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Märchen - Karl Knortz: Irländische Märchen


Die böse Stiefmutter

Es war einmal ein König, der hatte zwei liebe Kinder, einen Sohn und eine Tochter, die aber sehr schlecht behandelt wurden, da seine zweite Frau ein sehr böses Weib war. Eines Tages, als er auf die Jagd geritten war, trat die Stiefmutter zu dem kleinen Mädchen und hielt in der einen Hand einen Becher mit Gift und in der andern einen scharfgeschliffenen Dolch und zwang sie, zu schwören, nie einem Christenmenschen ein Wort von dem zu sagen, was sie jetzt thue. Das junge Mädchen, nichts Böses ahnend, folgte ihr auch, wonach sie den Lieblingshund ihres Gemahls bei den Ohren nahm und ihm den Hals abschnitt.

Als nun der König zurückkam und den Hund in der Halle todt liegen sah, ward er sehr betrübt und fragte, wer sich eine solche Schandthat erlaubt habe.

»Wer anders wird es wohl gethan haben, als deine geliebte Tochter,« erwiderte höhnisch seine Frau; »frage sie doch selber und sieh', ob sie auch noch die Frechheit hat, es zu verneinen!«

Das arme Kind fing darauf an bitterlich zu weinen, sagte aber ihres Schwures wegen kein Wort. Der König wußte nicht, was er sagen oder thun sollte; er nahm weder Speise noch Trank zu sich und schlich sich tiefbetrübt in sein Schlafgemach.

Als er am nächsten Tage wieder auf die Jagd gegangen war, vergiftete die böse Stiefmutter den Knaben und stellte den Leichnam auf den Kopf in den Hausgang, so daß ihn der König gleich bemerkte, als er heimkam. »Wer in aller Welt hat dies gethan?« fragte er wüthend.

»Wer wohl anders, als deine liebe Tochter!« antwortete seine Frau. Darauf rief der König zwei Diener herbei und sprach zu ihnen: »Schleppt dieses elende Geschöpf in den Wald und schneidet ihm beide Hände ab, damit es kein Unheil mehr anrichten kann! Aber vergeßt nicht, mir die Hände mitzubringen, wenn euch euere Köpfe lieb sind!«

Dabei trat er so kräftig auf, daß das ganze Schloß zitterte und ihm die Splitter einer Diele in den Fuß drangen. Anfangs merkte er dies nicht, doch als er späterhin seine Stiefel auszog, sah er, daß der eine ganz voll Blut und ihm ein großer Splitter tief in das Fleisch gedrungen war. Gleich wurde nun nach einem Wundarzte geschickt; doch es gelang ihm nicht, den Splitter herauszuziehen und der König war gezwungen, ruhig auf dem Sofa liegen zu bleiben.

Als dem armen Mädchen die Arme abgeschnitten wurden, glaubte es zuerst, es müsse sterben; doch fiel ihm bald darnach ein, daß im Walde eine heilige Quelle sei, die es nun auch gleich aufsuchte. Es steckte seine Hände in das Moos, das an dem Rande wuchs und augenblicklich hörten sie auf zu bluten und zu schmerzen.

Darnach schlief die Jungfrau ein, und der Geist ihrer Mutter erschien ihr im Traume, und sagte, sie solle stets gut und brav sein und nie ihr Morgen- und Abendgebet vergessen, und alle ihre Feinde würden dann zu Schanden werden.

Als sie am nächsten Morgen aufgestanden war und nach der Vorschrift ihrer Mutter ihr Gebet gesagt hatte, fühlte sie Hunger und sah sich um, ob sie nicht irgendwo etwas zu essen fände. Da hörte sie dann plötzlich einen eigenthümlichen Lärm, der sie so sehr erschreckte, daß sie in einen hohlen Baum, der in der Nähe der Quelle stand, kroch. Von dort aus sah sie nun ein junges Mädchen mit einem Butterbrod in der einen Hand und einem Kruge in der andern an die Quelle kommen; um es nun etwas besser sehen zu können, streckte sie ihr Köpfchen so weit heraus, daß sein Schatten im Wasser zu sehen war. Das fremde Mädchen glaubte nun, es sähe sein Gesicht und lief augenblicklich in den königlichen Palast, der nicht weit davon war, zurück und sagte: »Das sollte mir einfallen, noch ferner Wasser zu holen; ich bin seit gestern so schön geworden, daß ich verdiene, die Frau des Königs zu werden!«

»Dich will ich schon kuriren!« brummte der ärgerliche Koch, und schloß sie bei Brod und Wasser in ein dunkles Zimmer ein.

Zwei andere Mädchen, die nach Wasser geschickt wurden, kamen ebenfalls mit derselben Antwort zurück, und als dies der König erfuhr, ging er auch nach der Quelle und sah den wunderschönen Schatten, aber er hatte Verstand genug, sich nach der Ursache desselben umzusehen. Da fand er denn das reizende Mädchen in dem Baume und nahm es mit nach Hause und heiratete es.

Als sie ein Jahr verheiratet waren, bekamen sie einen Sohn, der auf die Bitten seiner Mutter erst dann getauft werden sollte, wenn der König aus dem Kriege mit den Dänen zurückgekehrt sei. Damit war der König auch ganz zufrieden; er machte ihr ein seltenes Kleinod zum Geschenk und zog fort in die Weite. Sein Herz hing so sehr an seiner Königin, daß er ihr jeden andern Tag einen langen Brief schrieb; die Königin that dasselbe, aber weder er noch sie bekam jemals ein Schreiben zu sehen, denn die böse Stiefmutter hatte den Aufenthalt ihrer Tochter ausgefunden und dem Briefträger eine schwere Summe Geldes versprochen, wofür er ihr alle Briefe überlieferte. Die arme Königin weinte Tag und Nacht, und ihr Gemahl wußte nicht, ob er auf dem Kopf oder auf den Füßen ging.

Endlich erhielt der König einen Brief; aber diesen hatte die böse Stiefmutter geschrieben; auch war er nicht an ihn, sondern an einen Offizier gerichtet, der darin zu einer geheimen Zusammenkunft an einem gewissen Platze im Walde eingeladen wurde.

Dies brachte den König dermaßen in Wuth, daß er den jungen unschuldigen Soldaten in Ketten legen ließ und zwei Boten abschickte, um die Königin zu tödten und seinen Sohn zu ihm zu bringen.

Doch in der Nacht zuvor war der Königin der Geist ihrer Mutter erschienen und hatte sie vor dem kommenden Unglück gewarnt. »Geh',« sagte sie, »morgen mit deinem Kinde an die heilige Quelle und wasche deine Arme darin und fülle eine Flasche mit Wasser und bringe sie deinem Vater. Vergiß aber nicht, vorher deine Mädchenkleider anzuziehen.«

Sie that, wie ihr befohlen wurde, und als sie ihre Arme und ihr Gesicht wusch, bekam sie auf einmal ihre Hände wieder, und ihr Gesicht, das nie eine andere Farbe als die der Milch gehabt hatte, ward so braun wie die wilden Beeren im Walde. Darnach eilte sie dem Schlosse ihres Vaters zu.

Da sie dem Thürhüter sagte, sie sei gekommen, um den König zu kuriren, ward sie gleich eingelassen und dem König vorgeführt, und kaum hatte sie ihm die Wunde gewaschen, so kam der Splitter heraus und er war wieder so gesund wie vorher.

Da freute sich denn der König sehr, aber seine böse Frau sann darauf, die Fremde zu verderben, trotzdem sie sie nicht kannte.

Nach zwei oder drei Wochen war der Krieg vorbei und der junge König kam auf seiner Heimfahrt zufällig in das Haus seines Schwiegervaters, woselbst er seiner Tapferkeit wegen sehr gut aufgenommen wurde. Als er vom Pferde stieg, hielt ihm seine Frau den Knaben mit dem ihr beim Abschiede geschenkten Kleinod entgegen, was ihn ganz außer Fassung brachte. Der Knabe hatte ganz seine Züge, aber das Gesicht der Frau und ihre wohlgeformten Hände leiteten ihn irre. Er küßte den Knaben und sagte kein Wort, bis das Mittagessen vorbei war.

»Würdest du die Güte haben,« sprach er dann zu dem König, »nach der braunen Frau nebst ihrem Kinde zu schicken? Ich möchte gerne ein Wort mit ihr reden.«

»Recht gerne,« erwiderte der König; »ich verdanke ihr mein Leben!«

Als sie hereingekommen war, fragte sie ihr Gemahl, wer der Vater ihres Kindes sei.

»Das darf ich dir nicht sagen,« erwiderte sie; »denn ich habe einst einen heiligen Eid geschworen, nie einem getauften Menschen etwas über mich mitzutheilen. Da aber mein kleiner Sohn noch nicht getauft ist, so werde ich ihm alles sagen. Wisse also, lieber Knabe, daß einst meine böse Stiefmutter meinen kleinen Bruder und den Lieblingshund meines Vaters tödtete und dann mich schwören ließ, nie einem Christenmenschen etwas davon zu sagen. Darauf beredete sie meinen Vater, mir die Hände abhauen zu lassen; und sicherlich wäre ich damals gestorben, wenn ich mich nicht in einer heiligen Quelle im Walde gewaschen hätte. Dort machte ich kurz darauf die Bekanntschaft eines jungen Königs, der mich heiratete; da er aber eines Tages in den Krieg ziehen mußte, so spielte ihm meine Stiefmutter einen falschen Brief in die Hand, auf dessen Inhalt hin er mich tödten lassen wollte. Doch der Geist meiner lieben Mutter bewachte mich und so erhielt ich denn meine Hände und mein Vater seine Gesundheit wieder. Und nun, lieber Sohn, lege ich dich in die Arme deines Vaters!«

Darauf wusch sie ihr Gesicht und es ward wieder so schön wie an dem Tage ihrer Hochzeit. Der Freude und des Jubels wollte es nun gar kein Ende nehmen; die böse Stiefmutter aber machte kein frohes Gesicht dabei, und wenn sie sich nicht unbemerkt aus dem Staube gemacht hätte, so wäre sie sicherlich nicht mit dem Leben davon gekommen.


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