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Märchen - Theodor Vernaleken: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt


Die sieben Raben

Es war einmal ein Weib, das sieben Söhne und eine Tochter hatte. Die Söhne machten der Mutter durch ihre Naschhaftigkeit vielen Verdruß. Als sie einst Krapfen buk, mausten ihr die sieben einen nach dem andern von der Schüssel. Da gerieth die Frau in Zorn und sprach: »Verdammte Jungen, ihr stehlet ja wie die Raben, möchte euch doch der Böse in solche verwandeln und euch mir vom Halse schaffen.« Kaum hatte sie aber diese Worte gesprochen, so sah sie mit Entsetzen, wie sich ihre Söhne wirklich in Raben verwandelten und zum Fenster hinausflogen. Viele Jahre verflossen nach dieser Begebenheit. Inzwischen wuchs die Tochter heran und fragte ihre Mutter täglich, was denn mit ihren Brüdern geschehen sei. Die Frau erzählte es endlich der Tochter. Die Jungfrau machte sich nun sogleich auf, um, ungeachtet der Bitten und Thränen ihrer Mutter, die Brüder zu erlösen. Als sie schon mehrere Tage gegangen war, kam sie in einen großen Wald, in dem sie sich verirrte. Bei hereinbrechender Nacht sah sie plötzlich nach langem Umherlaufen ein Lichtlein schimmern, ging darauf zu und kam zu einer Hütte. Ein Weib trat heraus und sprach: »Mein Kind, geh' nur geschwind wieder fort, denn mein Mann ist der Wind, welcher alle Menschen frißt, die ihm nahe kommen.« Allein das Mädchen ließ sich nicht abweisen, sondern sprach: »Laßt mich nur hinein, ich will mich in der Hausflur unter den Bottichen verstecken, welche dort stehen.« Die Frau widersetzte sich noch einige Zeit, gab aber endlich doch nach, und sagte: »Gut, setze dich dort unter die Bottiche, derweil will ich meinem Manne, um seinen Zorn zu besänftigen, eine fette Henne braten.« In diesem Augenblicke verkündigte ein Brausen die Heimkunft des Herrn der Winde. Er trat herein und sprach nach einer Weile: »Weib, ich rieche Menschenblut; du hast jemanden versteckt, den ich sogleich zum Abendbrote verzehren werde.« Der Mann, der so groß als ein Riese war, begann nun sogleich zu suchen, fand aber das Mädchen nicht. Inzwischen kam die Frau, welche keinen Widerspruch gewagt hatte, mit einer gebratenen Henne aus der Küche und sprach: »Geh, laß das Suchen und iß lieber diese fette Henne.« Als der Riese sein Leibgericht erblickte, verschwand sein Zorn und er sagte: »Nun, ich will dem verborgenen Menschen nichts zu Leide thun; er komme nur hervor.« Jetzt verließ, auf Zureden der Frau, das Mädchen ihr Versteck und setzte sich an den Tisch. Der Herr der Winde verzehrte indessen die Henne, und anstatt die Knochen, wie er gewöhnlich that, auf die Erde zu werfen, legte er sie in die Schüssel. Die Jungfrau mußte ihm nun erzählen, wie sie in die Hütte gekommen sei und was sie suche. Als sie geendet hatte, sprach der Wind: »Nimm die Knochen, welche da in der Schüssel liegen und bewahre sie wohl, denn du wirst sie noch brauchen. Morgen in der Frühe, wenn ich fortgehe, kommst du mit mir und schreitest in jener Richtung fort, nach der ich die Bäume wehe.« Des anderen Tages, in der Frühe, ging sie mit dem Winde fort und hielt jene Richtung ein, nach welcher er die Bäume wehte. Nach einigen Tagen kam sie zu einem gläsernen Schlosse, das weder Thür noch Thor hatte. Sie glaubte schon, es werde vergebens sein, hier einzudringen, als ihr plötzlich die Knochen der Henne einfielen. Sie steckte nun die Beine (Knochen) stiegenähnlich über einander in die Glaswand, und gelangte so zum Fenster, durch das sie hineinstieg. Die Jungfrau befand sich jetzt in einem großen Saale, in dem sieben Betten und sieben Tische waren, auf deren jedem ein Topf mit Speise stand. Sie kostete aus einem Hafen, warf dann ihren Ring hinein und versteckte sich, indem sie unter das Bett kroch. Kaum hatte sie sich in ihren Schlupfwinkel zurückgezogen, so flogen zwölf Raben zum Fenster herein. Die setzten sich auf die Erde und verwandelten sich in Menschen. In den ersten sieben erkannte sie sogleich ihre Brüder, die andern fünf, welche ganz grün waren, bedienten die ersteren beim Essen und flogen dann wieder fort. Da fand der älteste in seinem Topfe einen Ring. Sie suchten sogleich im ganzen Saale herum, fanden das Mädchen und erkannten in ihr die Schwester. »Ich bin gekommen, euch zu erlösen«, sprach sie. Die Brüder aber sagten traurig: »Liebe Schwester, thue das nicht, denn du würdest sieben Jahre stumm sein müssen.« Das Mädchen aber bestand darauf und sprach von der Stunde an keine Silbe mehr. Sie blieb nun bei ihren Brüdern und besorgte ihnen ihr Hauswesen. Als einst die Brüder, die bei Tage Raben waren, einen weiten Flug unternahmen, ging sie in den Wald, um Tannenzapfen zu suchen. Da hörte sie plötzlich die Jäger des Königs, welcher das Land beherrschte, in dem sich das kristallene Schloß befand. Eilig flüchtete sie sich in einen hohlen Baum, um nicht im letzten Jahre das Schweigen brechen zu müssen. Als die Jagdhunde herankamen, beschnupperten sie den Baum unaufhörlich, so daß der König aufmerksam wurde. Er ließ den Baum untersuchen, und man fand das Mädchen. Da es auf alle Fragen keine Antwort gab, so befahl der König, sie in's Gefängnis zu werfen. Allein auch im Gefängnisse waren alle Martern, die man anwandte, um sie zum Sprechen zu bringen, vergebens. Sie sollte deshalb hingerichtet werden. Es waren aber die sieben Jahre des Schweigens vorüber, und als sie gerade den Galgen besteigen wollte, kamen plötzlich ihre Brüder daher geflogen und retteten die Jungfrau vom Tode. Der Herrscher vernahm den Heldenmuth des Mädchens und wählte sie zur Frau. Dann holten die Brüder auch ihre alte Mutter an den Hof, und alle lebten nun glücklich und zufrieden.


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