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Märchen - August Leskien und K. Brugman: Litauische Volkslieder und Märchen


Vom Herzen des Einsiedlers

In einem Wald lebte ein Einsiedler. Er wohnte in einer Erdhöhle und hatte sonst keine Wohnung über der Erde. Da erschien einst ein Engel bei ihm und sprach ›Halt Reinigung! denn Gott der Herr will heute zu dir kommen.‹ Da fegte der Einsiedler seine Höhle rein, streute sie mit Gras aus und wartete, dass Gott käme. Nach zwei Stunden erschien auch der Herr vor seiner Höhle und sprach zu ihm ›Mensch, hast du Reinigung gehalten?‹ ›Ja, Herr‹, antwortete er, ›ich bitte dich, tritt nur hier ein, und du wirst sehn, wie schön es bei mir ist.‹ Sprach der Herr ›Mensch, was thatst du! Du hast deine Höhle gefegt und mit Rasen ausgestreut, du solltest vielmehr in die Kirche gehn und vor dem Priester alle deine Sünden bekennen und deine Seele reinigen. So hast du schwere Sünde auf dich geladen. So geh jetzt in den Wald, dort findest du ein Achtel Brennholz; errichte davon einen Holzstoss, zünd ihn an und steig hinauf und lass dich in den Flammen verbrennen.‹ Der Einsiedler ging hin und liess sich verbrennen, und nur sein Herz blieb übrig.

Am nächsten Morgen kam ein Jäger an der Feuerstätte vorbei. Da kam ihm ein so sonderbarer Duft in die Nase, und er sprach ›Ich ging erst gestern hier vorbei, und alles Brennholz lag noch zusammengeschichtet, und heute seh ich ist ein Feuer gewesen, und es duftet da so! Was mag das sein?‹ Und er fing an mit einem Stock in der Asche zu scharren, und da fand er des Einsiedlers Herz. Und er hob das Herz auf und nahm es mit nach Haus. Er hatte aber eine Tochter, der gab er das Herz und sprach ›Liebe Tochter, bereite mir dieses Herz zu! ich gehe jetzt wieder in den Wald auf Vögel und werde wol etliche heimbringen, und da will ich das Herz zum Nachtisch essen.‹ Die Tochter bereitete das Herz zu, und es duftete so lieblich, da kostete sie davon, und weil es gut schmeckte, ass sie es auf. Jetzt kam der Vater mit den Vögeln aus dem Wald zurück und fragte ›Wo hast du das Herz hingethan, liebe Tochter?‹ Sie antwortete ›Ich briet es aus, Vater, und da roch es so gut, und da hab ich's gegessen.‹ Da schalt sie der Vater aus und schlug sie.

Nach zwei Stunden aber gebar sie einen Sohn, und der konnte von der Stunde an sprechen und laufen. Er sagte zu dem Jäger ›Spann die Pferde an, Grossvater, wir müssen nach dem Gericht fahren, denn ich habe gehört, dass dort ein Brief angekommen ist, und niemand kann ihn lesen: da werd ich ihn lesen.‹ Da fuhren sie nach dem Gericht und fanden alle Senatoren um den Brief versammelt und keiner konnt ihn lesen. Jetzt sprach einer ›So lasst dieses Kind den Brief lesen!‹ Der Junge machte sich auch daran, die Senatoren aber spieen ihn alle aus Aerger schier an und sprachen ›So viel Senatoren sind zusammengekommen und keiner hat den Brief gelesen, und jetzt will uns so ein Kind, das noch in Windeln steckt, so einen Brief lesen!‹ Wie das Kind das hörte, sagt' es zum Grossvater ›Lass uns wieder nach Haus fahren, Grossvater! denn ich höre, dass jenseits des Meers ein König im Sterben liegt; ich muss eilen, dass ich zu ihm komme, ich will ihn vom Tod retten und wieder gesund machen.‹ Und sie fuhren heim. Dann aber fuhren sie fort zu dem kranken König, und wie sie aus dem Hofthor herausgefahren waren, mussten sie eine kleine Anhöhe hinauf, und da sahen sie einen Wolf auf dem Weg liegen. Der Alte sprach ›Lieber Enkel, wir wollen wieder umkehren, auf dem Weg liegt ein Wolf.‹ Der Junge aber nahm dem Grossvater die Leine aus der Hand, lenkte an dem Wolf vorbei und fuhr weiter. Über ein Weilchen kamen sie an einen Kreuzweg, da sahen sie, wie zwei Männer einen nackten Leichnam begruben. Der Grossvater sprach ›Sieh mal, Enkel, wie sie dort einen Säufer begraben! nicht einmal zu einem Sarg hat er sich bei seinen Lebzeiten etwas verdient!‹ Aber der Junge sagte nichts dazu, und sie fuhren weiter. Nach einiger Zeit sahen sie, da brachte man einen Herrn gar feierlich zu Grabe mit Fahnen, Crucifixen, Laternen und brennenden Kerzen. Der Grossvater sprach ›Sieh, Enkel, ein wie schönes Begräbnis dem sein Leben eingetragen hat!‹ Aber der Junge sagte wieder nichts dazu, und sie fuhren weiter. Drauf kamen sie ans Meer, hinter dem der König wohnte, und da wollte das Kind, ohne anzuhalten, gleich oben auf dem Wasser weiter fahren. Der Alte schrie ›Junge! wir werden ertrinken!‹ Der Junge aber sprach ›So bleib du mit dem Gefährt diesseits zurück, Grossvater; ich werde allein zu Fuss hinübergehn.‹ Und er ging zu Fuss oben übers Wasser und kam zum König. Dort waren Ärzte und andre Könige versammelt, und alle machten dem Jungen Platz, dass er zu dem König hinkäme. Wie der Junge in des Königs Zimmer eintrat, war der König schon im Sterben. Da holte der Junge unter seiner Achsel ein Fläschchen hervor, trat an den König heran und sprach ›Ich bitt euch, mein Herr und König, riecht an diesem Tränkchen!‹ Der König roch daran, und sogleich schaute er klar aus den Augen. Dann musste er zum zweiten Mal daran riechen, und er konnte sich schon aufrichten; und zum dritten Mal, da stand er auf. Und er umarmte den Kleinen und sprach ›Alles, was du nur willst, liebes Kind, will ich dir schenken und dich mit Schätzen überhäufen!‹ Aber der Junge erwiederte ›Mein Herr und König, ich hab kein gross Begehr, gebt mir nur die vier Schimmel und die Kutsche, womit ihr zu fahren pflegt.‹ ›Von ganzem Herzen schenk ich dir die‹, antwortete der König, ›und will dir auch noch die Kutsche mit Geld füllen.‹ Der Junge aber sagte ›Das Geld mag ich gar nicht, gebt mir nur die Schimmel und die Kutsche.‹ Drauf fuhr er fort und fuhr oben auf dem Wasser über das Meer. Der Grossvater sah ihn kommen, und er sprach ›Ei seht! zu Fuss ging mein Enkel über das Meer, und jetzt kommt er mit einer Kutsche und vier Schimmeln übers Wasser gefahren!‹ Als der Junge jetzt ans Ufer gekommen war, hielt er an. Es waren aber zwei Fischer am Ufer, die fischten, und der eine sprach zum andern ›Wenn die zwei doch mit ihren vier Pferden nach Haus führen und uns die kleine Stute mit dem Wägelchen liessen, damit wir unsre Fische in die Stadt fahren könnten!‹ Der Junge konnte die Worte nicht hören, aber er wusste doch, was sie gesagt hatten, und er sprach zum Grossvater ›Wir wollen doch den armen Leuten da unsre Stute lassen, dass sie ihre Fische in die Stadt fahren können!‹ Der Alte fing zu weinen an und sagte ›Ach, mein Junge, wir wollen lieber sehn, dass wir uns selbst einen Bissen Brot kaufen können!‹ Aber der Junge schenkte den Fischern doch die Stute und das Wägelchen.

Sie fuhren nun in des Königs Wagen weiter, und nach einer Weile sprach das Kind ›Grossvater, willst du wissen, wie der Herr, den sie so feierlich begraben haben, hier in seinem Grab liegt?‹ ›Ja‹, sagte der Grossvater, und da fuchtelte das Kind ein bischen mit seiner kleinen Ruthe und sprach ›Jetzt schau, Grossvater!‹ Und das Grab that sich auf, und es schlug ein ekliger Dunst aus der Grube heraus, und der Alte rief ›Mach das Grab wieder zu, Junge! ich kann's nicht ansehn!‹ Sie fuhren weiter, und nach einer Weile sprach das Kind ›Grossvater, willst du den nackten Lump sehn, der hier begraben liegt?‹ ›Ja‹, antwortete der Alte. Da fuchtelte das Kind wieder ein bischen mit der Ruthe, das Grab that sich auf, und sie sahen darin brennende Kerzen und Engel, die sangen. ›Da siehst du‹, sprach das Kind, ›wenn man sich's durch guten Wandel in dieser Welt verdient, so findet man's auch im Jenseits gut, und wenn man schlecht wandelt, so findet man's auch dort schlecht.‹

Drauf fuhren sie weiter. Sie waren schon bald zu Haus, da sprach das Kind ›Grossvater, möchtest du den Wolf sehn, der dort gelegen hat?‹ ›Ja, das möcht ich.‹ ›So geh in die kleine Vertiefung auf der Anhöhe, dort siehst du den Wolf liegen.‹ Der Grossvater ging hin und fand einen Schrein, der war voll Geld und stand offen. Er langte von dem Geld heraus, was er in den Stiefelschäften, im Hut und vorn im Rock unterbringen konnte, und kehrte dann zu seinem Enkel zurück. Der sprach ›Was hast du gesehn, Grossvater? hast du den Wolf gesehn?‹ ›Nein, Kind, aber ein Schrein voll Geld stand offen da.‹ ›Hast du dir viel leicht davon genommen, Grossvater?‹ ›Ja.‹ Da sprach das Kind ›Dann trag's wieder hin, sonst wird's schlecht ablaufen.‹ Da fing der Alte an zu weinen und sagte ›Wir müssen aber doch Brod kaufen!‹ Aber der Junge sprach ›Nein, Grossvater! trag das Geld nur wieder hin, wo du es gefunden hast!‹ Da trug es denn der Alte wieder hin und that's in den Schrein, und das Kind sagte dann ›Nun wollen wir heimfahren, Grossvater.‹ Wie sie vor dem Hof anfuhren, sahen sie drinnen vor dem Haus den nämlichen Geldschrein stehn. Und das Kind sprach ›Komm, Grossvater, wir wollen jetzt in die Stube gehn und essen, und dann, wenn wir gegessen haben, gehen wir hin und kaufen für das Geld Bauholz, dingen Leute und bauen uns neue schöne Gebäude, und wir wohnen dann nicht mehr in der alten Baracke.‹ Und so thaten sie. Und sie lebten danach herrlich und in Freuden, und der Alte dankte es Zeit seines Lebens seiner Tochter und seinem Enkel, dass sie ihnen zu den Pferden und der Kutsche und zu den schönen Gebäuden verholfen hatten und dass sie jetzt so schöne Kleider tragen konnten.


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