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Märchen - Alexander Eliasberg: Sagen polnischer Juden


Der Gast aus dem Heiligen Lande

Ein junger Mann, der mit dem heiligen Rabbi Israel Rishiner von Sadagora verwandt war, verlor sein ganzes Vermögen. Er begab sich zum Rabbi und bat ihn, er möchte ihm einen Empfehlungsbrief an seine Chassidim geben. Der Rabbi wollte das aber nicht tun und sagte ihm: »Es ist nicht recht, wenn man aus den Verdiensten seiner Vorfahren Nutzen zieht. Ich will dir lieber einen Brief an meinen Schwager Reb Jakob Halpern in Berditschew geben, damit er dich in seinem Geschäft anstellt. So wirst du dich von deiner Hände Arbeit ernähren und nicht von milden Gaben. Höre, was ich dir nun für eine Geschichte erzählen werde:

Im Heiligen Lande lebte ein sehr gelehrter, frommer und gottesfürchtiger Mann. Er betrieb keine Geschäfte, sondern beschäftigte sich nur mit dem Studium der Thora. Er war sehr arm und hatte zwei oder drei unverheiratete Töchter. Er besaß nichts, womit er die Töchter hätte verheiraten können, und seine Frau riet ihm, in die andern Länder zu reisen, wo Juden wohnen, um milde Gaben für die Aussteuer zu sammeln. Denn um jene Zeit war ein Jude aus dem Heiligen Lande etwas Seltenes. Man würde ihm daher überall viel milde Gaben geben. Der Mann hatte keine andere Wahl. Doch er wollte sich nicht vor den Juden in den andern Ländern damit rühmen, daß er aus dem Heiligen Lande sei; denn er wollte nicht aus der Heiligkeit des Landes irgendwelchen Nutzen ziehen. Darum trat er zum Türpfosten und schwur bei der Mesusa1, keinem Menschen zu sagen, daß er aus dem Heiligen Lande komme. Nur wenn er zu einem der heiligen Rabbis kommen würde, wollte er diesem die Wahrheit sagen.

Der Mann machte sich auf die Reise. Unterwegs litt er große Not, bis er zu meinem Vater nach Sadagora kam. Diesem tat er seine Herkunft kund, denn er hatte sich vorgenommen, einem heiligen Rabbi die Wahrheit zu sagen. Und mein Vater schenkte ihm sechs Dukaten und riet ihm, zu seinem Schwager Rabbi David zu fahren; dieser sei sehr weise und werde ihm einen guten Rat geben können. Der Mann fuhr zu Rabbi David. Dieser gab ihm gleichfalls sechs Dukaten und riet ihm, zum Rabbi Mejer von Przemislany zu fahren; die Welt halte diesen Rabbi für einen Propheten; er würde ihm sicher einen guten Rat geben können.

Der Mann begab sich nun nach Przemislany und versuchte zum heiligen Rabbi zu gelangen, um sich vor ihm zu offenbaren. Doch der Diener des Rabbi wollte ihn nicht hereinlassen, weil der Mann mit leeren Händen kam. Am Mittwoch und Donnerstag bemühte er sich vergebens, zum Rabbi zu gelangen. Als er sah, daß alle Mühe umsonst war, ging er ins städtische Bethaus beten. Niemand bemerkte ihn, und niemand wußte, woher er war. Im gleichen Bethause betete ein Schneider. Der Schneider wurde auf den Fremdling aufmerksam, denn er gefiel ihm gut und schien ihm ein frommer Mann zu sein. Nach dem Beten ging der Schneider auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte ihm: ›Wenn es Euch gefällt, so kommt zu mir essen.‹ Der Fremdling ging mit, aß bei ihm und verbrachte in seinem Hause die Nacht auf den Freitag. Am Morgen ging er beten, und nach dem Beten lud ihn der Schneider ein, bei ihm auch den Sabbat zu verbringen. Der Fremdling sah, daß der Schneider ein frommer Mann war, und nahm die Einladung an. Der Schneider freute sich sehr, daß der Herr ihm einen solchen Sabbatgast geschickt hatte, und sagte seinem Weibe, daß sie eine ordentliche Sabbatmahlzeit richte. Auch teilte er einigen seiner Freunde mit, daß er einen ehrwürdigen Sabbatgast habe; sie möchten zu ihm kommen: vielleicht würden sie vom Fremden weise Reden zu hören bekommen. Sie kamen alle zum Schneider und saßen mit dem Gast; doch niemand wußte, wer der Fremdling war und woher er stammte.

Rabbi Mejer rief am Sonntag früh seinen Diener zu sich herein und sagte ihm: ›Ich sehe einen Lichtschein des Heiligen Landes. Geh und durchsuche die ganze Stadt nach einem Menschen aus dem Heiligen Lande, und wenn du ihn findest, bringe ihn her. Und wenn du ihn nicht herbringst, mache ich aus dir einen Haufen Gebeine!‹

Der Diener erschrak sehr über diese Worte, denn der Rabbi hatte noch niemals so geflucht. Er ging in die Stadt und suchte überall, konnte aber niemanden finden, der aus dem Heiligen Lande wäre. Schließlich ging er auf den Markt zu der Stelle, wo die Wagen zu halten pflegen. Jemand fragte ihn: ›Was tut Ihr da, und wen sucht Ihr?‹ Denn der Diener des Rabbi pflegte sonst niemals zu diesem Orte zu kommen. Und der Diener erzählte: ›Es muß hier in der Stadt ein Jude aus dem Heiligen Lande sein. Der Rabbi befahl mir sehr streng, ihn zu ihm zu bringen. Darum gehe ich herum und suche den Mann.‹ Der andere sagte: ›Ich hörte, daß der Schneider bei sich einen Gast hat. Vielleicht ist das der Mann, den Ihr sucht.‹ Der Diener ging sofort zum Schneider und fand dort den Gast. Er erkannte denselben Mann, den er zum Rabbi nicht hatte einlassen wollen. Und er fragte den Fremden: ›Seid Ihr der Mann aus dem Heiligen Lande, den der Rabbi zu holen befahl?‹ Und der Fremde gestand, daß er aus dem Heiligen Lande sei. Der Diener brachte ihn sofort zu Rabbi Mejer. Der Gast begrüßte den Rabbi; der Rabbi beantwortete seinen Gruß sehr freudig und sagte ihm: ›Gelobt sei der Herr, daß er Euch zu mir geführt hat. Denn ich habe für Euch Geld in Verwahrung, damit Ihr Eure Töchter verheiraten könnt. Im Himmel hatte man Mitleid mit Eurer Gelehrsamkeit, und man wollte nicht, daß Ihr wegen Geldsorgen die Wissenschaft aufgebt. Darum befahl man mir vom Himmel schon damals, als Eure Töchter geboren wurden, daß ich für sie allmählich das Heiratsgeld sammle.‹ Und der Rabbi ließ sich das Kästchen bringen, das er an einem bestimmten Orte verwahrte. Im Kästchen waren sechshundert Dukaten. Viele Münzen waren vor Alter ganz schwarz geworden. Der Gast nahm Abschied von Rabbi Mejer und kam wieder zu meinem Vater nach Sadagora, dankte ihm und zeigte ihm das Geld. Und mein Vater putzte eigenhändig die schwarzgewordenen Dukaten ab.«

»Siehst du,« so schloß der Rabbi von Sadagora, »wie der Mensch dafür belohnt wurde, daß er aus der Heiligkeit des Heiligen Landes keinen Nutzen ziehen wollte! Das merke dir und ziehe auch du keinen Nutzen aus den Verdiensten deiner Vorfahren. Hier hast du den Brief an Reb Jakob Halpern in Berditschew. Er wird dir eine Stelle in seinem Geschäft geben, und du wirst dich von deiner Hände Arbeit ernähren.«

Die Verdienste des heiligen Rabbi Israel von Sadagora mögen uns und dem ganzen Volke Israel beistehen. Amen.

Fußnoten

1 Eine am Türpfosten eines jeden jüdischen Hauses befestigte Hülse, die ein Pergament mit dem Gebete »Köre Israel« enthält.


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