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Märchen - August Leskien und K. Brugman: Litauische Volkslieder und Märchen


Von einem Dieb

In der Nähe eines Herrenhofs wohnte ein Bojar, der hatte einen Sohn. Der Sohn zog in die Welt, um das Stehlen zu lernen, und nachdem er ausgelernt hatte, kam er nach seiner Heimat zurück. Der Herr fragte seinen Nachbar ›Ist dein Sohn wiedergekommen? Man spricht davon.‹ ›Ja‹, antwortete der Bojar, und da sprach der Herr ›Da mag er doch morgen einmal zu mir kommen!‹ Am nächsten Morgen ging der Dieb zu dem Herrn hin, der fragte ihn ›Na, hast du das Stehlen erlernt?‹ ›Ja, ich hab's ordentlich gelernt‹, antwortete er. Da wetteten sie um dreihundert Rubel, die sollte der Herr bezahlen, wenn der Dieb die nächste Nacht sein Pferd aus dem Stall stähle. Der Herr sagte seinen Leuten, dass in der Nacht ein Dieb kommen werde das Pferd zu stehlen, und er stellte einen Mann auf die eine Seite des Pferdes, einen andern auf die andre Seite, einer musste sich auf das Pferd setzen und zwei an der Thür Wache stehn, und dann befahl er ihnen, ja recht aufzupassen. Am Abend, wie es schon spät geworden war und der Dieb immer nicht erschien, sieh da kam so ein altes Mütterchen heran, das war ganz verfroren, und sprach ›Liebe Leutchen, lasst mich doch hier irgendwo die Nacht zubringen!‹ Einer von den Leuten sagte ›Es geht nicht!‹ Ein andrer aber sprach ›Die Alte wird doch nicht der Dieb sein!‹ und da liessen sie sie herein. Jetzt holte die Alte aus ihrem Bettelsack Schnaps und Fleisch hervor, von dem Schnaps gab sie den Männern jedem ein Gläschen zu trinken, und das Fleisch warf sie den Hunden hin. Sie hatte aber in den Schnaps etwas hineingeschüttet und auch was an das Fleisch gethan, und da waren die Männer und die Hunde gleich betrunken. Jetzt nahm sie die Hunde her, band sie Schwanz mit Schwanz zusammen und hängte sie an einem Bretterzaun auf. Den beiden Männern aber, die an der Thür gestanden hatten, gab sie einen grossen Knüttel in die Hand, setzte den, der auf dem Pferd gesessen hatte, auf die Futterleiter, und die, die zu beiden Seiten des Pferds gestanden hatten, auf die Futterkrippe, und machte sich mit dem Pferd auf und davon. Am andern Morgen kam der Herr und sah, was da angerichtet war: die Hunde hingen am Zaun und die Kerle sassen da, dass er nicht vvusste, was er draus machen sollte, und das Pferd war fort. Da liess der Herr den Dieb zu sich rufen, und wie der kam, fragt' er ihn ›Hast du mein Pferd gestohlen?‹ ›Ja‹, antwortete der Dieb und nachher zahlte ihm der Herr die dreihundert Rubel.

Danach forderte der Herr den Dieb auf, er solle in der nächsten Nacht seiner Frau das Hemd vom Leib und den Ring vom Finger stehlen. ›Gut! ich werde sie stehlen‹, sagte der Dieb, und sie wetteten wieder um dreihundert Rubel. Die Nacht kam, und da ging der Dieb auf den Kirchhof, grub einen Todten aus und trug ihn unter das Fenster des Zimmers, wo der Herr mit seiner Frau schlief. Und er hob den Todten hoch und liess ihn mehre Male so ein bischen im Fenster erscheinen. Der Herr aber hatte im Zimmer mit der Flinte in der Hand gelauert, und wie der Dieb jetzt wieder durchs Fenster hereinguckte, paff, da schoss er los, und der Dieb stürzte unterm Fenster hin. Drauf sprach der Herr zu seiner Frau ›Das wird schlimm ablaufen, dass ich den Dieb todt geschossen habe!‹ und da ging er hinaus, packte den Dieb auf und trug ihn fort, um ihn zu begraben. Der Dieb war aber nicht der Dieb, sondern der Todte, und während nun der Herr den Todten begrub, ging der Dieb ins Zimmer und legte sich zur Frau ins Bett, und er goss aus einer Flasche Hefe unter sie und sprach dann ›Du hast dich schmutzig gemacht‹, und sagte, sie solle das Hemd ausziehn, und sie solle den Ring hergeben, er wolle ihn auf den Tisch legen, denn der Dieb sei ja begraben. Wie er Hemd und Ring hatte, sprach er ›Ich gehe noch einmal hinaus‹, und ging fort. Nach einer guten Weile kam der Herr zurück und sagte ›Jetzt ist der Dieb begraben.‹ Seine Frau aber sprach ›Du warst jetzt das zweite Mal so lang fort; hol mir doch ein Hemd, ich bin ja nackend!‹ Der Herr fragte ›Warum nackend?‹ ›Na, du hast doch das Hemd, das schmutzig war, mitgenommen!‹ Jetzt merkte der Herr, dass das Hemd gestohlen war, und er rief ›Dein Ring, wo ist der?‹ ›Du hast ihn ja hier auf den Tisch gelegt!‹ antwortete sie. Da war er denn von dem Dieb drangekriegt, und sein Schreck war nicht klein; und obendrein war er auch noch wegen des Todten in Ängsten. Am nächsten Morsen liess er den Dieb rufen. Der brachte das Hemd und den Ring, und der Herr musste ihm das Geld zahlen.

Der Herr aber hatte einen Bruder in der Nähe wohnen, der war Pfarrer. Und der Pfarrer machte sich über ihn lustig und sagte ›Du bist doch ein rechter Schafskopf, dass du dich von dem so drankriegen lässt!‹ Da liess der Herr den Dieb wieder vor sich kommen und sprach zu ihm ›Krieg doch auch mal meinen Bruder, den Pfarrer, ordentlich dran, damit er mich nicht wieder foppt!‹ Und sie machten aus, wenn es der Dieb fertig brächte, sollt' er vom Herrn wieder 300 Rubel haben. Der Dieb ging an den Fluss und fing einen Sack voll Krebse, kaufte dann einen Haufen Schabbeslichter1 und trug die Krebse und die Lichter in der Nacht in die Kirche. In der Kirche liess er dann alle Krebse heraus, etliche setzte er auf den Altar, andre auf die Orgel und den Rest auf den Fussboden, und jedem Krebs steckte er ein angezündetes Licht in die Scheeren. Drauf ging er unter das Fenster des Pfarrers und rief ›Steh auf und geh in die Kirche! denn Gott der Herr hat befohlen, dass du schon bei Lebzeiten in den Himmel gebracht werdest.‹ Da freute sich der Pfarrer, dass er schon in den Himmel kommen sollte, und er ging in die Kirche und sah, dass dort alles voller Engel war. Der Dieb aber kletterte oben hinter den Altar und rief, der Pfarrer solle aufs Fenster steigen und nur zuspringen. Der Pfarrer stieg auch hinauf, sprang und fiel in einen Sack hinein. Jetzt nahm der Dieb den Sack auf den Rücken, trug ihn nach dem Hof des Herrn und hängte ihn am Schauer vor dem Haus auf. Daneben legte er dann einen tüchtigen Knüttel und steckte einen Zettel an, auf dem stand, wer morgen früh aus dem Haus heraustrete, solle fünfmal mit dem Knüttel auf den Sack schlagen. Und dem Pfarrer sagte der Engel dann noch, dass er still halten solle, wenn er Schläge kriege, denn er sei noch ein bischen mit Sünden behaftet, und hier solle er von diesen gereinigt werden. Wie nun früh morgens der Diener des Herrn aus dem Haus kam, sah er, dass da ein Sack hing. Er trat heran und las den Zettel und hieb mit dem Knüttel fünfmal drauf los; der Pfarrer aber muckste nicht. Hernach kamen auch andre aus dem Haus, und auch der Herr kam, und allemal gab es fünf drauf. Da fing aber doch der Pfarrer endlich zu schreien an, und da machte der Herr den Sack auf und sah, dass sein Bruder drin steckte. ›Ei, zu was bist du denn hier in den Sack gekrochen?‹ ›Ach‹, antwortete der Pfarrer, ›ich sollte von Engeln in den Himmel getragen werden, und jetzt seh ich hat man mich hierher an deinen Schauer getragen!‹ Da merkte der Herr, dass das des Diebs Arbeit war, und er konnte sich jetzt noch tüchtiger über den Pfarrer lustig machen als der dazumal über ihn. Und von allen Leuten wurde der Pfarrer damit aufgezogen, dass er sich bei Lebzeiten von Engeln hatte in den Himmel tragen lassen.

Fußnoten

1 Lichter, wie sie die Juden zum Sabbath anzünden.


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