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Märchen - August von Löwis of Menar: Russische Volksmärchen


Drei Jäger

Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne, und die waren alle große Jäger. Aber soviel sie auch jagten, keiner von ihnen hatte Glück. Und als sie einmal durch dichten Wald ritten, verirrten sie sich. Drei Tage zogen sie umher und fanden dann endlich auf die Landstraße hinaus. Da sprachen sie zueinander: »Laßt uns, Brüder, jeder sein Glück probieren.« Auf der Landstraße aber stand eine Säule. Und von der Säule gingen drei Wege ab, und drei Tafeln hingen an ihr, auf denen stand geschrieben: »Wer nach rechts reitet, der wird selbst satt, aber sein Roß bleibt hungrig; wer nach links reitet, dessen Pferd wird satt, aber selbst bleibt er hungrig; wer den dritten Weg reitet, wird Zar im Reiche des Wachramej werden.«

Sie waren alle von gleicher Stimme, von gleichem Haar und von gleichem Wuchs, wie ein Mann. Ivan Ivanyvitsch aber war der älteste Bruder. Er ritt in das Reich des Zaren Wachramej; der Zar empfing ihn und fragte: »Wie heißt du? und welche Künste kannst du?« – »Ich bin ein großmächtiger Jäger.« Da schickte ihn der Zar auf die Jagd. Der Wald jedoch war ein undurchdringliches Dickicht. Ein Löwentier, so groß wie ein Berg, kam dem Jäger entgegen. Er legte an, um zu schießen, aber die Löwin sagte: »Töte mich nicht, Ivan Ivanyvitsch: ich gebe dir mein Junges, das wird dir von Nutzen sein.« Ein wenig weiter kam ihm eine Bärin entgegen. Er legte an, um zu schießen, aber sie sagte: »Ach, Ivan Ivanyvitsch, töte mich nicht: hier hast du ein Bärchen zum Geschenk, es wird dir von Nutzen sein.« Da tötete er die Bärin nicht. Ein wenig weiter kam ihm eine Wölfin entgegen und sagte: »Ach, Ivan Ivanyvitsch, töte mich nicht!« Er schoß nicht, und die Wölfin gab ihm dafür ein Junges. Er kaufte sich ein Pferd, und sein Löwe, sein Bär und sein Wolf folgten ihm überallhin nach. Der Zar Wachramej gab Ivan Ivanyvitsch seine Tochter zur Frau, und nach der Hochzeit wollte Ivan mit seinem Löwen, seinem Bären und seinem Wolf auf die Jagd gehen. Es war aber in diesem Reiche nach Norden zu eine abgelegene Wildnis. Die Frau sagte zu Ivan: »Mein Liebster, reit nicht in jenes Walddickicht! Dort herrschen grimmige Fröste und große Kälte.« Er ritt jedoch über Land und dachte bei sich: »Was bin ich für ein Jäger, wenn ich nicht in jene Wildnis reite?« So ritt er denn hin gen Norden in den Zauberwald.

Als er in den Wald kam, ward es dunkel; ein kalter Wind ging, und grimmiger Frost fiel ein. Er fing an umherzuirren, verirrte sich ganz in dem Walde und nächtigte dort. Da sah er irgendwo in der Ferne ein Licht aufleuchten. »Nun mach dich auf, Löwe, du bist stark und flink, bring uns von dem Feuer! Und du, Bärchen, schlepp Brennholz herbei! Und du, Wölfchen, bring uns ein Ferkel zum Abendbrot!« Der Löwe brachte Feuer, der Wolf ein Ferkel und der Bär das Brennholz, und Ivan zündete das Feuer an und briet das Ferkel zum Abendessen.

In diesem Walde aber wohnte eine Hexe, die hieß Baba-Iga, das Knochenbein; sie war braun wie Leder, und ihre Augen waren wie Kohlen. Als Ivan und seine Tiere anfingen zu essen, schleppte sie sich heran und zitterte erbärmlich. »Ach, mein lieber Bursch, der du hier übernachtest, erlaube mir, mich zu wärmen, sonst muß ich erfrieren!« – »Ach, Großmütterchen, komm und wärme dich!« – »Nein, Väterchen, ich fürchte mich vor deinen Tieren.« – »Fürchte dich nicht, Großmütterchen, komm her, dir wird nichts geschehen.« – »Nein, Väterchen, reiß zuerst fünf Haare aus: von deinem Kopf, von deinem Pferd und von deinen Tieren.« Er riß sie aus und gab sie ihr. Und sowie sie die Haare anblies, wurden Ivan Ivanyvitsch und seine Tiere zu Stein. Zu Hause aber wartete sein Weib auf ihn.

Ivans Bruder Danila Ivanyvitsch ging seines Weges und begegnete einer Löwin. Er wollte auf sie schießen, aber die Löwin sagte: »Ach, Danila Ivanyvitsch! töte mich nicht: hier hast du ein Löwenjunges, es wird dir von Nutzen sein.« Danila tötete die Löwin nicht, sondern nahm ihr Junges mit sich. Ein wenig weiter kam ihm eine Bärin entgegen. Er wollte sie töten, doch sie sagte: »Ach, Danila Ivanyvitsch, töte mich nicht: da hast du ein Bärchen zum Geschenk, es wird dir von Nutzen sein.« Er nahm das Junge mit sich und ritt weiter. Da begegnete ihm eine Wölfin und sagte: »Ach, Danila Ivanyvitsch, töte mich nicht: da hast du ein Wölfchen, es wird dir von Nutzen sein.« Er nahm das Junge mit sich und ritt davon. Und er kam in das Reich des Zaren Wachramej. Die Zarentochter aber dachte, daß er ihr Gatte sei, und er erkannte, daß sie die Frau seines Bruders sein müsse. Sie küßte ihn und drückte seine Hände an ihr Herz und sprach: »Ich dachte, daß du nicht mehr zurückkommen würdest, denn von den Unsrigen ist bisher noch niemand von dort zurückgekehrt.« Sie gab ihm zu trinken und zu essen, schlug das weiße Lager auf, bettete ihn zur Ruh und legte sich an seine Seite. Er aber legte ein bloßes Schwert zwischen sich und die Zarentochter und sprach: »Höre, mein liebes Weib! Wer sich in dieser Nacht dem andern zuwendet, dessen Haupt soll fallen!« Sie lagen da und rührten sich nicht. Frühmorgens machte er sich auf zu jagen. Sie sprach aber zu ihm: »Ach, mein Liebster, reit nicht in jenes Land gen Norden: von dort ist keine Wiederkehr!« Er ritt aber fort und wandte sich der Wildnis zu. Es wurde sehr kalt, und da schlug er dort sein Nachtlager auf. Den Löwen schickte er nach Feuer, den Bären nach Brennholz und den Wolf nach einem Ferkel. Als sie ihr Abendbrot zubereiteten, kam die Baba-Iga, das Knochenbein; braun war sie wie Leder, und ihre Augen waren wie Kohlen, zitternd schleppte sie sich heran. »Ach, erwärme mich!« – »Komm her, Großmütterchen, und wärme dich!« – »Nein, Väterchen, reiß zuerst fünf Haare aus: von deinem Kopf, von deinem Pferd und von deinen Tieren.« Er riß sie aus und gab sie ihr. Und sowie sie die Haare anblies, wurden Danila Ivanyvitsch und seine Tiere zu Stein.

Der dritte Bruder, Mikita Ivanyvitsch, ritt seines Weges. Eine Löwin kam ihm entgegen. Er wollte sie töten, aber die Löwin sprach: »Ach, Mikita Ivanyvitsch! Töte mich nicht: hier hast du ein Junges, es wird dir von Nutzen sein.« Er nahm das Löwenjunge mit und ritt weiter. Da begegnete ihm eine Bärin: »Ach, Mikita Ivanyvitsch, töte mich nicht: hier hast du ein Bärchen, es wird dir von Nutzen sein.« Er nahm das Junge mit und ritt weiter. Dann kam ihm eine Wölfin entgegen: »Ach, Mikita Ivanyvitsch, töte mich nicht: hier hast du ein Wölfchen, es wird dir von Nutzen sein.« Mikita kam zu der Säule, bei der sich die Brüder getrennt hatten, aber die Schrift auf den Tafeln war ausgelöscht. Da sprach er: »Gewiß sind meine Brüder nicht mehr am Leben! Ich will hinreiten und sie suchen.« Er war aber ein riesenstarker, mächtiger Held und ein tapferer Krieger. Als er zu der Tochter des Zaren Wachramej kam, ward sie sehr froh, als sie ihn erblickte, und hielt ihn für ihren Mann. Sie küßte ihn und drückte seine Hände an ihr Herz. Bevor er aber zur Ruhe ging, legte er das Schwert sich zu Häupten und sprach: »Weib! wer sich in dieser Nacht dem andern zukehrt, dessen Haupt soll fallen.« Da rührte sich keines von ihnen während der ganzen Nacht. Am Morgen stand er auf und ritt fort, seine Brüder zu suchen. Er ritt gen Norden in den wilden Wald und kam zu jenen Steinen. Den Löwen schickte er nach Feuer, den Bären nach Brennholz und den Wolf nach einem Ferkel, und dann fing er an, das Abendbrot zu bereiten. Da schleppte sich zitternd die Baba-Iga heran und bat: »Ach, guter Gesell, erlaube mir, mich zu wärmen!« – »Komm heran, Großmütterchen, und wärme dich!« – »Nein, Väterchen, gib mir erst fünf Haare von deinem Kopf, von deinem Pferd und von deinen Tieren.«

Doch da rief er: »Heda! mein Löwe, und du, mein Bär, und du, mein Wolf, schleppt sie einmal aufs Feuer!« Sie drehte sich und wand sich, aber die Tiere zerrten sie aufs Feuer. Doch da schrie sie mit riesenstarker Stimme: »Ach, Mikita Ivanyvitsch, laß mich nicht verbrennen! Deine beiden Brüder will ich wieder lebendig machen!« – »Nun gut, dann erwecke sie!« Kaum blies sie darauf die Steine an, wurden sie wieder zu Menschen. »Jetzt, Bruder Ivan und Danila, verbrennt sie!« Und sie packten und verbrannten die Hexe.

Dann ritten sie alle drei in das Reich des Zaren Wachramej. Der aber gab einen großen Ball, auf dem waren alle Könige. Und als sie am Meere lustwandelten, da warf ein Meeresungeheuer einen Brief ans Ufer. Den fanden die Könige, und dort stand geschrieben: »Ivan Ivanyvitsch, Danila Ivanyvitsch und Mikita Ivanyvitsch! Weil ihr meine Mutter getötet habt, so werd ich euer Reich vernichten; wenn du aber, Wachramej, nicht willst, daß dein Reich zugrunde geht, so führe deine Tochter in einem goldenen Wagen an das Meeresufer.« Der Zar Wachramej setzte seine Tochter in einen goldenen Wagen und stellte ihn am Ufer des Meeres auf. Dann rief er: »Ach, ihr Brüder, wollt ihr nicht das Ungeheuer töten, wie ihr die Baba-Iga getötet habt?« Da machten sich die Brüder bereit und stellten sich nachts beim Wagen auf. »Wohlan, ihr Löwen, haltet die Hinterräder fest, und ihr, Bären, legt euch zu den Seiten nieder, aber ihr, Wölfe, packt das Ungeheuer am Hals, wenn es aus dem Wasser herauskommt.« Um Mitternacht erbrauste das Meer, und die Erde erbebte. Das Ungeheuer warf sich aus dem Meer hervor und fing an, den Wagen ins Wasser zu ziehen, die Löwen aber ließen es nicht zu. »Heran, ihr Bären, werft euch ihm auf die Schultern, und ihr, Wölfe, reißt es an den Waden!« Und sie hieben das Untier in kleine Stücke. Dann zogen die Bären die Zarentochter in den Palast, und viele Dankgebete wurden gehalten. Ivan Ivanyvitsch wurde zum Zaren über das Reich des Wachramej bestimmt, Danila Ivanyvitsch über Asien und Mikita Ivanyvitsch über Amerika.


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