Hirtin, und die hatten drei Töchter: Anna, Stana und Laptitza.1

Anna, die älteste der Schwestern, war so schön, daß die Schafe zu weiden aufhörten, wenn sie in ihre Mitte trat; Stana, die mittlere, war so schön, daß die Wölfe die Herde bewachten, wenn sie Hüterin war; Laptitza aber, die jüngste, weiß wie der Schaum der Milch, und mit Haare weich wie die Wolle der Lämmchen, war so schön wie ihre beiden Schwestern zusammen, so schön wie nur sie sein konnte.

An einem Sommertage, als die Strahlen der Sonne weniger sengend wurden, gingen die drei Schwestern an den Saum des Gebirgswaldes, um Erdbeeren zu pflücken.

Während sie die Erdbeeren suchten, hörten sie ein Pferdegetrappel, als ob ein ganzer Reitertrupp heranstürmte. Es war aber auch der selbsteigene Sohn des Kaisers, der mit seinen Freunden und Höflingen zur Jagd zog; lauter schöne, stolze Jünglinge, wie aufgewachsen auf dem Sattel der Rosse, aber der schönste und stolzeste unter ihnen war auf dem feurigsten Roß und war der Kaisersohn selbst.

Als sie in die Nähe der drei Schwestern kamen und sie erblickten, zügelten sie den Ungestüm ihrer Pferde und ritten langsam dahin.

»Hört Schwestern«, sprach Anna, »wenn Einer von diesen mich zur Gemahlin nähme, würde ich ihm ein Brot kneten, von dem er essen und sich ewig jung und muthig fühlen sollte.«

»Ich«, sagte Stana, »wenn ich zur Frau erkoren würde, würde meinem Gemahl ein Hemd weben, mit dem angethan er gegen Drachen kämpfen könnte, durchs Wasser gehen, ohne naß zu werden, und durchs Feuer, ohne sich zu verbrennen.«

»Ich aber,« sagte Laptitza, die jüngste der Schwestern, »würde meinem Gemahl zwei schöne Knaben schenken, Zwillinge mit goldenem Haar und mit goldenem Stern auf der Stirn, leuchtend wie der Morgenstern.«

Das hörten die stolzen Jünglinge und, die Zügel der Rosse wendend, eilten sie auf die Mädchen zu.

»Heilig sei Dein Wort, und mein sollst Du werden, Du schönste Kaiserin«, rief der Sohn des Kaisers und hob Laptitza hoch auf sein Pferd mit sammt ihren Erdbeeren.

»Und Du mein! Und Du mein!« sagte der zweite und der dritte Jüngling, und mit der holden Last auf ihren Rossen sprengten sie Alle zum Kaiserhof zurück.

Am andern Tage wurde die dreifache Hochzeit gehalten, und drei Tage und drei Nächte feierte das ganze Reich das Freudenfest mit großer Pracht und Herrlichkeit. Und nach drei Tagen und drei Nächten ging die Kunde durch das Land, daß Anna Korn gesammelt, gemahlen, gesiebt, geknetet und das Brod gebacken habe, so wie sie es beim Erdbeersuchen versprochen hatte. Und nach wiederum drei Tagen und drei Nächten ging die neue Kunde durch das Land, daß Stana Leinfäden gesammelt, den Hanf gebrochen, gedörrt, gehechelt, zu Linnen gesponnen, das Linnen gewebt und ihrem Gemahl das Hemd auf den Leib genäht habe, so wie sie es beim Erdbeersuchen versprochen hatte.

Nur Laptitza hatte noch nicht ihr Wort erfüllt, aber nur mit der Zeit erfüllt sich Großes.

Als sich zum siebenten Mal der siebente Tag vollendete, vom ersten Tage der Hochzeit an gezählt, erschien der Kaisersohn vor seinen Tapferen und dem anderen Hofstaat mit freudigem Gesicht und viel weicherer Stimme als bisher und that kund und zu wissen, daß er von jetzt ab lange Zeit nicht mehr seinen Hof verlassen würde, weil das Herz ihn zöge, Tag und Nacht bei seiner Gemahlin zu bleiben.

Und die Welt und das Land und das ganze Kaiserreich freuten sich darauf, das zu sehen, was man noch nie erblickt hatte.

Ja, aber Vieles geschieht in der Welt, und unter dem Vielen viel Gutes und viel Böses!

Es hatte sich nämlich zugetragen, daß der Kaisersohn eine Stiefmutter hatte, und diese eine schönhaarige Tochter, die sie mit in's Haus gebracht, da sie noch von ihrem ersten Gemahl war. Aber weh denen, die in solche Verwandtschaft gerathen!

Die Stiefmutter hatte nun gedacht, daß ihre Tochter Gemahlin des Kaisers und Kaiserin über das ganze Reich werden soll, und nicht Milchweißchen, die Tochter des Hirten. Darum wollte sie es so machen: wenn geschah, was Laptitza gesagt hatte, sollte die Welt und der Kaisersohn glauben, daß es nicht so wäre, wie es wirklich geschehen und wie es vorher gesagt war.

Noch konnte sie aber ihren Plan nicht ausführen, weil der Kaisersohn Tag und Nacht bei seiner Gemahlin blieb. Sie dachte aber, daß so nach und nach, durch Rede und Schlauheit, sie ihn davon abbringen könne, und dann blieb Laptitza in ihrer Sorge, und dann wollte sie schon dafür sorgen!

So mit ein paar Worten konnte sie den Kaisersohn aber nicht entfernen. Die Worte verwehten im Wind, und alle Schlauheit blieb erfolglos. Die Zeit verging, der Tag war nahe, schon morgen, übermorgen konnte er dasein, und der Kaisersohn trennte sich nicht von seiner Gemahlin.

Als die Stiefmutter sah, daß nichts anschlug, legte es sich ihr wie ein Stein auf das Herz, und sie schickte Nachricht und Kunde ihrem Bruder, dessen Reich nahe lag, daß er mit Soldaten und Helden kommen solle und den Kaiser in den Krieg rufen.

Dies war nun gut ausgedacht und, wie man sehen wird, auch nicht vergeblich. Der Kaisersohn sprang hoch auf vor Zorn, als er die Kunde hörte, daß die Soldaten des Feindes auf dem Wege seien um in sein Land einzufallen, und daß werden solle, was lange nicht war – nämlich eine Schlacht, eine furchtbare Schlacht, eine Schlacht zwischen zwei Kaisern. Da sah er, daß jetzt keine Hülfe mehr sei, daß er thun müsse, was gethan werden mußte.

Denn so sind die Kaisersöhne! Wie gern sie auch die Gemahlin behüten, wie sehnsüchtig sie auch die Söhne erwarten: wenn sie von Krieg hören, dreht sich ihnen das Herz ihm Leibe herum, springt ihnen das Gehirn im Kopf, trüben sich ihnen die Augen, da lassen sie Frau und Kind in des lieben Gottes Schutz und eilen wie der Wind in den Krieg.

Der Kaisersohn brach auf wie die Gefahr, eilte wie die Strafe Gottes, schlug sich, wie er sich schlug, wie nur eben er sich schlug, und war am dritten Tage bei Morgengrauen wieder im kaiserlichen Hof, das Herz durch den Kampf gestillt, aber voll ungestillter Sehnsucht zu wissen, was geschehen sei, seitdem er fortgezogen.

Und – so war es geschehen: Gerade am dritten Tage im Morgengrauen, als die Sterne am Himmel verlöschten, als der Kaisersohn nur drei Schritte von dem Thore seines Palastes entfernt war, ließ sich die Gabe des Herrn zur Erde hinab, und es geschah, wie Laptitza vorhergesagt: zwei schöne Knaben, Kaisersöhne, einer wie der andere, mit goldenem Haar und dem goldenen Stern auf der Stirn.

Aber die Welt sollte sie nicht sehen.

Die Stiefmutter, böse wie ihre Gedanken waren, legte schnell zwei junge Hunde an Stelle der schönen Knaben und grub die Kinder mit dem goldenen Haar und dem Stern auf der Stirn an der Ecke des Palastes ein, gerade unter den Fenstern des Kaisers.

Als der Kaisersohn in den Palast trat und hören und sehen wollte, hörte er Nichts und sah nur die beiden Hündchen, welche von der Stiefmutter in Laptitzas Bett gelegt waren.

Viele Worte wurden nicht verloren. Der Kaisersohn sah mit eigenen Augen, und das genügte. Laptitza hatte ihm nicht Wort gehalten, und nun blieb nichts Anderes übrig, als daß die Strafe sie träfe.

Der Kaisersohn konnte nicht anders, es zerriß sein Herz, aber er befahl, daß man die Kaiserin bis an die Brust in die Erde eingraben solle, damit sie so in den Augen der Welt bleibe zum Zeichen, was aus denen wird, die einen Kaisersohn betrügen wollen.

Am anderen Tage – da geschah es nach dem Wunsche der Stiefmutter! Der Kaisersohn vermählte sich zum zweiten Mal, und wiederum dauerte die Freude der Hochzeit drei Tage und drei Nächte.

Aber Gottes Segen ruht nicht auf ungerechter That.

Die beiden Prinzen fanden keine Ruhe in der Erde. Dort, wo sie begraben waren, wuchsen zwei schöne Espen. Als die Stiefmutter sie wachsen sah, befahl sie, daß man sie mit der Wurzel ausreiße. Der Kaiser aber sagte: »Laßt sie wachsen, sie gefallen mir vor dem Fenster. Solche Espen habe ich noch nie gesehen!«

Und so wuchsen die Espen, wuchsen so, wie andere Espen nicht wachsen: an jedem Tage ein Jahr, in jeder Nacht ein anderes Jahr, aber im Morgengrauen, wenn die Sterne am Himmel verlöschen, drei Jahre in einem Augenblick. Als drei Tage und drei Nächte vollendet, waren die beiden Espen stolz und hoch und erhoben ihre Zweige bis an das Fenster des Kaisers. Und wenn der Wind ihre Zweige bewegte, lauschte der Kaiser und lauschte ganze Tage lang ihrem Geflüster.

Die Stiefmutter ahnte, was es war. Hin und her dachte sie, wie sie um jeden Preis die Espen vertilgen könnte. Es war schwer, aber der Frauen Wille preßt aus Stein Milch, die List der Frauen besiegt die Helden; was Kraft nicht vermag, vermögen süße Worte, und was diese nicht können, bewirken heuchlerische Thränen.

Eines Morgens setzte sich die Kaiserin auf den Rand des Bettes zu ihrem Gemahl und fing an, ihn mit Zärtlichkeiten und Liebesworten zu überschütten. Es dauerte lange, ehe der Faden riß, aber endlich – auch die Kaiser sind ja Menschen!

»Also gut«, sagte der Kaisersohn so mit halbem Munde, »es sei nach Deinem Willen: laß die Espen abhauen; aber aus einer soll ein Bett für mich, aus der anderen eines für Dich gemacht werden.«

Die Kaiserin war damit zufrieden. Die Espen wurden umgehauen, und es war noch nicht Nacht geworden, als die Betten fertig in das Zimmer des Kaisers gestellt wurden.

Als der Kaisersohn sich in das neue Bett legte, schien es ihm, als sei er hundertmal schwerer geworden, und doch fand er Ruhe, wie er sie noch nie gefunden; aber der Kaiserin schien es, als läge sie auf Nesseln und Dornen, so daß sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte.

Als der Kaiser eingeschlafen war, fingen die Betten an zu krachen. Und aus diesem Krachen vernahm die Kaiserin einen bekannten Sinn; es schien ihr, als höre sie Worte, die Niemand außer ihr verstand.

»Ist es Dir schwer, Brüderlein?« frug das eine der Betten.

»Mir? Nein, mir ist es nicht schwer«, antwortete das Bett, in dem der Kaiser schlief, »mir ist wohl, denn auf mir ruht mein geliebter Vater!«

»Mir ist's schwer«, sagte das andere Bett, »denn auf mir ruht eine böse Seele!«

Und so sprachen die Betten weiter zu Ohren der Kaiserin bis an das Morgengrauen.

Als der Tag kam, bedachte die Kaiserin, wie sie die Betten wohl vernichten könne. Sie bestellte darum zwei andere Betten gerade wie diese, und als der Kaiser auf die Jagd gegangen war, setzte sie jene ohne sein Wissen in das Zimmer; die Betten aber aus den Espen warf sie bis auf das kleinste Brettchen ins Feuer.

Das Feuer brannte; aber im Prasseln des Feuers glaubte die Kaiserin immer wieder dieselben Worte mit dem nur ihr verständlichen Sinn zu hören.

Als die Betten verbrannt waren und zwar so, daß auch nicht ein Stückchen Kohle übrig geblieben, sammelte die Kaiserin die Asche und warf sie in die Winde, daß sie über neun Länder und neun Meere zerstiebe, daß ein Theilchen das andere in Ewigkeit nicht mehr fände.

Sie hatte aber nicht gesehen, daß, gerade als das Feuer am schönsten brannte, zwei Funken sich erhoben und zum Licht hinauf schwebend in das tiefe Wasser fielen, welches mitten durch das Kaiserreich floß. Hier wurden aus den beiden Funken zwei Fischlein mit Goldschuppen, eines ganz so wie das andere, einander so gleich, daß Jedermann wissen mußte, daß sie Zwillingsbrüder seien.

Eines Tages standen die kaiserlichen Fischer früh Morgens auf und warfen ihre Netze in das Wasser. Gerade in dem Augenblick, als die letzten Sterne am Himmel verlöschten, zog einer der Fischer sein Netz heraus und erblickte, was er noch nie gesehen: zwei Fischlein mit goldenen Schuppen.

Die Fischer versammelten sich, um das Wunder zu sehen; aber als sie es gesehen und sich gewundert, beschlossen sie, die Fischlein lebend wie sie waren dem Kaiser als Geschenk zu überbringen.

»Bringt uns nicht dorthin, denn von daher kommen wir, und dort ist unser Verderben«, sagte eines der Fischchen.

»Aber was soll ich mit Euch machen?« fragte der Fischer.

»Geh und sammele den Thau von den Blättern, laß uns im Thau schwimmen, leg uns an die Sonne und dann komm nicht eher wieder, als bis die Sonnenstrahlen den Thau von uns aufgesogen«, sagte das zweite Fischchen.

Der Fischer that, wie ihm geheißen, sammelte den Thau von den Blättern, ließ die Fischlein im Thau schwimmen, legte sie in die Sonne und kam nicht eher wieder, als bis die Sonne den Thau von ihnen aufgesogen hatte.

Aber was war geschehen! Was erblickte er! Zwei Knaben, schöne Prinzen mit goldenem Haar und goldenem Stern auf der Stirn, einer wie der andere, so daß Jeder, der sie sah, wissen mußte, daß sie Zwillingsbrüder seien.

Die Kinder wuchsen schnell. In jedem Tage ein Jahr und in jeder Nacht ein anderes Jahr, aber im Morgengrauen, wann die Sterne am Himmel verlöschen, drei Jahre in einem Augenblick. Und dann wuchsen sie, wie Andere nicht wachsen: dreifach an Alter, dreifach an Kraft und dreifach an Verstand. Als drei Tage und drei Nächte vollendet waren, waren sie zwölf Jahr an Alter, vier und zwanzig an Kraft und sechs und dreißig an Verstand.

»Jetzt laßt uns zu unserem Vater gehen«, sagte einer der Prinzen zu dem Fischer.

Der Fischer zog sie Beide schön an, machte jedem eine Lammfellmütze, welche die Knaben tief in das Gesicht zogen, damit Niemand das goldene Haar und den goldenen Stern auf der Stirn sehen solle, und führte dann die Prinzen zum Kaiserhof.

Es war heller Tag, als sie bei Hofe anlangten. »Wir wollen den Kaiser sprechen«, sagte einer der Prinzen zu der Wache, die bewaffnet an dem Thore des Palastes stand.

»Das geht nicht, weil er gerade bei Tisch ist«, antwortete ihnen die Wache.

»Gerade weil er bei Tisch sitzt«, sagte der zweite Prinz, durch das Thor eintretend.

Die Wachen liefen zusammen und wollten die Knaben vom Hofe fortjagen, aber diese gingen mitten durch sie hindurch, wie Quecksilber durch die Finger. Mit drei Schritten vorwärts und drei Schritten aufwärts standen sie vor dem großen Saal, wo der Kaiser mit seinem Hofstaat speiste.

»Wir wollen eintreten«, sagte einer der Prinzen scharf zu den Dienern, die an der Thür standen.

»Das geht nicht an«, erwiderte ein Diener.

»So? das wollen wir doch sehen, ob es angeht oder nicht«, rief der andere Prinz, die Diener rechts und links bei Seite schiebend.

Aber es waren der Diener viele und der Prinzen nur zwei. Es wurde draußen ein Gedränge und ein Lärm, daß es im Palast wiederhallte.

»Was giebt es dort draußen?« fragte der Kaiser erzürnt.

Die Prinzen hielten ein, als sie die Stimme ihres Vaters hörten.

»Zwei Knaben wollen mit Gewalt eindringen« sagte ein Diener, zum Kaiser eintretend.

»Mit Gewalt? Wer will mit Gewalt in meinen Palast eindringen? Wer sind diese Knaben?« rief der Kaiser in einem Athem.

»Wir wissen es nicht, hoher Kaiser«, antwortete der Diener, »aber es muß eine besondere Bewandtniß mit ihnen haben, denn die Knaben sind stark wie junge Löwen, so daß sie die Wache am Thor bewältigt haben und uns Allen jetzt zu schaffen machen. Und dann sind sie stolz, sie nehmen nicht mal die Mütze vom Kopf.«

Der Kaiser wurde roth vor Zorn.

»Werft sie hinaus!« rief er. »Hetzt die Hunde auf sie!«

»Laßt nur, wir gehen auch schon so«, sagten die Prinzen, über die harten Worte weinend, und gingen die Treppe wieder hinunter.

Als sie aus dem Thore traten, hielt sie ein Diener an, der athemlos ihnen nachgeeilt war.

»Der Kaiser hat befohlen, daß Ihr kommen sollt, die Kaiserin will Euch sehen!«

Die Prinzen bedachten sich etwas, dann wandten sie sich um, stiegen die Treppen hinan und traten zum Kaiser ein, die Mützen auf dem Kopf.

Da stand eine lange, breite, gedeckte Tafel, und an derselben saßen alle kaiserlichen Gäste; obenan am Tisch der Kaiser und neben ihm die Kaiserin, auf zwölf seidenen Kissen ruhend.

Als die Prinzen eintraten, fiel eines der Kissen, auf denen die Kaiserin saß, zur Erde. Sie blieb nur auf elf Kissen.

»Nehmt die Mützen vom Kopf!« rief ein Höfling den Prinzen zu.

»Die Kopfbedeckung ist dem Menschen ein Zeichen der Würde. Wir wünschen zu sein, was wir sind.«

»Nun ja!« rief der Kaiser, besänftigt durch die goldenen Laute, die aus dem Munde des Knaben tönten. »Bleibt, wie Ihr seid, aber wer seid Ihr denn? Woher kommt Ihr, und was wünscht Ihr?«

»Wir sind zwei Zwillingsknaben, zwei Sprößlinge eines Stammes, der entzwei gebrochen, halb in der Erde, halb an der Spitze der Tafel ist; wir kommen daher, von woher wir ausgegangen, und sind dort angelangt, woher wir kommen; wir haben einen weiten Weg gehabt, wir haben im Säuseln des Windes gesprochen, dem Holze Stimme gegeben, wir haben in den Wellen des Wassers gesungen, aber jetzt wollen wir Dir mit Menschensprache ein Lied singen, was Du kennst, ohne es zu wissen.«

Der Kaiserin entfiel ein zweites Kissen.

»Laß sie mit ihren Dummheiten heimgehen!« sagte sie zu ihrem Gemahl.

»O nein, laß sie singen«, antwortete der Kaiser, »Du hast sie nur sehen wollen, ich aber wünsche sie zu hören. Singt, Ihr Knaben!«

Die Kaiserin schwieg, aber die Prinzen begannen die Geschichte ihres Lebens zu singen.

»Es war einmal ein Kaiser«, begannen die Prinzen: ein drittes Kissen entfiel der Kaiserin.

Als die Prinzen den Auszug des Kaisersohns in den Krieg erzählten, entfielen der Kaiserin drei Kissen auf einmal.

Als die Prinzen ihr Lied beendet hatten, war kein einzig Kissen mehr unter der Kaiserin; als sie aber ihre Mützen vom Kopf nahmen und ihr goldenes Haar und den goldenen Stern auf der Stirn zeigten, hielten die Gäste, die Hofleute und der Kaiser sich die Augen zu, damit sie nicht geblendet würden von so viel Glanz.

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Und nachher geschah, was von Anfang an hätte sein sollen: Laptitza saß oben an der Tafel neben ihrem Gemahl. Die Tochter der Stiefmutter aber blieb die niedrigste Magd im Palaste Laptitza's, und die Stiefmutter mit den bösen Gedanken wurde an den Schweif einer wilden Stute gebunden und umkreiste so die Erde sieben Mal, damit die Welt wisse und nicht wieder vergesse, daß wer Böses sinnt, böse endigt.

Fußnoten

1 Milchweißchen, von »Lapte« – Milch.


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