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Märchen - Mite Kremnitz: Rumänische Märchen


Der arme Junge

Es war, was gewesen ist, wäre es nicht gewesen, würde es auch nicht erzählt.

Es war einmal eine Wittwe, die war so arm, daß nicht einmal die Fliegen in ihrem Hause blieben,. und diese Wittwe hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Der Knabe war solch tapferer Junge, daß er den Schlangen die Zunge aus dem Munde herausgerissen hätte, das Mädchen aber war so schön, daß die Kaisersöhne und die schönen Prinzen aller Ort mit Ungeduld darauf warteten, bis sie herangewachsen, damit sie um sie werben könnten. Als das Mädchen das sechszehnte Lebensjahr vollendete, geschah ihr, was allen schönen Mädchen geschieht: es kam ein Drache, der raubte sie und brachte sie weit fort, auf das jenseitige Gestade.

Von jetzt ab liebte die Wittwe ihren Sohn hundert und tausend mal mehr als bisher, weil er ihr einziges Kind und die einzige Freude war, die ihr noch auf dieser Welt geblieben, sie hütete ihn, wie man sein Augenlicht hütet, und hätte ihn nicht einmal einen Schritt weit von sich gehen lassen. So sehr sie sich aber an ihm freute, war sie doch untröstlich und stets traurig, weil, mein Gott! ein Knabe ist zwar ein Knabe, aber ein Mädchen ist ein Mädchen, besonders wenn es schön ist.

Da der Knabe seine Mutter so traurig sah, sammelte er immer mehr Kraft und zählte die Tage, bis er groß genug sein würde, um in die weite Welt zu gehen und das Schwesterlein, Röthbäckchen sein, zu suchen auf ungebahnten Pfaden, mit Dornen beladen. Als er 18 Jahre vollendet hatte, machte er sich Kalbssandalen, an denen Stahlsohlen waren, ging zu seiner Mutter und sprach also: »Mutter, ich habe keinen Ruheort und keine Ruhestunde hier am Ort, so lange ich Dich so traurig und vergrämt sehe, immer in Gedanken an meine Schwester; ich habe beschlossen in die weite Welt zu gehen, und nicht eher zurückzukommen, als bis ich Kunde von ihr bringen kann. Ob ich sie finde, weiß ich nicht, ich habe wenigstens die Hoffnung, die lasse ich Dir auch, damit Du Dich mit ihr beruhigst.«

Als die Wittwe solche Worte hörte, mußte sie sich überwinden und doch wieder nicht zu sehr, um ihm zu antworten:

»Gut, mein Sohn, mein Kind! Thu, was Du nicht lassen kannst, und wenn Du zurückkehrst, werde ich Dich wiedersehen, und wenn Du nicht zurückkehrst, werde ich Dich nicht beweinen, weil der Weg weit ist, den Du vor Dir hast; bleibst Du auch noch so lange aus, ist doch immer noch die Hoffnung, daß Du einmal zurückkehrst.« Nachdem sie dies gesprochen hatte, rührte sie ihm drei Brote mit ihrer eigenen Muttermilch an, eins aus Mehl, das andere aus Kleie, das dritte aber aus Asche vom Heerde des Hauses.

Der Knabe steckte die Brote in den Reisesack, nahm Abschied von seiner Mutter und ging in die Welt wie ein armer Junge, dem alle Wege gleich weit, alle Stege gleich breit sind, und der nicht weiß, welche Richtung er einschlagen soll.

Am Thor stand er still, schaute einmal nach Sonnenaufgang, dann nach Sonnenuntergang, nach Mitternacht und nach Mittag, darauf nahm er eine Hand voll Staub unter der Thürschwelle hervor und warf sie in den Wind: wohin der Wind den leichten Staub trieb, dahin wandte er seine Schritte.

Und der arme Junge ging und ging und ging, immer weiter und weiter, durch viele und reiche Länder, bis er an eine Haide kam, auf der kein Gras wuchs und kein Wasser quoll. Hier hielt er an und holte seine drei Brote hervor. Er fing mit dem aus Mehl an, weil es das schönste war. Und wie er davon abbiß, wuchs seine Kraft und wurde sein Durst gelöscht.

Und wiederum wanderte der arme Junge weiter und wanderte über die lange Haide, Sommertag bis zur Nacht, den Weg so bang, daß er hingelang, bis er an einen großen Wald kam, so groß wie die Haide, über die er gewandert, der war dicht und düster und sogar von den Winden verlassen. Als er in diesen Wald trat, erblickte er am Stamm eines Baumes eine alte Frau, die war gebückt und runzelig im Gesicht. Der arme Junge, der seit so langer Zeit kein Menschenantlitz gesehen und keine Erdensprache gehört hatte, freute sich jetzt und sagte lustig.

»Glück auf, Mütterchen! aber wie kommst Du her, und was machst Du in dieser Einöde von einem Wald?«

»Gut sei Dein Wort!« entgegnete ihm die Alte seufzend. »Ach Gott, so weit bin ich auch durch's Alter herunter gekommen; ich wollte ein bischen wohin gehen und kann nicht weiter, weil meine Füße mich nicht mehr tragen.«

Als der arme Junge dies hörte, hatte er Mitleid mit der Alten, näherte sich ihr und fragte sie, woher sie käme und wohin sie ginge und in welcher Angelegenheit sie unterwegs sei. Er wußte nicht, der Arme, daß dies Niemand anders als die Waldhexe war, die sich am Rande des Waldes aufhält und denen entgegen geht, die sich in diesen öden Gegenden verirren, um sie mit Worten zu bethören und dann in's Verderben zu stürzen. Als er sie so kraftlos sah, fielen ihm seine drei Brote ein, wie wenn er schon morgen heimkehren sollte, dachte er daran, seine Reisezehrung mit ihr zu theilen, damit sie etwas Kraft bekäme.

»Ich danke Dir«, entgegnete ihm die Waldhexe, die Anderes mit ihm im Sinne hatte, »aber schau, ich habe keine Zähne, um Dein trocknes Brot zu kauen. Wenn Du mir etwas Liebes anthun willst, nimm mich auf den Rücken und trage mich, denn ich wohne hier ganz in der Nähe.«

»So koste doch nur«, sagte der Knabe, der ihr in seiner großen Herzensgüte etwas Liebes erweisen wollte, »Du bist gewiß nur aus Hunger so hinfällig geworden, und wenn Dir dies nicht hilft, trage ich Dich, wie Du es wünschst.«

Als die Waldhexe das Brot aus weißem Mehl sah, guckte sie es mit Lust an; es hatte so etwas an sich, was, weiß ich nicht, aber so etwas daß selbst die Waldhexe nicht umhin konnte, einen Bissen davon zu nehmen. Und wie sie hineinbiß, wurde ihr Herz weicher. Nachdem sie drei Bissen genommen hatte, fühlte sie sich Mensch wie wir Alle, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und mit mildem Sinn.

»Erfahre, mein Sohn«, sagte sie ihm, »daß ich die Waldhexe bin, und daß ich sehr gut weiß, wer Du bist, woher Du kommst und wohin Du Dich aufgemacht hast. Das ist eine große Sache, die Du vor Dir hast, denn Deine Schwester befindet sich gerade auf dem jenseitigen Gestade, wohin der Erdenmensch nur auf eine einzige Art gelangen kann.«

»Und auf welche wäre das?« fragte der arme Junge ungeduldig.

Die Waldhexe sah ihn zweifelhaft an.

»Ich rathe Dir nicht, Dich daran zu machen«, sagte sie, »denn es wäre schade um Dein junges Leben. Aber wer weiß, vielleicht wirst Du Glück haben; ich sehe, daß Du ein weiches Herz hast, und wer ein weiches Herz hat, kann Vieles zu Stande bringen; außerdem kenne ich Dich, Du wirst keine Ruhe haben, bis Du sie nicht gefunden hast. So wisse also, fern von hier, nachdem Du noch sechs Haiden und sechs Wälder durchmessen, wirst Du am Rande des siebenten Waldes, der sich an der Grenze des jenseitigen Gestades ausdehnt, eine alte Hexe treffen; diese Alte hat eine Pferde-Heerde, in dieser Heerde befindet sich ein verzaubertes Pferd, das Dich auf das jenseitige Gestade bringen kann. Dies Pferd aber kann nur der erringen, der es aus der ganzen Heerde zu wählen weiß, nachdem er dieser Alten ein Jahr lang, gedient hat.«

Das hatte der arme Junge wissen wollen. Er verlor keine Zeit mehr, dankte der Waldhexe für die Aufklärungen und machte sich auf, immer geradeaus durch den dichten Wald, weil sein Weg lang war, und er sich zu eilen hatte.

Und der arme Junge ging wie Einer, der in guter Absicht geht, und eilte, wie man eilt, wenn man noch Zeit zum Heimweg behalten will. Wie viel er gegangen und wie er geeilt ist, kann sich ein Jeder vorstellen, der behalten hat, wie lange Zeit er brauchte, um durch eine einzige Haide und einen einzigen Wald zu wandern.

Wenn aber die Kräfte ihn verließen, biß er einmal vom Brot ab, und allsogleich erstarkte er wieder.

Als er aus dem sechsten Wald herausgehen wollte und an einem Bache mit klarem Wasser vorbeikam, sah er eine Wespe, die mit den Wellen des Wassers kämpfte, und hatte Mitleid mit dem Thier. So nahm er einen trockenen Zweig und hielt ihn mit einem Ende der Wespe hin, damit sie hinauf krabbeln und dann Gebrauch von ihren Flügeln machen könnte.

Diese Wespe war aber die Königin selber über die Wespen des Waldes, und als sie sich durch seine Güte gerettet sah, flog sie ihm auf die Schulter und sprach:

»Wohin Du auch gehest, möge das Glück Dein Gefährte sein! Bitte, ziehe mir ein Haar unter dem rechten Flügel heraus, und hebe es Dir gut auf, denn wer weiß, ob es Dir nicht einmal von Nutzen sein kann! Wenn Du mich brauchst, dann bewege dies Haar, und ich werde zu Dir kommen, wo Du auch immer seiest auf der Erdoberfläche.«

Der arme Junge nahm das Haar, verwahrte es sorgfältig und ging weiter. Er ging, wer weiß wie weit, bis er an einen großen See kam, am Rande desselben aber sah er einen Fisch, der auf dem Trocknen herumzappelte. Er hatte Mitleid mit dem armen Thier, in dem kaum noch ein Athemzug war, drum nahm er es und warf es in den See.

Dieser Fisch aber war der Kaiser der Fische selber, mit Schuppen aus Edelsteinen und Flügeln aus Gold. Er schwamm einmal um den See herum, athmete ein Paar Mal auf, um Kräfte zu sammeln, dann kehrte er zum Knahen zurück und sprach also:

»Wohin Du auch gehest, möge das Glück Dein Gefährte sein. Bitte, ziehe mir eine Schuppe ab unter meinem rechten Flügel und hebe sie Dir gut auf, denn wer weiß, ob sie Dir nicht einmal von Nutzen sein kann. Wenn Du mich aber einmal brauchst, reibe diese Schuppe, und ich werde zu Dir kommen, wo Du auch seiest, soweit die Wasser auf Erden reichen.«

Der arme Junge nahm die Schuppe, verwahrte sie sorgfältig und ging weiter. Er ging wer weiß wie weit und gelangte an die siebente Haide, wo kein Halm wächst und kein Wasser quillt, da fand er einen Maulwurf auf seinem Wege, welchen das Tageslicht oberhalb der Erde überrascht hatte, und der nun erbärmlich im Finstern herumtappte und seinen Maulwurfshügel, in dem die Jungen hungerten, nicht finden konnte, obgleich er nur einen Sprung weit entfernt war. Er hatte auch mit ihm Mitleid, nahm ihn und trug ihn an seinen Hügel heran.

»Wohin Du auch gehest«, sprach der Maulwurf, »möge das Glück Dein Gefährte sein. Bitte, nimm Dir eine Kralle von meiner rechten Pfote und hebe sie Dir gut auf, wer weiß, ob sie Dir nicht einmal von Nutzen sein kann. Wenn Du mich aber brauchst, kratze auf der Erde mit dieser Kralle, und ich werde zu Dir kommen, wo Du auch immer seiest auf Erden.«

Der arme Junge nahm die Kralle, verwahrte auch sie sorgfältig, und wieder ging er weiter über die endlose Haide, dem unsichtbaren Walde zu, der an der Grenze des jenseitigen Gestades lag.

Wie viele Tage und wie viele Nächte er über diese Haide zog, das weiß nur der liebe Gott; eines schönen Morgens aber, als er aus dem Schlaf erwachte, sah er in der Ferne, so fern, als sei es in der andern Welt, einen Lichtstreif, ungefähr wie ein Feuer, das sich die Hirten am Eingang der Hürde anmachen. Dort war das Nest der Zauberin mit der Heerde verhexter Pferde.

Der arme Junge freute sich sehr, als er sich dem Ende der Welt so nah sah, und seine Freude währte bis zum Abend des dritten Tages, als er am Hause der Zauberin anlangte.

Da war er, du lieber Gott! mitten in der Haide, gerade am Rande des Waldes, der sich in der Abenddämmerung verlor, auf einem weiten Felde, das mit grünem Gras bedeckt und von Quellen mit klarem Wasser durchflossen war, mitten auf diesem Felde erhob sich aber eine Anzahl hoher Stangen, und auf jeder derselben steckte ein Menschenschädel. Die Hütte der Zauberin stand mitten in diesen Stangen, eine hohe Pappel vor ihr und zwei Weidenbäume rechts und links davon.

Das bewies also, daß die Waldhexe Recht hatte: hier gingen die Dinge nicht gerade spaßhaft her.

Der arme Junge faßte sich ein Herz und näherte sich, um in die Hütte einzutreten, die wie ausgestorben mitten auf der Haide stand.

Die alte Hexe saß in der Hausflur auf einem hohen Stuhl mit drei Beinen, vor ihr aber stand ein großer Kessel auf einem großen Dreifuß, über einem Feuer, das ohne Rauch brannte. In der Hand hielt die Alte das Schienbein eines Riesen, mit dem sie die Zauberkräuter im Kessel umrührte.

Als der arme Junge ihr Guten Abend sagte, sah sie ihn von oben bis unten an.

»Willkommen, Held! Ich erwarte Dich schon lange, denn lange schon klirrt dieser Kessel und sagt mir unaufhörlich, daß Du zu mir unterwegs bist.«

Der arme Junge freute sich sehr über den guten Empfang, denn die Alte erschien ihm durchaus nicht widerwärtig, wie sie ihn liebend anschaute und mit weicher Stimme sprach. Sie freute sich auch, daß sie noch Hand an einen Mann gelegt hatte, weil die Stangen mit Menschenschädeln sie vor den bösen Elfen bewahrten, die nicht durch sie hindurch dringen konnten; und da war ein Stück Landes, so für drei Köpfe, noch nicht mit Stangen besetzt.

Nun machten sie mit einander ab, der arme Junge solle ein Jahr lang die Heerde behüten und als Lohn das Pferd empfangen, das er sich selbst auswählen würde; falls er aber die Heerde verliere, müsse er seinen Kopf der Zauberin überlassen; alsdann schlug die Alte noch eine Stange in die Erde und setzte die Mütze des Helden darauf. Schließlich aß er etwas, um nicht hungrig mit der Heerde zur Weide zu gehen.

Während der Knabe aß, zog die Alte die Mutter-Stuten hinter die Hütte und fing an, sie mit dem Schienbein des Riesen zu hauen und befahl ihnen, nicht etwa Nachts Wasser zu trinken oder die Anderen trinken zu lassen, weil das Wasser aus den Quellen der Flur einschläfere; die Alte wollte, daß die Heerde die Nacht durch weide.

Der arme Junge wußte aber nichts davon.

Als er mit der Heerde auf die Weide kam, fühlte er einen Durst, um den man vom Morgen bis zum Abend geht, nur um ein Tröpfchen Wasser zu finden; er legte sich daher an einen Quell und trank, um seinen Durst zu löschen, und sowie er trank, schlief er auch gleich ein.

Als er am nächsten Tage beim Morgengrauen vom Schlaf erwachte, war die Heerde verschwunden, nirgends eine Spur! Man braucht sich nur klar zu machen, daß seine Mütze schon auf der Stange saß, um zu verstehen, wie groß seine Verzweiflung war. Aber er sah sich nach allen Seiten um, ohne auch nur eine Pferdespur zu entdecken; die Morgendämmerung aber brach immer mehr herein, und er stand ganz verloren da und wußte nicht, wohin er sich wenden solle.

Da fiel ihm der Dienst ein, den er einst der Wespe erwiesen hatte, und er dachte daran, daß eine Wespe, die so schnell fliegt, die Heerde entdecken und ihm Nachricht über sie bringen könnte; so nahm er das Haar, das unter dem Flügel der Wespe herausgezogen war, und bewegte es. So schnell wie man denkt und nicht denkt, hörte man von allen Seiten ein Summen, welches anschwoll und immer stärker wurde, daß man hätte meinen können, die Welt solle zu Grunde gehen. Herrgott! Da kam immer eine Wespe nach der andern, ein Schwarm nach dem andern, große Reihen, ganze Wolken von Wespen, größere und kleinere, alle bereit, die Erde zu umkreisen und die Befehle des armen Jungen zu erfüllen.

»Hab' keine Angst«, sagte die Wespenkönigin, »denn wenn die Heerde noch auf der Erde ist, bringen wir sie Dir, ehe die Sonne sich am Himmel zeigt.«

Darauf wurde Alles still um den armen Jungen herum, weil die Wespen nach allen Orten flogen und sich über die Erde ausbreiteten.

Viel Zeit verging nicht, bis sich in der Ferne eine Staubwolke zeigte, die in rasender Eile auf die weite Flur mitten in der Haide zuflog, und die von stechenden Wespen gejagte Pferdeheerde eilte daher, daß die Erde unter ihren Hufen erdröhnte.

Der arme Junge dankte den Wespen für ihre Hülfe, dann wandte er sich dem Hause zu, als wäre gar nichts vorgefallen.

Die Alte sah ihn etwas schief an, sagte, es sei gut und fing von Neuem an, die Mutter-Stuten zu schlagen, und befahl ihnen, sich Nachts gut zu verstecken.

Am Abend wollte der arme Junge nicht essen, weil er glaubte, daß er durch die Speisen der Zauberin in vergangener Nacht einen so unlöschbaren Durst bekommen habe; als er aber mit der Heerde auf die Weide ging, befiel ihn, sowie er das klare Wasser sah, ein brennender und verzehrender Durst, und wohin er auch ging, quoll Wasser unter seinen Füßen hervor. Schließlich konnte er sich nicht mehr beherrschen, und indem er sich auf den Beistand der Wespen verließ, legte er sich an eine Quelle, und kaum hatte er getrunken, so schlief er auch allsogleich ein.

Diesmal wachte er aber später auf als in der vergangenen Nacht, weil er später eingeschlafen war, später bewegte er das Haar, das er unter dem Flügel der Wespe herausgezogen, und später trafen die Wespenschwärme ein, um ihm die Heerde zu suchen und heimzujagen.

Was mußte er aber sehen? Viel Zeit verging nicht, als, schau an, ein Schwarm nach dem andern zurückkehrte und ein jeder die Kunde brachte, daß die Heerde sich nicht auf der Erdoberfläche befände, sondern sich irgend wie auf dem Meeresgrund verloren haben müsse.

Die Sonne aber sollte gerade aufgehen. Der arme Junge nahm also die Fischschuppe, rieb sie und plötzlich erschienen zu seinen Füßen in den Quellen eine Brut von Fischchen, die alle Rinnen anfüllten und ihn fragten, was er wünsche und befehle. Er theilte ihnen das was und wie mit, und allsogleich begannen alle Wasser, Flüsse, Teiche und Meere sich in Bewegung zu setzen, die Wespen aber flogen über alle Berge, damit sie, sowie die Heerde von den grätigen Fischen aufgejagt sei, hinter derselben hereilen und sie weiter jagen könnten.

Der arme Junge hatte kaum noch Zeit, seine Heerde zu sammeln und nach Hause zu bringen, als die Sonne auch schon aufging.

Die Alte sah ihn ärgerlich an, sagte auch diesmal, es sei gut, und gab den Mutter-Stuten eine noch tüchtigere Tracht Prügel; denn das Jahr hatte drei Tage, und wenn sie sich auch diese Nacht nicht ordentlich versteckten, konnte der Held seinen Lohn fordern.

Das wußte auch der arme Junge. Drum fing er von seinem Brot zu essen an, als er mit der Heerde auf die Weide ging; und so oft er abbiß, wuchs seine Kraft und löschte sich sein Durst. Wenn er jedoch die Quelle sah, oder das Wasser über die Steinchen plätschern hörte, wurde er wieder durstig, und so aß er das ganze Brod aus Mehl. Jetzt hätte er das Kleienbrot angreifen sollen, er getraute es sich aber nicht, da sein Weg noch lang war, und er sich fürchtete, ohne Zehrung zu bleiben. Er verließ sich also auch diesmal auf die Unterstützung der Wespen und Fische, legte sich an einen Quell, und sowie er getrunken, schlief er auch gleich ein.

Als er aufwachte, war es heller Tag, nur war die Sonne noch nicht aufgegangen. Er bewegte das Haar, die Wespen aber kamen mit der Nachricht, daß die Heerde nicht auf der Erdoberfläche sei, er rieb die Fischschuppe, aber die Fische sagten, daß sie auch nicht unter dem Wasser sei; da nahm er in seiner Verzweiflung die Kralle des Maulwurfs und kratzte mit ihr auf dem Boden.

Jetzt hättest Du das Wunder schauen sollen! Die Wespen summten, die Fische wühlten alles Wasser auf, die Maulwürfe aber begannen die Erde zu durchdringen, sie zu durchfurchen, als ob sie sie ganz zu Muß machen wollten. Als die ersten Sonnenstrahlen die Wipfel der Pappeln vor der Hütte berührten, zog die Heerde wie gejagte Schatten auf den armen Jungen zu; wollte sie in's Wasser, scheuchten sie die Fische, suchten sie sich in der Erde zu verbergen, vertrieben sie die kralligen Maulwürfe, und so mußten sie dahin gehen, wohin die Wespen sie führten.

Der arme Junge dankte für die Hülfe und kehrte heim, gerade als die Sonne die Hütte beschien.

Die Alte sah ihn zornig an und sagte nichts mehr.

Aber jetzt kam es drauf an! Das Jahr war um, und der arme Junge begann sich hinter den Ohren zu krauen, weil er nicht wußte, welches Pferd aus der Heerde er wählen solle.

So geht's dem Uebereilten! Die Waldhexe hätte ihm dies wahrscheinlich auch noch sagen können, hätte er sie nicht so schnell verlassen. Jetzt ging er auf's Gerathewohl los. Und dann dachte er, was er auch träfe, schlecht käme er doch nicht weg, denn auf jeden Fall war's auf langem Wege immer besser zu Pferde als zu Fuß. Außerdem hatte er die Pferde der Alten rennen gesehen und wußte, daß es lauter Pferde, keine Schindmähren waren.

So ging er also durch die Heerde, und wie er ging, stieß er auf ein krankes Füllen, mit dem er Mitleid hatte, weil er es so ungepflegt aussah; aber es fiel ihm nicht ein, gerade dieses zu wählen. Soviel er sich aber wandte und drehte, immer blieb er bei diesem stehen, denn er war gar zu gutherzig seiner Art nach und sagte sich, wenn er auch nicht viel mit ihm anstellen könne, erweise er doch wenigstens einem armen Thiere etwas Gutes.

»Wer weiß«, sagte er sich, »wenn ich es kämme, bürste und striegle, wird womöglich noch ein gutes Pferd aus ihm.«

So wählte er dies und entschloß sich, als Zugabe noch die Tasche zu stehlen, in der sich Kamm, Bürste und Striegel befanden, damit er sein Pferd gut besorgen könne.

Die Alte wurde giftig-grün, als sie hörte, daß er sich dies gewählt, weil dies das Bewußte war. Aber was konnte sie ihm thun? Sie mußte Wort halten. Sie rieth ihm nur, sich ein anderes, besseres auszusuchen, sagte ihm, er würde bald ohne Pferd bleiben, und daß für guten Dienst sich ein guter Lohn gebühre; schließlich gab sie es ihm jedoch.

Aber eine Hexe bleibt immer eine alte Hexe, und sowie der arme Junge zu Pferde gestiegen, Abschied genommen und davon geritten, ging sie an den großen Kessel, stellte ihn ab und bestieg den Dreifuß, dann verwandelte sie sich in Gesicht und Haltung und eilte mit der Schnelligkeit des Fluches ihm nach, um ihn zu erreichen, zu verderben und ihr Pferd zurückzunehmen. Der arme Junge fühlte, daß ihm etwas Furchtbares folge und gab seinem Pferde die Sporen.

»Du spornst mich umsonst an«, sprach das Pferd, »wir können ihr doch nicht enteilen, so lange wir noch auf ihrem Bereiche sind. Wirf aber den Kamm hinter Dich, um ihr ein Hinderniß in den Weg zu legen.«

Jetzt wußte der arme Junge, daß er gut gewählt habe, als er sich das kranke Füllen ausgesucht hatte. So holte er den Kamm aus dem Sack heraus und warf ihn hinter sich, aus dem Kamm aber wurde ein langer, hoher Zaun, über den die Hexe nicht fortkonnte, sondern dessentwegen sie einen Umweg machen mußte, so daß er einen Vorsprung gewann.

»Wirf die Bürste«, sagte das Pferd, als es von Neuem das Getrappel des Dreifußes in seiner Nähe hörte.

Der arme Junge warf die Bürste, und aus ihr wurde ein dichtes, ausgedehntes Rohr, durch das die Alte nur mühsam und mit Ach und Weh durchdringen konnte.

»Wirf den Striegel«, rief das Pferd zum dritten Mal.

Als er den Striegel fortgeworfen hatte, schaute der arme Junge nach rückwärts und sah einen Wald von Messern und Säbeln, die Alte aber zwischen ihnen, wie sie sich mühte, durch ihn hindurch zu kommen und sich in lauter kleine Stücke zerschnitt.

Als sie an den siebenten Wald gelangten, wo das Reich der Hexe aufhörte, schüttelte sich das kranke Pferd einmal und wurde unvermerkt zu einem schönen, geflügelten Pferde, wie es weder vorher noch nachher eins gegeben hat.

»Jetzt halt Dich gut!« sagte ihm das Pferd, »jetzt werde ich Dich so führen, wie noch nie ein Held vom diesseitigen Gestade zum jenseitigen gelangt ist, denn ich habe dort auch eine Schwester, die ich zu suchen ausgehe.«

Der arme Junge war betäubt von der Windeseile, mit der das Pferd über den Wald hinflog und sich darauf auf das jenseitige Gestade herabließ durch eine große Oeffnung in dem andern Theil des Waldes. Als er zu sich kam, befand er sich auf dem jenseitigen Gestade, seinem Pferde gegenüber, das sich jetzt einmal schüttelte, zum zweiten Male, sich in einen schönen Prinzen mit langen Locken verwandelte und sprach:

»Wohin Du auch gehest, möge das Glück Dein Gefährte sein, denn Du hast mich aus dem Zauber befreit, in welchen mich die Waldhexe gebannt hatte. Erfahre, daß ich der Sohn des rothen Kaisers bin und mich aufgemacht hatte, um meine Schwester zu suchen; am Rande eines Waldes aber fand ich die Waldhexe und die klagte mir, daß sie nicht mehr gehen könne und bat mich, sie auf dem Rücken zu tragen; als ich sie aber aus Mitleid hatte auf mich steigen lassen, verwandelte sie mich in ein Pferd und verdammte mich dazu, Pferd zu bleiben, bis ein Held sich meiner erbarme und mich bestiege, damit ich ihn auf's jenseitige Gestade trüge; dort sollte ich meine menschliche Gestalt wiedergewinnen.«

Der arme Junge freute sich schrecklich, daß er nun nicht mehr allein war. Er nahm das Kleiebrot, brach es entzwei und gab die eine Hälfte dem Kaisersohn, damit sie Brüder auf Leben und Tod seien, und dieselbe Sehnsucht sie Beide trüge.

Der Kaisersohn kostete vom Brote, und wie er davon aß, wuchs seine Kraft und seine Liebe.

Sie erzählten sich ihre Erlebnisse und gingen dann geradeaus vorwärts.

Ferne, ferne, gerade am Ende des jenseitigen Gestades, sah man glänzende Gehöfte aufragen, das mußten die Paläste des Drachen sein.

Die Welt auf dem jenseitigen Gestade war so schön, daß man sie ewig hätte durchwandern mögen, lichtvoll, grün und blumenreich, mit schön gefiederten Vögeln, zahmen und munteren Thieren. Und in dieser Welt alterte der Mensch nicht, sondern blieb immer so, wie er gewesen, als er sie betreten hatte, denn hier gab es keine Tage, die Sonne ging nicht auf noch unter, sondern es kam das Licht von selbst, so wie aus heiterem Himmel. Die Drachen aber waren nirgends zu sehen, und die beiden Brüder auf Tod und Leben gingen unbehindert ihres Weges.

Nachdem sie so weit gegangen, wie man in drei Tagemärschen kommt, gelangten sie an die schönen Paläste und hielten vor ihnen an, weil sie schön, wunderschön waren, mit hohen Thürmen, mit Mauern aus sammetweichen Steinen, mit Schneeplatten gedeckt, die an der Sonne getrocknet waren.

Sie schienen aber leer und verlassen.

Der arme Junge und der Kaisersohn traten ein, gingen durch all die mit Kostbarkeiten angefüllten Räume, und da sie Niemand fanden, dachten sie, daß der Drache gewiß auf die Jagd gegangen sei, und beschlossen, ihn zu erwarten. Sie wunderten sich aber, ihre Schwestern nicht hier zu finden.

Drauf streckten sie sich Jeder auf einem der schönen Divane aus und gaben sich der Ruhe hin, als sie plötzlich Beide zusammen fuhren und erstarrt blieben vor dem, was sie hörten.

Herrgott! es war ein so rührender Gesang, daß er auch die Steine hätte erweichen müssen, man fühlte sich wie in der andern Welt, wenn man ihn hörte, und er entquoll einer Frauenstimme. Der arme Junge und der Kaisersohn horchten nicht lange, sondern sprangen auf und eilten dahin, woher ihnen der Gesang kam.

Und dies erblickten sie: an einem Theil des Schlosses war ein Glasthurm, in diesem Glasthurm aber saß ein Mädchen und spann und sang und weinte, ihre Thränen aber verwandelten sich beim Herabfallen allsogleich in Perlen. Und dies Mädchen war so schön, daß zwei Männer, wären sie in der Welt gewesen, sich ihretwegen umgebracht hätten. Wie die beiden Helden sie erblickten, blieben sie regungslos stehen und schauten sie sehnsüchtig an, das Mädchen aber hörte zu spinnen auf, sang nicht mehr und weinte nicht, sondern sah sie verwundert an.

Dies aber war von keinem der Beiden die Schwester, und wie es so zu geschehen pflegt, meinte der arme Junge, sie sei die Schwester des Kaisersohnes, der Kaisersohn aber, sie sei die Schwester des armen Jungen.

»Ich bleibe hier«, sagte der arme Junge, »gehe Du aber hin und befreie meine Schwester, um sie zur Frau zu nehmen.«

»Nein, ich bleibe hier«, antwortete der Kaisersohn, »gehe Du hin und befreie meine Schwester, denn diese hier nehme ich zur Frau.«

Jetzt kommt's drauf an! Als sie verstanden, daß dieses schöne Mädchen von keinem der Beiden die Schwester war, griffen die schönen Helden an die Schwerter, im Begriff sich mit ihnen zu bekämpfen, wie sich Männer zu bekämpfen pflegen, wenn sie etwas unter sich theilen müssen.

»Haltet ein«, sprach das schöne Mädchen, »überstürzt Euch nicht. Sucht erst besser nach, ob ich wirklich das bin, was ich Euch erscheine, oder ob ich am Ende nur ein Schatten bin? Ich bin das körperlose Mädchen, das erst verkörpert wird in dieser Welt, wenn der Drache mich von dem andern Gestade geraubt haben wird. So wie Ihr mich jetzt seht, werde ich dann auch sein, werde spinnen, singen und weinen, denn ich werde an meine Mutter denken, die spinnt, singt und weint; und so spinnen, singen und weinen auch Eure Schwestern, die von den beiden älteren Brüdern des Drachen, der dies Schloß beherrscht, geraubt worden sind.«

Als sie dies hörten, wollten die beiden Helden davon gehen, um nicht mehr Zeit unterwegs zu verlieren.

»Haltet ein und überstürzt Euch nicht,« sagte ihnen wieder das körperlose Mädchen. »Ihr denkt wohl gar, daß Ihr den Drachen so durch den bloßen Willen besiegen werdet? Eurer harren große Dinge. Mich hat die alte Drachin hierher gesetzt, damit ich ihren jüngsten Sohn immer ansporne, weil es geschrieben steht, daß alle drei Brüder zu gleicher Zeit Hochzeit machen sollen. Die beiden ältesten Brüder halten Eure Schwestern gefangen, können mit ihnen aber erst Hochzeit machen, wenn der jüngste Sohn mich geraubt haben wird. So oft er von der Jagd heimkehrt, hält er dort an, wo Ihr jetzt steht, sieht mich mit Sehnsucht an, dann richtet er seine Waffen her, füttert sein Pferd mit glühenden Kohlen, aber kann sich doch noch nicht auf den Weg machen, weil meine Zeit noch nicht gekommen ist. Drum bleibt und besiegt ihn hier, damit er mich nicht etwa raube, während Ihr unterwegs seid und Ihr dann zu spät zu Euren Schwestern kommt. Aber achtet auf Eins: Ihr könnt ihn außerhalb seines Hofes nicht besiegen, weil er unsichtbar ist. Wenn er nach Hause zurückkehrt, wirft er darum seinen Streitkolben mit so viel Gewalt an das Thor, daß die Erde bebt, die Mauern einstürzen und alle Erdenmenschen, die sich in ihnen befinden könnten, lebendig begraben werden. Wenn Ihr also genug Kraft in Euch fühlt, um die Thore in ihre. Angeln zu halten, so daß sie nicht wanken, wenn er den Streitkolben dagegen wirft, so bleibt, sonst geht in Gottes Namen, denn es wäre schade um Euer junges Leben.«

Der arme Junge und der Kaisersohn sahen sich an, verstanden, daß es so geschehen müsse, und entschlossen sich zu bleiben.

Während also der arme Junge zur Pforte ging, um sie zu halten, zog der Kaisersohn sein Schwert heraus und erwartete den Drachen mitten im Hof. Ihr merkt wohl, daß dies kein Scherz war!

Viel Zeit verging nicht, als plötzlich krach! der Streitkolben gegen die eisenbeschlagenen Thüre schlug, daß man hätte glauben können, die Welt ginge zu Grunde. Der arme Junge meinte, ihm rissen die Sehnen des Herzens entzwei von der großen Schwere, und die Mauern in ihren Grundgefügen würden einstürzen, – aber er hielt die Angeln der Thore.

Als er sah, daß das Schloß nicht zusammenstürzte, stand der Drache etwas verwundert still.

»Was heißt das?« sagte er. »Ich muß seit gestern sehr schwach geworden sein.« Er ahnte nicht, was seiner wartete.

Als er dann mit Mühe das Thor öffnete, bemerkte er nicht den armen Jungen, sondern ging direkt auf den Kaisersohn zu, der todesmuthig mitten auf dem Hofe stand, denn schließlich, was wollt Ihr? Drache ist Drache und nicht ein Mädchen im Weiberrock.

Wir wollen uns nicht länger dabei aufhalten, wir wissen ja, was geschieht, wenn Drachen und Kaisersöhne an einander gerathen. Sie begannen den Kampf. Der Kaisersohn war ein Held, aber auch der Drache war der Jüngste von drei Brüdern! Sie schlugen sich mit den Schwerter wer weiß wie lange; als sie dann sahen, daß Einer den Andern nicht so besiegen konnte, wurden sie handgemein, während der arme Junge sich mühte, das Schloß aufrecht zu halten, damit es nicht über ihrem Kopf einstürzte.

Als der arme Junge sah, daß seine Kräfte nachließen, und daß Keiner den Andern unterkriegte, rief er laut: »Pack' ihn und schleudere ihn, denn ich kann nicht mehr.«

Darauf erfaßte der Kaisersohn den Drachen, wie man so Jemand anpackt, sammelte alle seine Kräfte und warf ihn zu Boden, daß ihm die Knochen knackten, und er bewußtlos liegen blieb; darauf ergriff er eiligst die Flucht, lief durch das halbgeöffnete Thor und zog auch den armen Jungen nach sich; die Mauern stürzten ein und all die großen und schönen Paläste und begruben den Drachen so zu sagen lebendig. Nur der Thurm aus Glas, jetzt leer und verlassen, stand noch da, das körperlose Mädchen aber war aus ihm verschwunden in dem Augenblick, als Niemand mehr da war, der sie von den jenseitigen Gestaden hätte rauben können.

Der arme Junge und der Kaisersohn dankten dem Herrgott, daß sie dies soweit hatten gut ausführen können, und wanderten weiter und gingen und gingen, bis sie vor dem Schloß des zweiten Drachen anlangten.

Schon von ferne sahen sie den Glasthurm und hörten den Klagegesang; des armen Jungen Herz aber klopfte höher und immer höher, weil er, je mehr er herankam, immer deutlicher die Stimme seiner Schwester wiedererkannte.

Als sie in das große und schöne Schloß gelangten und das Mädchen in dem Glasthurm sahen, stürzten sich Beide auf sie zu, um den Thurm einzubrechen und sie in den Arm zu nehmen.

Aber so leicht gingen die Sachen nicht. Das Mädchen im Glasthurm, welches wirklich des armen Jungen Schwester war, schaute sie verwundert an; als aber der arme Junge ihr sagte, daß er gekommen wäre, um sie aus den Klauen des Drachen zu befreien, antwortete sie ihm, daß sie ihn nicht kenne, und daß ihr Bruder ihm weder in Gesicht noch Gestalt gliche.

Groß war des armen Jungen Trauer, als er sah, daß seine Schwester nichts von ihm wissen wollte, und er war doch ihretwegen durch so viele Haiden gewandert, durch soviel Gefahren gezogen; aber seine Trauer wurde noch größer, als sie zu klagen begann, daß sie sich vor Sehnsucht nach dem Drachen verzehre. Der Drache käme an jedem Tage, sagte sie, und betrachte sie auch mit ungestillter Sehnsucht. Doch hielte er sie von einem Tage zum andern hin und verheirathe sich nicht mit ihr.

Aber für den armen Jungen war es noch erträglich, war sie doch nur seine Schwester; als der Kaisersohn aber das Mädchen sah, ihre Stimme hörte und ihre Liebe zu dem Drachen bemerkte, wurde er, ich weiß nicht wie, aber ganz außerordentlich wüthend.

»So! wenn Du nicht kommen willst, werden wir Dich mit Gewalt nehmen!« sagte er, bereit das ganze Schloß auf den Rücken zu nehmen und mit ihm auf das andere Gestade zu flüchten.

»Sachte, sachte,« sprach das Mädchen, »wenn es sich darum handelte, so brauchte ich nur einen Nagel aus dieser Glaswand zu ziehen, um das ganze Schloß über Eurem Kopf einstürzen zu lassen. Ich habe aber Mitleid mit Eurer Jugend und rathe Euch, nicht zu lange hier zu bleiben, weil mein Verlobter Euch sonst antreffen könnte, und Ihr habt Niemand, der über Euch wehklagen würde.«

Der arme Junge holte jetzt sein Aschenbrot aus der Reisetasche und sagte:

»Schwester, koste nur von diesem Brote, und dann sage noch, daß ich nicht Dein Bruder bin!«

Sie streckte die Hand aus, und die Glaswände öffneten sich; nachdem sie aber das Brot genommen und von ihm gekostet hatte, fühlte sie, das es mit ihrer Mutter Milch angerührt sei, und es überfiel sie ein Heimweh, daß man vor Mitleid hätte weinen können. »Vorwärts«, sagte sie eilig, »laßt uns entfliehen, denn wenn er uns hier findet, ach und weh über Euer Haupt!«

Der arme Junge nahm sie in den Arm und küßte sie, weil sie seine Schwester war, der Kaisersohn aber umarmte und küßte sie auch, weil er – weil er doch so ein Bruder auf Leben und Tod von dem armen Jungen war!

Darauf verständigten sie sich, mit diesem Drachen zu verfahren wie mit seinem Bruder, sie warteten noch eine Weile, empfingen den Drachen wie sich's gebührt, besiegten ihn und nachdem sie wieder Gott gedankt, daß sie dies auch überstanden, machten sie sich weiter auf, um auch die Kaisertochter zu befreien.

Jetzt kam es aber darauf an. Die Kaisertochter wollte durchaus nicht von ihnen befreit sein und der Kaisersohn hatte nichts bei sich, kein Abzeichen, an dem sie ihn als Bruder hätte erkennen können. Vergebens sagte ihr der arme Junge, daß wenn sie nicht gutwillig käme, er sie mit Gewalt nehmen würde, denn sie hielt die Hand an dem gefährlichen Nagel, und es war keine Möglichkeit sie zu besänftigen.

Das sollte also heißen, daß es ihnen an den Kragen gehen würde, wenn sie den Drachen abwarteten, denn sie waren zwei, nur zwei Personen, und wenn der Eine das Schloß an den Angeln des Thores hielt, der Andere den Drachen mitten im Hof erwartete, war Keiner da, der sie vor dem bewußten Nagel beschützen könne.

»Laß mich nur«, sagte der arme Junge, der seitdem er die Kaisertochter gesehen ganz ich weiß nicht wie geworden war, außerordentlich wüthend. »Entweder ich ihn, oder er mich!«

Wie man sieht, hatte er sich entschlossen, den Drachen sogar auf freiem Felde zu bekämpfen, wo er ihn nicht sehen konnte, eine unerhörte Sache, seitdem die Märchenprinzen mit Drachenkindern kämpfen; denn wenn es schwer ist, einen Drachen zu besiegen, so ist es doppelt schwer, ihn, wenn er unsichtbar ist, zu besiegen, und daran hatte auch noch nie Jemand gedacht.

Der Kaisersohn und des armen Jungen Schwester versteckten sich darum in einen Graben neben dem Schloß, damit der Drachen sie nicht sähe; der arme Junge aber stellte sich ein bischen an's Thor und wartete, daß der Drachen seinen Streitkolben würfe, damit er gezwungen wäre, sich ihm zu nähern, denn wenn er keinen Streitkolben mehr hätte, würde er gezwungen sein, entweder mit dem Schwerte oder mit der Faust zu kämpfen.

Viel Zeit verging nicht, bis krach! der Streitkolben an das eisenbeschlagene Thor schlug, aber auch der arme Junge war nicht faul, er schlug auf das andere Thor ein und rannte mit dem Thor und Allem heraus und ließ das Schloß hinter sich zusammenstürzen.

»Komm', wenn Du den Muth hast, jetzt zum Vorschein«, rief er darauf und glaubte, daß der Drache etwas antworten würde und sich dabei verrathen.

Der Drache aber fühlte, daß er seinen Mann gefunden habe, und dachte garnicht daran zu sprechen, sondern näherte sich unsichtbar, zog das Schwert heraus und zückte es gerade nach des armen Jungen Kopf, um ihn abzuhauen, aber der Hieb theilte nur seinen Kinnbacken in zwei Theile.

Das schmerzte den armen Jungen, aber es freute ihn auch, weil er jetzt wußte, wo er seinen Feind zu suchen habe; so stürzte er sich auf die Gegend los, aus der ihm der schwere Schlag gekommen war, und schlug zu und fühlte, daß er in's Fleisch getroffen, und schlug wieder und fühlte wieder, daß er getroffen hatte, und so führte er kleine, schnelle Stöße, mit denen er den Drachen vor seines Schwertes Spitze hertrieb. Plötzlich aber fühlte er, daß er nicht mehr traf, daß der Drache seinem Säbel entronnen sei, und er blieb zusammengekauert, wie der, der nicht weiß, woher ihm jetzt der Schlag kommen wird, stehen.

Der Drache zielte noch einmal gerade auf den Kopf des armen Jungen, und wie er zuhaute, schlug er ihm das rechte Ohr ab.

»Das werde ich Dir heimzahlen«, rief der arme Junge und stürzte sich von Neuem auf ihn. Jetzt waren aber seine Kräfte schon sehr geschwächt, und er traf den Drachen nur hin und wieder und verlor ihn nach kurzer Zeit aus Säbelweite.

Die Kaisertochter sah von oben ihrem Kampfe zu aus dem heil gebliebenen Thurm, und wie sie schaute, wunderte sie sich über des armen Jungen Heldenmuth; jetzt aber, als sie sah, daß der Drache den dritten Schlag nach des armen Jungen Kopf richtete, rief sie: »Lieber Held, wende Dich nach rechts und speie dreimal aus, damit Du ihn mit Augen sehen kannst.«

Als der arme Junge dies hörte, fühlte er sich hundert und tausendmal stärker, als er gewesen war, und wie er sich nach rechts wandte und ausspie und den Drachen erblickte, stürzte er sich auf ihn; umfaßte ihn mit seinen Armen und drückte ihn so, daß er ihm die Knochen zerquetschte und ihn dann mausetodt wegschleuderte.

Darauf verloren der Kaisersohn und der arme Junge keine Zeit mehr, sondern machten sich reisefertig. Die Kaisertochter küßte den armen Jungen und augenblicklich heilte das Ohr an und das Kinn zu, so daß er noch schöner als zuvor war. Darauf gingen der arme Junge und der Kaisersohn in die Ställe des Drachen, die sich versteckt unter den Grundvesten des zusammengestürzten Schlosses befanden, ein Jeder nahm ein bezaubertes Pferd, bestieg es, hob seine Braut darauf, und so eilten sie nach Hause.

Wäre der rothe Kaiser nur ein gewöhnlicher Mensch gewesen, würde er sich schon gefreut haben, er war aber außerdem ein Kaiser! Er theilte sein Reich zwischen seinen Sohn und seiner Tochter Gemahl; darauf ging der arme Junge und holte sich seine arme Mutter, und nachdem auch sie gekommen war, wurde eine Hochzeit hergerichtet, Himmel! was für eine Hochzeit, von der die Leute reden werden, so lange die Welt steht.



Ich schwang mich in den Sattel dann,

Damit ich's Euch erzählen kann.


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