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Märchen - Mite Kremnitz: Rumänische Märchen


Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Es war einmal, wie's keinmal war, wär's nicht gewesen, würde es nicht erzählt; seitdem der Floh an einem Fuß mit 99 Pfund Eisen beschlagen wurde und in den Himmelsraum sprang, um uns die Märchen zu holen.

Es war einmal ein großer Kaiser und eine Kaiserin, beide jung und schön, und da sie sich Kindersegen wünschten, thaten sie Alles, was dazu nöthig ist, nämlich: sie gingen zu den Hexen und Philosophen, damit diese aus den Sternen lesen möchten, ob sie Kinder haben würden oder nicht. Aber es war Alles vergebens. Endlich hörte der Kaiser, daß in einem nahen Dorfe ein weiser, alter Mann lebte, und schickte zu ihm, um ihn rufen zu lassen. Die Abgesandten aber kamen mit der Antwort heim: wer ihn brauche, möge zu ihm kommen. So brachen also Kaiser und Kaiserin auf und nahmen einige Herrn ihres Hofstaats, Gefolge und Soldaten mit sich und gingen in das Haus des weisen Mannes. Als der Alte sie von fern kommen sah, ging er ihnen entgegen und sagte alsogleich:

»Seid willkommen! Aber was willst Du wissen, Kaiser? Der Wunsch, den Du hegst, wird Dir Trauer bringen.«

»Ich bin nicht hier, um Dich danach zu fragen«, sagte der Kaiser, »sondern um zu wissen, ob Du irgend welche Kräuter hast, die Du uns geben kannst, damit wir Kinder bekommen.«

»Die habe ich«, entgegnete der Alte, »aber Ihr werdet nur ein Kind haben: Es wird ein schöner, liebreizender Knabe sein, und er wird Euch nicht erhalten bleiben.«

Nachdem der Kaiser und die Kaiserin die Heilkräuter genommen, kehrten sie froh zum Palast zurück, und nach einigen Tagen fühlte sich die Kaiserin Mutter. Das ganze Reich, der ganze Hof und alle Dienerschaft freuten sich dieses Ereignisses. Ehe aber noch die Stunde seiner Geburt kam, begann das Kind ein Geschrei, das keine Zauberkunst zum Schweigen bringen konnte. Da fing der Kaiser an, ihm alle Güter der Welt zu versprechen, aber es war keine Möglichkeit, ihn zu beruhigen.

»Schweig, Vaters Herzenskind«, sagte der Kaiser, »denn ich werde Dir dieses und jenes Kaiserreich geben; schweig, mein Sohn, denn ich werde Dir zur Gemahlin diese oder jene Kaisertochter geben.« Endlich, als er sah, daß er immer noch nicht aufhörte, sagte er ihm noch: »Schweig, mein Knabe, ich werde Dir die Jugend ohne Alter und das Leben ohne Tod geben.«

Darauf schwieg das Kind und kam zur Welt; aber die Hofleute schlugen die Pauken und bliesen die Trompeten, und im ganzen Reiche herrschte große Fröhlichkeit eine ganze Woche lang.

Je mehr der Knabe wuchs, desto nachdenklicher und sinnender wurde er. Er ging in die Schulen und zu den Philosophen, alle Gelehrsamkeit wurde ihm zueigen, so daß der Kaiser vor Freude starb und wieder auflebte. Das ganze Reich war stolz, daß es einen so weisen und wohlgebildeten Kaiser, gleichsam einen Kaiser Salomon haben würde. Eines Tages aber, als das Kind gerade sein 15. Jahr vollendete, war der Kaiser mit allen Herren und den Großen des Reiches bei Tisch und vergnügte sich, als der schöne Prinz aufstand und sagte: »Vater, jetzt ist die Zeit gekommen, jetzt mußt Du mir das geben, was Du mir bei meiner Geburt versprochen hast!«

Als der Kaiser solches hörte, betrübte er sich sehr und sagte ihm: »Aber mein Sohn, wie kann ich Dir ein so unerhörtes Ding geben? Und wenn ich es Dir damals versprach, war es nur, um Dich zum Schweigen zu bringen!«

»Wenn Du es mir nicht geben kannst, Vater, bin ich gezwungen, die ganze Erde zu durchwandern, bis ich das mir Versprochene finde, dessentwegen ich zur Welt kam!«

Darauf fielen alle Herren und der Kaiser ihm zu Füßen und baten ihn, das Reich nicht zu verlassen, weil, wie die Herren sagten, sein Vater jetzt alt würde, und sie ihn auf den Thron erheben und ihm die schönste Kaiserin unter der Sonne zur Frau geben wollten; aber es war unmöglich, seinen Entschluß wankend zu machen, denn fest wie der Fels bestand er auf seinen Worten. Als sein Vater aber alles das gesehen und wohl erwogen, gab er ihm seine Erlaubniß und machte sich daran, ihm die Zehrung auf den Weg und was er sonst noch brauchte herzurichten.

Dann ging der junge Held in die kaiserlichen Stallungen, wo die schönsten Rosse des Reiches standen, um sich eines auszusuchen; aber wenn er die Hand an den Schwanz der Rosse legte, warf er sie zu Boden, und so fielen alle Pferde nieder. Endlich, als er gerade hinausgehen wollte, ließ er seine Augen noch einmal durch den Stall schweifen und erblickte in einer Ecke ein krankes, mit Geschwüren bedecktes, schwaches Pferd, auf das er zuging. Als er es an den Schwanz faßte, wandte es ihm den Kopf zu und sagte:

»Was befiehlst Du, mein Gebieter? Ich danke Gott, daß er mir dazu verholfen hat, daß noch einmal eines Helden Hand mich berührt.«

Und sich fest auf die Füße stellend, blieb es gerade stehen. Da sagte ihm der junge Held, was er im Sinne habe zu unternehmen, und das Pferd entgegnete:

»Um Deinen Wunsch erfüllen zu können, mußt Du von Deinem Vater das Schwert, die Lanze, den Bogen, den Köcher mit den Pfeilen und die Kleider, die er als Jüngling trug, verlangen; mich aber mußt Du mit eigener Hand sechs Wochen lang pflegen und mir den Hafer mit Milch gekocht geben.«

Als er vom Kaiser die Sachen erbat, die ihm das Pferd angerathen hatte, rief dieser den Haushofmeister des Palastes und befahl ihm, alle Kleider-Truhen aufzuschließen, damit sein Sohn die, welche ihm gefielen, auswählen könne. Der junge Held, nachdem er sie drei Tage lang durchwühlt, fand endlich auf dem Boden in einer alten Truhe die Rüstung und die Kleidung, welche sein Vater als junger Mann getragen, erstere aber ganz verrostet. Er machte sich mit eigener Hand daran, sie vom Rost zu reinigen, und innerhalb sechs Wochen, während der Zeit, da er auch das Pferd pflegte, gelang es ihm, die Rüstung glänzend und blank wie einen Spiegel zu putzen. Als das Pferd von dem schönen Prinzen erfuhr, daß die Kleider und das Rüstzeug gereinigt und hergerichtet seien, schüttelte es sich einmal, und alle Geschwüre fielen von ihm ab, und es stand gerade so da, wie seine Mutter es geboren, als ein starkes, wohlgebautes Pferd mit vier Flügeln. Als der Held es so sah, sagte er ihm:

»In drei Tagen brechen wir auf!«

»Lange mögest Du leben, Herr, ich stehe heute schon zu Deinen Diensten«, antwortete das Pferd.

Am dritten Tage in der Frühe war am ganzen Hofe und im ganzen Kaiserreiche große Trauer. Der schöne Prinz, wie ein Held gekleidet, mit dem Schwert in der Hand, auf dem Pferde reitend, das er sich auserwählt, nahm Abschied vom Kaiser, von der Kaiserin, von allen großen und kleinen Herren, von dem Heere und von der ganzen Dienerschaft des Hofes, welche mit Thränen in den Augen ihn anflehten, von dieser Reise abzustehen, damit er seinen Kopf nicht etwa dem Verderben aussetze; er aber, dem Pferde die Sporen gebend, flog wie der Wind zum Thor hinaus; ihm nach die Wagen mit der Zehrung, mit Geld und so an die 200 Reiter, welchen der Kaiser den Befehl gegeben, ihn zu begleiten.

Nachdem er über die Grenze von seines Vaters Reich gelangt und in der Wüste angekommen, hat der schöne Prinz alle seine Habe unter die Reiter vertheilt, Abschied von ihnen genommen und sie zurückgeschickt; für sich behielt er nur so viel Nahrungsmittel zurück, als das Pferd tragen konnte. Und dann schlug er den Weg gen Osten ein und ritt drei Tage und drei Nächte, bis er an eine weite Ebene kam, auf der viele Menschengebeine lagen.

Als er hier anhielt um auszuruhen, sagte ihm das Pferd: »Wisse, Herr, daß wir hier auf dem Besitzthume einer Spechtfee sind, die so böse ist, daß Niemand ihr Reich betreten kann, ohne von ihr gemordet zu werden. Sie war eine Frau, aber der Fluch der Eltern, denen sie nicht gehorchte, sondern die sie immer erzürnte, hat sie zu einem Specht gestaltet; jetzt ist sie bei ihren Kindern, aber morgen, in dem Walde, den Du dort siehst, wirst Du ihr begegnen, sie kommt, um Dich zu verderben. Sie ist furchtbar groß, aber erschrick Dich nicht, sondern halte den Bogen bereit, um sie mit dem Pfeil zu durchbohren, halte auch Schwert und Lanze bei der Hand, damit Du Dich ihrer im Fall der Noth bedienen kannst.«

Sie begaben sich nun zur Ruhe, aber sie wachten immer abwechselnd.

Am folgenden Tage, als sich die Morgenröthe verbreitete, trafen sie ihre Vorbereitungen, um durch den Wald zu kommen; der Prinz sattelte und zäumte das Pferd, zog den Gurtriemen straffer an als bisher und machte sich auf, als er plötzlich ein schreckliches Hacken hörte. Das Pferd sagte ihm jedoch: »Halt Dich bereit, Herr, denn jetzt nähert sich die Spechtfee.« Als sie nun näher kam, riß sie die Bäume nieder, so eilig ging sie; das Pferd aber schnellte in die Höhe wie der Wind, so daß es fast über ihr stand, und der Prinz schoß ihr mit dem Pfeil einen Fuß ab. Als er ihr aber den zweiten Pfeil senden wollte, rief sie:

»Halt ein, junger Held, ich thu' Dir nichts!« Und als sie sah, daß er es nicht glaubte, gab sie es ihm mit ihrem Blute geschrieben.

»Dein Pferd soll leben, junger Held«, sagte sie ihm weiter, »denn es ist verzaubert; wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich Dich gebraten verspeist; wisse, daß bis heute kein Sterblicher gewagt hat, meine Grenzen bis hierher zu überschreiten; ein paar Verwegene, die sich dessen erdreisteten, sind bis zu der Ebene gelangt, wo Du die vielen Gebeine gesehen hast.«

Nun gingen sie zu ihrem Hause, wo sie ihn bewirthete und wie einen Gastfreund aufnahm. Als sie aber bei Tisch saßen und sich vergnügten, wimmerte die Spechtfee vor Schmerz; da zog er den Fuß, welchen er ihr abgeschossen, aus dem Reisesacke, in dem er ihn aufbewahrt hatte, setzte ihn ihr an, und er heilte auch augenblicklich. Sie aber hielt vor Freude drei Tage hintereinander offene Tafel und bat ihn, sich zur Frau eine ihrer Töchter, die alle drei schön wie Feen waren, auszuwählen; er aber wollte nicht, sondern sagte ihr, was er suche; worauf sie entgegnete: »Mit dem Pferde, das Du hast, und mit Deinem Heldenmuth, glaube ich, daß Du es erreichen wirst.«

Nach drei Tagen machte er sich reisefertig und brach auf. Er ritt und ritt und ritt weiter, lang und immer länger ward der Weg; als er aber über die Grenzen des Spechtfee-Gebiets zog, stieg er auf eine schöne Wiese, die auf der einen Seite mit blühenden Gräsern bedeckt, auf der anderen aber versengt war.

Da fragte der Heldenprinz, warum das Gras versengt sei, und das Pferd antwortete:

»Hier sind wir auf dem Gebiete der Skorpionhexe; sie ist die Schwester der Spechtfee, sie sind aber beide so böse, daß sie nicht zusammen leben können. Der Fluch der Eltern hat sie getroffen, und darum sind sie so, wie Du sie gesehen, zu Unthieren geworden; ihre Feindschaft ist über alle Begriffe, sie wollen sich gegenseitig immer Land entreißen; wenn diese sehr erzürnt ist, speit sie Feuer und Pech, sie muß irgend einen Streit mit ihrer Schwester gehabt haben, und um sie von ihrem Gebiet zu verjagen, hat sie das Gras, auf das sie getreten war, versengt. Sie ist noch schlimmer als ihre Schwester und hat drei Köpfe. Wir wollen jetzt etwas ruhen und morgen mit dem Frühesten bereit sein.«

Am nächsten Tage bereiteten sie sich vor wie damals, als sie zur Spechtfee gelangten und brachen auf. Bald hörten sie ein Geheul und ein Rauschen, wie sie es bis dahin noch nie vernommen hatten.

»Sei bereit, Herr, denn nun nähert sich die Skorpionhexe.«

Die Skorpionhexe, mit einem Kiefer im Himmel und dem anderen auf der Erde, Feuer speiend, näherte sich so schnell wie der Wind; das Pferd aber bäumte sich eiligst wie ein Pfeil und stürzte sich dann etwas von der einen Seite über sie. Der Held schoß einen Pfeil ab, und ein Kopf fiel ihr herunter als er ihr noch einen Kopf abschießen wollte, bat die Skorpionhexe selbst, er möchte ihr verzeihen, sie würde ihm nichts thun, und um ihn dessen zu versichern, gab sie es ihm mit ihrem Blute geschrieben.

Gerade wie bei der Spechtfee wurde er beherbergt, er gab ihr den Kopf zurück, der wieder angeklebt wurde, und nach drei Tagen reisten sie weiter.

Als sie über die Grenzen des Reiches der Skorpionhexe gelangt, eilten sie rastlos immer weiter, bis sie an ein Feld kamen, das nur mit Blumen bedeckt war, wo ewiger Frühling herrschte. Jede Blume war besonders schön und mit süßem, berauschendem Duft erfüllt, ein Luftzug, der sanft wehte, umfächelte Alles. Hier blieben sie, um sich auszuruhen; das Pferd aber sagte:

»Bis hierher wären wir glücklich gelangt, Herr, aber eine große Gefahr haben wir noch zu überstehen, und wenn uns der Herrgott hilft, daß wir auch sie überwinden, dann sind wir tapfere Helden. Etwas weiter von hier liegt der Palast, in dem die Jugend ohne Alter und das Leben ohne Tod wohnen. Er ist aber von einem dichten, hohen Wald umgeben, in dem alle wilden Thiere der Welt sind, Tag und Nacht bewachen sie denselben und sie sind sehr zahlreich. Mit ihnen zu kämpfen, liegt außerhalb der Möglichkeit, daß wir durch den Wald dringen, erst recht; so müssen wir versuchen, wenn wir können, über ihn fortzuspringen.«

Nach einer Ruhe von etwa zwei Tagen machten sie sich wieder reisefertig, darauf sagte das Pferd, den Athem anhaltend:

»Schnall' mir den Gurt so fest um, wie Du kannst; wenn Du mich dann bestiegen hast, halte Dich fest, auch an meiner Mähne, die Füße drücke an meinen Hals, damit Du mich nicht hinderst.«

Er stieg auf, machte einen Versuch, und in einem Augenblick waren sie dicht am Walde.

»Herr«, sagte das Pferd, »jetzt ist's an der Zeit, nun die wilden Thiere gefüttert werden; sie sind dort versammelt, jetzt wollen wir hinüber.«

»Vorwärts,« entgegnete der schöne Prinz, »und der Herr erbarme sich unser!«

Sie flogen in die Höhe und sahen den Palast, der so glänzte, daß man eher in die Sonne schauen kann als auf ihn. Sie setzten über den Wald, und gerade als sie sich hinunter lassen wollten zur Treppe des Palastes, berührte das Pferd leise mit einem Fuß den Wipfel eines Baumes, worauf der ganze Wald sich in Bewegung setzte. Die Thiere begannen zu heulen, so daß einem die Haare zu Berge stehen mußten. Sie ließen sich eilig hinab, und wäre nicht die Herrin des Palastes draußen gewesen, um ihre Küchelchen (denn so nannte sie die wilden Thiere des Waldes) zu füttern, sie wären sicherlich umgekommen. Sie verschonte sie aus purer Freude, denn sie hatte bisher noch nie eine Menschenseele bei sich gesehen. Sie hielt die Thiere zurück, beruhigte sie und sandte sie auf ihren Platz zurück. Eine große, schlanke und liebliche Fee war sie, und gar zu schön; als der junge Held sie sah, blieb er erstarrt stehen. Wie sie ihn aber so ansah, fühlte sie Mitleid mit ihm und sagte:

»Willkommen, schöner Prinz. Was suchst Du hier?«

»Wir suchen die Jugend ohne Alter und das Leben ohne Tod!«

Dann stieg er vom Pferde und trat in den Palast ein. Dort fand er noch zwei Frauen, beide gleich jung, es waren die älteren Schwestern der ersteren. Er begann der Fee zu danken, daß sie ihn aus der Gefahr befreit; sie aber mit den Schwestern bereitete ihm vor Freude ein angenehmes Nachtmahl, ganz und gar in goldenen Gefäßen. Dem Pferde gaben sie die Freiheit, zu weiden, wo es wolle, später machten sie dasselbe mit allen wilden Thieren bekannt, damit es in Frieden durch den Wald gehen könnte. Die Frauen baten ihn, von jetzt ab bei ihnen zu bleiben, denn, es war ihnen, wie sie sagten, langweilig so allein; er aber ließ es sich nicht zwei Mal sagen, sondern nahm das Anerbieten mit der Zufriedenheit eines Menschen an, der gerade das gesucht, was er findet.

Allmählich, allmählich gewöhnten sie sich an einander, er erzählte ihnen seine Geschichte, und was er gelitten hatte, bis er zu ihnen gelangt war, und nach einiger Zeit verheirathete er sich mit der jüngsten Schwester. Bei ihrer Verheirathung wurde ihm die Erlaubniß ertheilt, überall in der Umgegend hingehen zu dürfen, wohin er wolle; nur ein Thal, das sie ihm zeigten, baten sie ihn nicht zu betreten, denn sonst erginge es ihm schlecht; jenes Thal, sagten sie ihm, hieße das Thal der Klage.

Er brachte dort eine sehr lange Zeit zu, ohne es zu verspüren, denn er blieb immer so jung wie er gewesen, als er angekommen war. Er ging durch die Wälder, ohne daß ihm auch nur der Kopf weh that. Er ergötzte sich an den goldenen Palästen, lebte in Ruhe und Frieden mit seiner Frau und ihren Schwestern, freute sich der Zartheit der Blumen und der süßen, reinen Luft wie ein Glückseliger. Oft ging er auf die Jagd; eines Tages aber verfolgte er einen Hasen, sandte ihm einen, zwei Pfeile nach, aber traf ihn nicht. Aergerlich lief er hinter ihm her, sandte den dritten Pfeil, mit welchem er ihn auch traf, aber der Unglückliche hatte in seiner Eile nicht darauf geachtet, daß er durch das Thal der Klage gekommen, indem er den Hasen verfolgte!

Er nahm den Hasen und wandte sich nach Hause, aber plötzlich überfiel ihn die Sehnsucht nach Vater und Mutter. Er wagte nicht, seiner Frau davon zu sprechen, aber sie und die Schwestern erkannten seinen Zustand gleich an der Trauer und der Unruhe, in der sie ihn sahen.

»Unglücklicher, Du bist in das Thal der Klage gegangen«, sagten sie ihm voll Schreck.

»Ich hab's gethan, meine Lieben, ohne diese Unbesonnenheit begehen zu wollen, jetzt aber vergehe ich vor Sehnsucht nach meinen Eltern! Aber auch Euch kann ich nicht verlassen. Ich bin schon mehrere Tage bei Euch und habe mich über keine Kränkung zu beklagen. So werde ich also hingehen, um meine Eltern noch einmal zu sehen, und dann werde ich zu Euch zurückkehren, um nie mehr fortzuziehen.«

»Verlaß' uns nicht, Geliebter! Deine Eltern leben schon seit Hunderten von Jahren nicht mehr, und selbst Du, wenn Du einmal gehst, wirst, so fürchten wir, nie mehr zurückkehren; bleibe bei uns, denn eine böse Ahnung sagt uns, daß Du umkommst!«

Alle Bitten der drei Frauen, wie auch die des Pferdes waren nicht im Stande seine Sehnsucht nach den Eltern, die ihn bei lebendigem Leibe verzehrte, zu stillen.

Schließlich sagte ihm das Pferd: »Wenn Du nicht auf mich hörst, Herr, wird das, was Dir zustößt, nur Deine eigene Schuld sein. Ich will Dir etwas sagen, und wenn Du meine Bedingung annimmst, bringe ich Dich zurück!«

»Ich nehme sie an«, sagte er, »mit allem Dank, laß sie hören.«

»Sowie Du am Palaste Deines Vaters anlangst, steigst Du ab, ich aber werde allein umkehren, falls Du auch nur eine Stunde dortbleibst.«

»So sei es«, sagte er.

Sie machten sich reisebereit, er umarmte die Frauen, und nachdem er Abschied genommen, ritt er ab; sie aber blieben schluchzend und mit Thränen in den Augen zurück.

Sie kamen an die Stelle, wo einst das Gebiet der Skorpionhexe gewesen, dort fanden sie Städte; die Wälder waren zu Feldern geworden, er fragte Diesen und Jenen nach der Skorpionhexe und ihrer Behausung, sie aber antworteten ihm, daß ihre Großväter von den Urgroßvätern gehört hätten, daß man sich einst solche albernen Märchen erzählt habe.

»Wie ist so etwas möglich«, sagte ihnen der Prinz, »neulich bin ich noch hier vorbeigekommen«, und er erzählte ihnen Alles, was er wußte.

Die Leute lachten über ihn, wie über Einen, der irr redet oder wachend träumt; er aber ritt erzürnt weiter, ohne zu beachten, daß ihm Haar und Bart weiß wurden.

Als er in das Reich der Spechtfee kam, dieselben Fragen und dieselben Antworten. Er konnte nicht begreifen, wie sich die Ortschaften in einigen Tagen derart verändert hatten, und von Neuem erzürnt ritt er mit einem weißen Bart, der ihm bis zum Gurt reichte, weiter und fühlte, wie ihm die Füße zu zittern begannen.

Auch von dort aufbrechend, gelangte er in das Kaiserreich seines Vaters. Hier neue Menschen, neue Städte und die alten so verändert, daß er sie nicht wiedererkannte. Endlich gelangte er an den Palast, in dem er zur Welt gekommen. Als er hier abstieg küßte ihm das Pferd die Hand und sagte:

»Bleib' gesund, Herr, ich kehre dorthin zurück, von wo ich gekommen. Wenn Du auch dorthin zu gehen wünschest, steig' schnell auf, und wir reiten los.«

»Fahr' wohl, auch ich hoffe bald zurückzukehren.«

Das Pferd flog schnell wie ein Pfeil davon.

Als er die Paläste zerfallen und das Unkraut, das um sie herumwucherte, sah, seufzte er tief auf, und mit Thränen in den Augen suchte er sich zurückzurufen, wie glänzend einst diese Stätten waren. Er ging zwei, drei Mal um sie herum, suchte in jedem Zimmer, jeder Ecke sich die Vergangenheit zu vergegenwärtigen, suchte den Stall, in dem er das Pferd gefunden, dann stieg er in den Keller hinab, dessen Eingang mit den herabgefallenen Trümmern erfüllt war.

Hier und dort suchte er herum mit einem weißen Barte, der ihm bis zum Knie reichte, seine Augenlider hob er mit den Händen hoch und konnte kaum noch gehen; er fand nur ein altes Gerümpel von Truhe, die er öffnete, aber es war nichts in ihr drin. Er hob den Deckel empor, da sprach eine Stimme aus der Tiefe: »Sei willkommen, denn hättest Du noch länger auf Dich warten lassen, wäre auch ich zu Grunde gegangen.«

Da legte sein Tod, der in der Truhe schon ganz zusammengeschrumpft war, die Hand auf ihn; er aber fiel todt hin und zerfiel augenblicklich zu Staub. –



Ich schwang mich in den Sattel dann,

Damit ich's Euch erzählen kann.


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