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Märchen - Theodor Vernaleken: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt


Der erlöste Zwerg

Ein Tagelöhner ging eines Morgens in einen Wald, um Holz zu sammeln. Da begegnete ihm ein Bettler, der mühselig auf Krücken einherhumpelte und ihn fragte: »Wie weit ist es noch bis zum nächsten Dorfe?« Der Tagelöhner antwortete: »Es ist wohl nur eine halbe Stunde, aber du wirst es vor einer Stunde nicht erreichen.« Der Bettler dankte und fragte weiter: »Möchtest du mir nicht einen Dienst erweisen?« – »Recht gern, wenn ich nur nicht zu viel Zeit verliere, denn ich muß auf meinen Verdienst bedacht sein.« »Das sei deine geringste Sorge«, erwiederte der Bettler, »wenn du mir den Gefallen erweisest, so sollst du Geld in Hülle und Fülle haben.« »Und was kann ich dir denn thun?« fragte der Tagelöhner. »Geh um Mitternacht«, sagte der Bettler, »dort auf jenen Felsen, der am Ende des Waldes sich erhebt und klopfe da dreimal an die Erde. Dann wird ein Männlein erscheinen, das sollst du mit einem Steine töten; nimm dich aber dabei in Acht, denn wenn du das Männlein nicht gleich mit dem ersten Schlage tötest, so wird deine Bemühung fruchtlos sein. Du kannst dich übrigens beruhigen; befindest du dich in einer Gefahr, so brauchst du nur die Worte zu sagen:



Helft und kommt,

wenn es mir frommt.



Wiederholst du dieß dreimal, so wird dir stets geholfen werden. Wenn du deinen Auftrag glücklich vollzogen hast, so kehre auf demselben Wege wieder zurück, und ein Pfiff wird dir kund thun, daß ich im Walde dir nahe bin. Das Weitere wirst du dann schon erfahren.«

Der Taglöhner hatte zwar einiges Bedenken, aber in der Aussicht auf den Gewinn machte er sich frohes Muthes auf den Weg. Er stieg auf eine Anhöhe und gewahrte eines Schlosses. Das entzog sich aber seinen Blicken und an dessen Stelle sah er eine blutrothe Fahne, welche an einer hohen Stange wehete. Als er immer näher ging, verschwand die Fahne, und er befand sich vor demselben Schlosse, das er früher erblickt hatte. Der Tagelöhner trat hinein und setzte sich auf eine steinerne Bank im Vorhofe, um eine Zeit lang auszuruhen und zu sehen, was da kommen werde. Er bemerkte aber nichts und wollte aufstehen. Da fühlte er sich auf seinem Sitze festgehalten. In der Angst gedachte er des Sprüchleins und rief dreimal:



»Helft und kommt,

wenn es mir frommt.«



Da erschien ein kleines Mädchen und sagte, er müsse ein Stück von der Bank abhauen, dann könne er loskommen. Darauf verschwand es. Der Tagelöhner hatte nichts als sein Taschenmesser bei sich. Als er mit diesem den ersten Stoß gegen den Stein versuchte, spaltete sich das Messer in zwei Theile, und aus jedem Theile ward ein Ei. Das machte ihn unmuthig, und er warf die Eier an die steinerne Bank. Sie blieben aber unversehrt, dagegen lag ein Stück von der Bank an der Erde, und er konnte frei aufstehen. Er steckte dann die wunderbaren Eier zu sich und ging in das Schloß hinauf, um zu sehen, wer denn darin wohne. Im ersten Stock sah er eine große Thüre offen stehn, die zu einem geräumigen Sale führte. Mitten in demselben sah er einen Riesen an einer reich bedeckten Tafel sitzen. Als der Riese des Eintretenden ansichtig ward, hieß er ihn willkommen und lud ihn ein, mitzuhalten. Verlegen setzte er sich zum Tische. Der Riese war sehr gesprächig und erzählte ihm alle seine Abenteuer, wobei er sich seiner ungeheuren Stärke rühmte. Dabei ward dem Gaste sonderbar zu Muthe. Er dachte hin und her und es fiel ihm ein, dem gewaltigen Tischgenossen eines seiner Eier als Speise anzubieten. Indem er aber in die Tasche griff, prahlte der Riese wieder, daß er im Stande sei, einen festen Schrank mit einem Schlage zu zertrümmern. Dabei hieb er um sich und traf den Kopf seines Gastes so stark, daß dieser bewußtlos zu Boden fiel.

Als er endlich wieder zu sich kam, befand er sich zu seinem Erstaunen nicht im Speisesaale des Riesen, sondern nahe bei jenem Felsen, wo er das Männlein töten sollte. Er wartete, bis die Sonne untergegangen war. Da vernahm er einen Gesang, der von Knaben-und Mädchenstimmen herzurühren schien. Der Gesang kam immer näher und der Tagelöhner trat in ein Gebüsch, um von dort aus die Vorüberziehenden zu belauschen. Da erschien ein Zug von Zwergen, hüpfend und singend. Unter ihnen war ein größerer, um welchen sich die kleinen fröhlich herum tummelten. »Das muß ihr König sein«, dachte sich der Lauscher, »und vielleicht ist's der, welchen ich um Mitternacht töten soll.« Beherzt trat er hervor, ging auf den Zwergenkönig zu und redete ihn an: »Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu unterhandeln.« Der Zwerg gab einen Wink und plötzlich verstummte der Gesang. Der Tagelöhner führte ihn abseits und sagte: »Ich habe schon lange auf dich gewartet, weil ich dir mitzutheilen habe, daß ein böser Zauberer euch aus eurer Behausung vertreiben und all euere Schätze nehmen will.« Der Zwerg wollte Näheres wissen, allein der Tagelöhner entgegnete: »Für jetzt kann ich nichts mehr sagen, komm aber um Mitternacht zu jenem Felsen; ich werde dreimal klopfen und dann erscheine ohne alle Begleitung.« Der Zwergenkönig versprach pünktlich zu kommen und zog dann mit seiner muntern Gesellschaft weiter.

Der Tagelöhner war nun in Verlegenheit, da er nicht wußte, wann gerade Mitternacht sein werde. Er sagte daher sein Sprüchlein dreimal her und es erschien ein Knabe, der sprach: »Mitternacht ist, sobald du ein dumpfes Rauschen vernimmst.« Nicht lange war der Knabe verschwunden, als der Tagelöhner ein eigenthümliches Rauschen hörte. Da nahm er einen Stein, klopfte dreimal an den Boden und der Zwerg erschien.

Während dieser grüßte und um nähere Mittheilungen bat, versetzte ihm der Tagelöhner einen solchen Hieb auf den Kopf, daß er tot niedersank. In dem Augenblicke ertönte ein gellender Pfiff und anstatt des erschlagenen Zwerges stand ein blühender Jüngling vor ihm, der nicht genug danken konnte für seine Erlösung. Um ihn stunden eine Menge Edle und Knappen, welche gleich ihrem Herrn sich freuten.

Alle gingen nun den Berg hinab und unterwegs erzählte der Jüngling folgendes: »Ich bin der Sohn eines Königs und sammt meinem Gefolge in früher Jugend von einem bösen Zauberer geraubt. Nicht lange darnach kam zu meinem betrübten Vater ein anderer Zauberer, der uns zu befreien versprach. Das war jener Bettler, welcher wußte, daß ich in einen Zwerg verwandelt war.«

So gingen sie eine Strecke Weges miteinander und trafen im Walde statt des alten Bettlers den mächtigen Zauberer. Dieser begrüßte sie und führte alle an den königlichen Hof. Hocherfreut schenkte der König dem Tagelöhner ein ungeheures Goldstück, dem der Zauberer noch die Eigenschaft verlieh, daß das Gold von niemand gestohlen werden konnte.

So ward der arme Tagelöhner ein reicher Mann.


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