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Märchen - Arthur und Albert Schott: Rumänische Volkserzählungen aus dem Banat


Die Kaiserstochter als Gänsehirtin

Die schöne Tochter eines Kaisers war allmählich groß geworden, da sprach ihre Stiefmutter zum Kaiser: »Unsre Tochter ist herangewachsen, wir wollen sie verheiraten.« Der Kaiser aber, welcher seine Tochter sehr liebte und sich ungern von ihr trennte, wollte nicht, und um so weniger, als auch die Prinzessin durchaus keine Lust dazu hatte. Der eifersüchtigen Kaiserin aber war sie von jeher ein Dorn im Auge gewesen, und das böse Weib gab den Gedanken nicht mehr auf, wie sie sie aus dem Hause bringen könne.

Als der Kaiser nun einmal in den Krieg ziehen mußte und die Kaiserin mit der Prinzessin allein daheim blieb, hatte sie freies Spiel. Sie ließ daher ihre Stieftochter sogleich einsperren und ihr drei Tage und drei Nächte lang nichts zu essen und zu trinken geben. Am vierten Tag endlich schickte sie ihr ein kleines Stück Brot und einen Krug Wasser, in den sie aber eine junge Schlange geworfen hatte. Die arme Prinzessin, die sich vor Hunger und Durst kaum kannte, fiel heftig über den Krug her und trank Wasser und Schlange hinunter, ohne daß sie es merkte, sodann verzehrte sie ebenso gierig das Stück Brot. Von jetzt an bekam sie wieder zu essen und zu trinken, obwohl sie gefangen blieb. Nach zehn Monaten war die Schlange in ihrem Leib groß gewachsen und derselbe dick und angeschwollen.

Als nun der Kaiser aus dem Felde zurückkam, trat die boshafte Kaiserin zu ihm und sprach: »Jetzt schau einmal die tugendhafte Jungfrau, deine Tochter, wie sie gewachsen ist. Heiraten wollte sie nicht, aber jetzt hat sie die Ehre unseres Hauses geschändet.« Darauf ließ der Kaiser die Prinzessin rufen und hörte, als er sie sah, nicht auf, sie zu schelten und zu mißhandeln, obgleich die Jungfrau ihre Unschuld beteuerte und erzählte, wie es ihr in ihres Vaters Abwesenheit ergangen war. Er hatte zwar seine Tochter zu lieb, als daß er hätte geradezu befehlen können, man solle sie töten, statt dessen hieß er sie fortgehen und verbot ihr, je wieder vor seinen Augen zu erscheinen. Dann ließ er zwölf prachtvolle Kleider für sie machen, welche sie alle anziehen mußte und darüber einen ganz hölzernen Mantel. So angetan, wurde sie unter Tränen und Schluchzen, aber zur größten Freude der bösen Stiefmutter, in eine Wüstenei geführt und dort allein gelassen. Hunger und Elend trieben aber das arme verlassene Kaiserkind aus der Wüste fort, und es kam bald in eine Stadt, wo ein anderer Kaiser mit seinem Hofstaat wohnte. Es ging geradezu in den Palast und meldete sich dort in der Küche beim niedersten Gesinde des Kaisers um einen Dienst. Es wurde aber von diesen Leuten wegen seines hölzernen Mantels und seines schüchternen Aussehens verlacht und verspottet und erhielt nur die Antwort, daß der Kaiser rührige, dienstfertige und keine hölzernen Leute brauche. Während es hier dem Spott ausgesetzt war, ging der Prinz vorüber, und da er nicht wußte, was er aus dem hölzernen Kleide des fremden Mädchens machen sollte, trat er hinzu und fragte die Weinende, was sie hier wolle und wünsche, worauf sie ihn bat, er möchte ihr einen Dienst geben. Auf die Frage, was sie denn arbeiten könne, erwiderte sie: »Ach wenig, Herr, gib mir den geringsten Dienst, nur daß ich mein armseliges Leben friste, gewiß soll meine Treue die Geschicklichkeit ersetzen, die mir fehlt.« Den Prinzen rührten die Bitten des hölzernen Mädchens: Er machte es zur Gänsehirtin. Und da er sah, wie unbarmherzig das übrige Gesinde zuvor mit ihm umgegangen war, gab er ihm auch ein eigenes einsames Kämmerlein. Des andern Tags trieb es des Kaisers Gänse auf die Weide, und da es mittags sehr heiß war und seine Herde anfing, sich zu baden, so entkleidete es sich ebenfalls in derselben Absicht. Einige Mäher, welche in der Nähe arbeiteten, die es aber nicht gesehen hatte, bemerkten es und waren sehr verwundert, wie es seine zwölf prächtigen Kleider, eins kostbarer als das andere, ablegte. Als sie daher abends heimkamen, gingen sie zum Prinzen, entdeckten ihm, was sie auf der Gänseweide gesehen hatten, und konnten nicht genug sagen von den schönen Kleidern, welche das hölzerne Mädchen besitze. Als am andern Tag die Hirtin die schnatternde Herde wieder austrieb, ging ihr der Prinz auf näheren Wegen, die sie noch nicht kannte, voran und versteckte sich in ein Gebüsch; denn er hätte doch gern gewußt, was eigentlich die Mäher an der hölzernen Jungfrau gesehen hatten. Da es wieder sehr heiß war, so badete sich die Gänsehirtin auch heute wieder am nämlichen Orte wie gestern, und als sie sich, nachdem sie den hölzernen Mantel abgelegt hatte, anfing zu entkleiden und jetzt ein Kleid schöner und prachtvoller als das andere zutage kam, da erkannte der Prinz, daß ihn die Arbeitsleute doch nicht belogen hatten, und sein Erstaunen war ebenso groß wie das ihre. Als sie sich nun vollends entkleidete und ins Wasser stieg, konnte er kein Auge mehr abwenden, denn von solch außerordentlicher Schönheit hätte er sich nie träumen lassen. Er war fast außer sich und hätte beinahe laut aufgeschrien, aber er fürchtete, sie möchte erschrecken und böse werden, wenn sie sähe, daß er sie belauscht habe. Daher schwieg er still, bis sie wieder aus dem Wasser stieg und sich angekleidet hatte. Diesmal ließ sie sechs Kleider beiseite, um sie so nach Hause zu tragen. Da die Hitze sehr groß war, spürte sie Durst, wußte aber nicht, wo trinken; denn vor dem Wasser, darin sie gebadet, hatte sie Scheu. Vielleicht um den Durst zu vergessen, vielleicht um nur auszuruhen, legte sie sich in den Schatten eines Baumes und entschlief. Da sah der Prinz nach einiger Zeit, wie durch ihren halbgeöffneten Mund eine häßliche Schlange herauskroch, langsam und immer länger. Dies schauderte ihn, und er trat näher, um sie zu töten. Als er nahe genug war, warf er mit einem goldenen Ring, den er vom Finger zog, nach ihr und traf sie auf den Kopf: die Schlange, erschrocken hierüber, fuhr mit Gezische heraus und davon. Die Prinzessin aber erwachte und richtete sich auf, sah jedoch den Prinzen nicht, der sich eilig wieder versteckt hatte. Sie fühlte sich, sie wußte selbst nicht wie, sehr erleichtert und betete deshalb voll Dank zu Gott. Dann sah sie den Ring vor sich im Grase liegen, den nahm sie, stand auf und trieb, weil es indessen Abend geworden war, die Gänse nach Hause.

Der Prinz war ihr wieder auf seinem kürzeren Wege vorangeeilt. Als sie nun daheim die Gänse versorgt hatte und in ihre Kammer wollte, vertrat er ihr den Weg und fragte sie um den schönen Ring, den sie am Finger habe. Schüchtern antwortete sie, es sei ein Fund, den sie auf der Gänsetrift gemacht habe. Da aber sprach der Prinz: »Der Ring gehört mir, und ich habe ihn dort verloren.« Eilig zog sie ihn jetzt vom Finger, um ihn dem Prinzen zurückzugeben, der aber wollte ihn nicht nehmen, sondern steckte ihr ihn selbst wieder an und sagte: »Behalte ihn, frommes Kind, behalte ihn von mir, denn ich will dich heiraten.« Da errötete die Arme, denn sie dachte, der Prinz wolle nur Spott mit ihr treiben, und sagte: »Wie sollte denn ein Prinz, wie du bist, ein armes hölzernes Mädchen zum Weibe nehmen?« Der Prinz aber bestand auf seinem Sinn und daß sie ihm gefalle, wie sie sei. Da willigte die Jungfrau ein und versprach, ihn zum Manne zu nehmen.

Darauf eilte der Prinz zum Kaiser, seinem Vater, und sagte ihm, daß er das hölzerne Gänsemädchen heiraten wolle. Der Kaiser aber war hierüber sehr entrüstet und schlug ihm sein Begehren rundweg ab. Dadurch ließ sich jedoch der Prinz von seinem Vorhaben nicht abbringen; denn er hatte die Jungfrau recht gesehen, wie sie war, und brannte vor Liebe zu ihr. Also forderte er den Unwillen seines Vaters, des Kaisers, nicht heraus, sondern nahm das hölzerne Mädchen heimlich zur Frau. Als der alte Kaiser dies erfuhr, wurde er zwar sehr aufgebracht, fügte sich aber doch darein und gab seinem Sohn vier Zimmer in seinem Palast, die er mit ihr bewohnen konnte; sie aber blieb Gänsehirtin wie zuvor.

Eines Sonntags nun, da sie ihre Herde wieder heimgetrieben hatte, legte sie eines ihrer schönen Kleider an, aber ohne den hölzernen Mantel darüber zu nehmen, und begab sich in die Kirche, wo sie von allen wegen ihrer Schönheit bewundert wurde. Da ging auch der Prinz zu seinem Vater hin und fragte ihn um die schöne Fremde, und als der Kaiser erwiderte, daß er nicht wisse, wer sie sei, so sagte der Prinz: »Ach, Vater, warum hast du nicht eine so schöne Frau?« Der Gottesdienst war vorüber, und alle Anwesenden gingen jeder seines Weges, auch die schöne Fremde mischte sich unter die Menge und schlüpfte unbemerkt nach Hause, wo sie sich sogleich umkleidete und wieder das hölzerne Mädchen war.

Am anderen Sonntag war es wieder so, nur daß sie ein noch viel schöneres Kleid anhatte, und auch der Prinz tat an den Kaiser wieder dieselben Fragen wie das vorige Mal, worauf sich dieser vornahm, am künftigen Sonntag an alle Tore Leute stellen zu lassen, die der schönen Unbekannten aufpassen sollten, von wo sie komme und wohin sie gehe.

Der dritte Sonntag hatte wieder Kaiser und Volk in der Kirche vereinigt, und darunter war wieder die schöne Frau, von der niemand etwas wußte. Sie schien heute noch viel schöner und viel reizender als die beiden vorigen Male, worüber sich der Prinz in seinem Innern ausnehmend glücklich fühlte. Als der Gottesdienst zu Ende war und die Menge zu allen Türen hinausströmte, suchte die Unbekannte auch wieder unbemerkt zu entschlüpfen, stieß aber überall auf die Wachen und blieb deshalb endlich ganz allein in der Kirche zurück. Als der Prinz jetzt ihre Verlegenheit bemerkte, trat er zum Kaiser und sprach zu ihm: »Vater, schicke deine Wachen nur weg; denn die schöne Frau ist niemand anders als die Gänsehirtin, mein hölzernes Weib.« Hierüber war der Kaiser sehr verwundert, aber auch ebenso erfreut. Er ging zu seiner schönen Schwiegertochter hin, umarmte sie freundlich und wünschte ihr Glück. Als er nach Hause kam, ließ er sogleich Anstalten zu prachtvollen Hochzeitsfeierlichkeiten treffen; denn jetzt war es ihm leid, daß sein Sohn, der Prinz, heimlich geheiratet hatte, und er wollte deshalb die Hochzeit nachträglich doppelt festlich begehen. Er schrieb auch sogleich einen Brief an den Kaiser, seinen Nachbarn, den Vater seiner Schwiegertochter, worin er ihn auf einen bestimmten Tag zu sich einlud, weil da seine Tochter feierlich mit dem jungen Kaiser getraut werden sollte. Als der Vater der verstoßenen Jungfrau hörte, daß sie die Schwiegertochter eines mächtigen Kaisers werden sollte, pries er die Allmacht Gottes und freute sich, solches von seinem lieben, armen Kinde zu hören. Er schrieb auch alsbald zurück, daß er kommen würde, und ließ nicht lange auf sich warten, indem er mit großem Gefolge erschien. Als man ihm nun aber alle die wunderbaren Begebenheiten genau erzählte und er vernehmen mußte, durch welche abscheuliche Bosheit er veranlaßt worden sei, seine schuldlose Tochter zu verstoßen, geriet er in große Wut und sandte sogleich Leute ab mit dem Auftrag, dem bösen Weib den Kopf abzuschlagen. Die Hochzeitsfeierlichkeiten gingen mit nie erlebter Pracht vor sich, und die jungen Leute lebten noch lange Jahre glücklich und vergnügt.


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