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Märchen - Svend Grundtvig: Dänische Volksmärchen


Jungfer Lene von Söndervand

Es war einmal ein Hofbauer, welcher drei Söhne hatte; der älteste hieß Peter, der zweite Paul, und der dritte Esbeen. Peter und Paul waren ein paar flinke, aufgeweckte Bursche: sie konnten hören und sehen, spielen und lachen, pflügen und säen, mähen und dreschen, und ihr Vater hatte viel Nutzen von ihnen; aber der jüngste war ein armer, blöder Tropf, der sich um nichts kümmerte und sich mit nichts beschäftigte; er sagte nie etwas, sondern ging wie im Schlaf umher, oder er lag am Heerd und störte in der Asche; deshalb nannte man ihn Esbeen Aschenfiest.

Es war ein guter Hof mit reichen Feldern und grünen Wiesen; aber mitten zwischen ihnen lag ein Stück unbenutztes Haideland; das war voll großer Steine und mit Haidekraut bewachsen. Esbeen mochte gern da draußen liegen und zu den Wolken empor blicken oder schlafen und träumen. Aber Peter und Paul mochten das Stück Land nicht so unnütz liegen lassen, und sie baten ihren Vater um Erlaubniß, es umroden zu dürfen; das werde sich gut lohnen, sagten sie, denn die Erde sei an und für sich recht gut. Der Vater gab ihnen auch Erlaubniß, es zu versuchen; es gehe freilich ein altes Gerede, daß dies Stück Land den Elfen gehöre, aber das sei nur ein alter Aberglaube, um den man sich nicht zu kümmern brauche.

So machten sich denn Peter und Paul mit bestem Willen ans Werk; sie räumten die Steine beiseit auf einen Haufen, und sie pflügten und säeten. Sie säeten Waizen auf den neuen Acker, derselbe ging gut auf und hielt sich gut durch den Winter, und im nächsten Frühjahr entfaltete er ein Wachsthum, das ohne Gleichen war. Kein anderes ihrer Felder sah annähernd so gut wie dieses aus, gerade bis zur St. Johanniszeit; aber da nahm die Freude ein jähes Ende, denn just in der Mittsommernacht wurde die ganze Ernte auf eine seltsame Weise verwüstet: der Acker war wie niedergetreten, jeder Halm war geknickt und konnte sich nie mehr erheben. Niemand konnte begreifen, wie das zugegangen sei; aber es war nichts anders zu thun, als den Acker umzupflügen, und so wurde er zu Weideland bestimmt.

Im nächsten Frühjahre stand dort höheres und schöneres Gras, als auf irgend einer ihrer Wiesen. Aber dann ging es wie das vorige Mal; in der Mittsommernacht wurde alles Gras niedergetreten, gerade als es hätte gemäht werden sollen, und sie hatten auch in diesem Jahre keinen Nutzen von dem Acker. So wurde er denn umgegraben und lag den Winter über brach, aber im nächsten Frühjahre ward er mit Flachs besäet. Derselbe ging prächtig auf, und vor dem St. Johannistage stand der Flachs in Blüte. Es war ein herrlicher Anblick, und Peter und Paul freuten sich darüber. Aber sie erinnerten sich recht wohl, wie es in den beiden früheren Jahren gegangen war, und sie kamen überein, daß einer von ihnen in der Mittsommernacht draußen wachen solle, um sich zu überzeugen, ob wieder jemand die Ernte verwüsten würde. Peter, als der älteste, wollte das übernehmen; er war ein starker und flinker Bursch, er nahm einen tüchtigen Knittel mit und setzte sich draußen neben den großen Steinhaufen, den er mit zusammengeschleppt hatte, als sie den Acker urbar machten. Es war ein lieblich heller und stiller, milder Abend; Peter wollte sich wach halten, aber er fiel doch in Schlaf, und er erwachte erst um Mitternacht durch ein schreckliches Sausen und Brausen in der Luft und dadurch, daß die Erde unter ihm bebte; und als er sich umsehen wollte, war der Himmel pechrabenschwarz, und mitten aus all dem Schwarzen blitzte etwas Rothes hervor, das wie ein glühender Drache aussah. Da wurde es Peter so angst, daß er seine Beine in die Hand nahm und nach dem Hofe zurück lief.

Es entlud sich jedoch kein Gewitter in dieser Nacht, aber als sie morgens nach ihrem Flachsfelde sahen, war dasselbe ganz niedergetreten, und die ganze Ernte war verwüstet. Darüber waren sie alle sehr ärgerlich, besonders aber Paul; er sagte, Peter habe sich wie eine Memme benommen und sei von seinem Wachtposten fortgelaufen, ohne sich zu überzeugen, wer es sei, der ihnen jedes Jahr diesen Tort zufüge. Im nächsten Jahr säeten sie Buchwaizen auf den Acker, und der stand so üppig wie möglich bis zum Tage vor der Mittsommernacht; und jetzt wollte Paul hinaus und Wache halten. Er setzte sich auch neben den Steinhaufen und wollte wach bleiben; aber er fiel ebenfalls in Schlaf und erwachte um Mitternacht dadurch, daß er ein Sausen und Brausen in der Luft vernahm und die Erde unter sich beben fühlte. Der Himmel war wieder schwarz wie Pech, und er sah den glühenden Drachen am Himmel, der näher und näher kam, und jetzt begann der ganze Acker wie ein Laken zu wallen, und es summte und brummte vor seinen Ohren, daß ihm ganz ohnmächtig ward. Da hielt er nicht länger Stand, sondern war froh, daß er mit heiler Haut nach Hause kam. Aber am nächsten Morgen war der Buchwaizen niedergetrampelt, daß der Acker einer Stubendiele glich.

Da wollten weder Peter noch Paul mehr Arbeit auf das Haidefeld verwenden, und im nächsten Frühjahr wuchs auf demselben, was da wollte, an Gras und an Blumen: da waren weiße Anemonen und blaue Kornblumen und rother Mohn, und das Haidekraut wagte sich wieder hervor; es hatte an den Grabensäumen gehockt, während die Brüder so eifrig mit Pflug und Egge gewirthschaftet. Jetzt war keiner mehr, der sich um den Acker kümmerte, als Esbeen: er freute sich heuer mehr über denselben, als er es in den drei letzten Sommern gethan hatte, und er lag wieder oftmals draußen und blickte zu den Wolken empor. Und spät am St. Johannisabend schlich er dort hinaus; er hatte den größten Theil des Tags über geschlafen, denn er wollte die Nacht über wach bleiben. Er wollte wissen, was für ein Unfug dort in der Mittsommernacht getrieben ward, mochten es nun Elfen oder wer sonst immer sein. Drüben am Steinhaufen stand ein hoher Baum, das war eine alte Esche, die viele hundert Jahre dort gestanden, und die hatten auch die Brüder stehen lassen, als sie das Feld umrodeten, denn sie stand an der Grenzmark, und am Fuße derselben lagen einige der größten Steine, die sich auf dem Haideland befanden. Darum hatten sie alle anderen Steine dorthin geschleppt, so daß der Baum jetzt mitten in dem Steinhaufen stand. Auf diesen Baum kletterte Esbeen hinauf, und saß nun ganz still und hielt sich vollkommen wach bis Mitternacht. Da hörte auch er ein Sausen und Brausen, das die ganze Luft erfüllte, und er sah den Himmel sich schwärzen, als würde ein dichter Vorhang rings über denselben gezogen, und an dem schwarzen Himmel sah er einen rothen Schein, der näher und näher kam und dann einem glühenden Drachen mit drei Häuptern und drei langen Schwänzen glich. Und je mehr er sich näherte, desto mehr nahm der Sturm zu, und ein Wirbelwind fuhr auf das Feld herab und kreiste dort umher und knickte jeden Stengel und jeden Halm, als würden sie zertrampelt, und die alte Esche schlug mit ihren Zweigen und schaukelte ihren alten Stamm, daß Esbeen sich festklammern mußte, um nicht vom Wirbelwinde mit hinweg gerissen zu werden. Allein plötzlich wurde es still; der Himmel ward wieder hell, und statt eines glühenden Drachens mit drei Häuptern sah Esbeen jetzt gleichsam drei große weiße Schwäne; aber als sie noch näher kamen, sah er, daß es drei Frauengestalten in Federgewändern waren, mit großen weißen Schwingen und langhin flatternden Schleiern, und sie ließen sich aus der Luft herab gerade neben dem Baume, auf dem er saß. Dort streiften sie ihre Federhüllen ab: die Schwingen falteten sich zusammen, und am Fuße des Baumes lagen nur drei weiße Schleier, so fein wie Spinnengewebe. Sie selbst aber sprangen aufs Feld hinaus und tanzten in der Runde, während sie einander an den Händen anfaßten; und dazu sangen sie: Esbeen hatte nie etwas so Schönes gehört, und eben so wenig hatte er je etwas gesehen, was den drei jungen Mädchen glich, die ganz weiß gekleidet waren, mit Goldkronen auf ihren Häuptern.

Lange saß Esbeen ganz still auf dem Baume und erfreute sich des herrlichen Anblicks. Er wagte sich nicht zu regen, um nicht die schönen seltenen Vögel zu verscheuchen. Als sie aber fortfuhren, in einiger Entfernung von ihm zu tanzen, ließ er sich ganz leise vom Baume hinabgleiten, raffte die drei weißen Schleier auf und kletterte dann wieder mit ihnen in den Wipfel. Die drei Schwanenprinzessinnen hatten nichts bemerkt; sie fuhren fort, auf dem Felde zu singen und zu tanzen, bis es drei Stunden nach Mitternacht war. Da kehrten sie zum Fuße des Baumes zurück und wollten ihre Federhüllen wieder anlegen. Aber die waren verschwunden. Sie liefen umher und suchten und suchten; endlich erblickten sie den jungen Burschen, welcher droben im Baume saß. Sie sprachen ihn an und sagten, er habe gewiß ihre Schleier weggenommen. Jawohl, sagte Esbeen. Da baten sie ihn flehentlich, er möge ihnen doch die Schleier wiedergeben. Sonst seien sie ganz unglücklich, sagten sie; und sie weinten und baten und versprachen, ihm so viel Gold und Silber für die Schleier zu geben, daß er reicher würde, als der König im Lande. Esbeen saß und schaute sie an: wie schön waren sie doch alle drei! Dann sagte er, sie erhielten ihre Schleier nur zurück, wenn eine von ihnen seine Frau werden wolle. »Ach nein!« sagte die eine; »Nein, fürwahr nicht!« sagte die andere; aber die dritte, das war die jüngste Prinzessin, die sagte: »Ja! Gieb uns jetzt unsre Schleier!« Da erhielten die zwei ihre Schleier, aber sie erhielt nicht den ihrigen, bevor sie ihm ihre Hand und einen Kuß gegeben und einen Ring an seinen Finger gesteckt und versprochen hatte, am nächsten Mittsommerabend wieder zu kommen und Hochzeit mit ihm zu halten. »Wir sind drei Schwestern,« sagte sie, »und Königstöchter, und wir sind in einem Schlosse aufgewachsen, das an dieser Stelle gestanden hat. Aber vor langer, langer Zeit sind wir von einer bösen Hexe geraubt worden, die uns zehntausend Meilen von hier gefangen hält. Nur in jeder Mittsommernacht dürfen wir hieher fliegen und unser Heim besuchen. Jetzt mußt du hier auf dieser Stelle ein Schloß bauen, worin unsre Hochzeit stattfinden kann, und du mußt alles königlich einrichten, und magst so viele Gäste laden, wie du willst, nur nicht den König in diesem Lande. Du sollst Mittel genug erhalten, um das Schloß zu bauen: brich einen Zweig von dem Baume, darin du gesessen, und schlage auf den größten Stein am Fuße desselben und sprich: ›Für Jungfer Lene von Söndervand!‹ Dann dreht er sich um, und du findest unter ihm alles, dessen du bedarfst. Mit einem Schlag des Eschenzweiges und denselben Worten kannst du deine Schatzkammer öffnen und schließen, so oft du willst. Und nun bis dahin lebe wohl!« sagte sie. Dann wand sie den Schleier um ihr Haupt, wie die andern es schon gethan hatten, und er wallte über sie hinab und spannte sich über ihr aus wie zwei große weiße Schwingen, und dann flogen sie alle drei auf: erst sahen sie wie drei weiße Schwäne aus, aber höher und höher schwebten sie hinan, und bald waren sie außer Sicht, ehe noch der erste Sonnenstrahl über den Acker fiel.

Lange stand Esbeen und blickte ihnen nach, ganz verwirrt von allem, was er gesehen und gehört und erlebt hatte. Endlich raffte er sich auf, brach einen Zweig von der Esche und schlug auf den Stein, mit den Worten: »Für Jungfer Lene von Söndervand!« und sogleich wälzte der Stein sich um, und unter demselben war der Eingang zu einer königlichen Schatzkammer voller Gold und Edelsteine, gemünzten Geldes, kostbarer Schmucksachen und künstlicher Geräthe: Trinkhörner und Leuchter und aller erdenklichen Zierrathen für einen königlichen Tisch. Esbeen nahm so viel Gold- und Silbergeld, wie er tragen konnte, dann schlug er wieder auf den Stein und sprach dieselben Worte, und dann ging er heim zum Hofe seines Vaters.

Der Vater und die Brüder hätten ihn fast nicht wiedergekannt; er war nicht wie derselbe Mensch, als er an diesem Morgen ins Zimmer trat, so flink und so munter, das Haar aus der Stirn gestrichen, und mit funkelnden Augen. Dann sagte er ihnen, jetzt wisse er, was den Acker in den vorhergehenden Jahren verwüstet habe. Derselbe solle nicht besäet, sondern es solle ein Schloß dort erbaut werden, und in dem solle am nächsten Mittsommerabend seine Hochzeit stattfinden. Zuerst glaubten sie, er habe ganz den Verstand verloren; als sie aber all das Gold und Silber sahen, das er mitbrachte, kamen sie auf andre Gedanken und ließen ihn schalten und walten, wie es ihm gefiel.

Nun berief er Steinhauer und Zimmerleute, Maurer und Tischler, und setzte einen Meister über sie alle und sagte ihm, es solle ein königliches Schloß erbaut werden, und dasselbe müsse innerhalb eines Jahres vollständig fertig sein. Er gab dem Meister alles Geld, was derselbe verlangte; er konnte dessen ja genug aus seiner Schatzkammer nehmen; und nun gab's eine Emsigkeit ohne gleichen, mit Axt und Säge, mit Hobel und Hammer, mit Meßloth und Maurerkelle; und bis zum Walpurgistag stand das Schloß fertig mit Thüren und Zinnen, mit Kupferdach und goldenen Wetterfahnen. Und dann ließ er alle Leute im Dorf und alle Bekannten aus der ganzen Harde zur Hochzeit laden.

Von dem Bau war natürlich viel geredet worden, und nicht minder wurde von der Hochzeit geredet, die am Mittsommerabend in dem neuen Schlosse stattfinden sollte. Am allermeisten jedoch war man darauf erpicht, zu erfahren, wer die Braut sein würde, denn ihren Namen wußte keiner. Da traf es sich eines Tages kurz vor der Mittsommerzeit, als alle schon eingeladen waren, daß Esbeen's Vater dem König des Landes begegnete, der einen Spazierritt gemacht und den Weg am neuen Schlosse vorüber genommen hatte, von dem er so viel gehört. Der Hofbauer zog natürlich seinen Hut vor dem König, der seinen Gruß erwiderte und sagte, er habe von der großen Hochzeit gehört, die er für seinen jüngsten Sohn ausrichte. »Ich hätte schon Lust,« sagte der König, »ihn und seine junge Braut zu sehen.« Da meinte denn der Bauer, er könnte doch nicht umhin, zu sagen, es würde ihnen eine große Ehre sein, wenn der König selbst zur Hochzeit kommen wollte. Dank, sagte der König, das wolle er gern, und dann ritt er seines Weges.

Der Hochzeitstag erschien, und die Gäste kamen, und der König kam auch; Esbeen war da, aber die Braut noch nicht. Man begann zu munkeln, die Sache hinge wohl nicht richtig zusammen; von der Braut hätte Esbeen wohl nur geträumt, und mit dem Schlaf sei sie wieder verschwunden. Gegen die Zeit des Sonnenuntergangs ging Esbeen vor das Schloß hinaus und blickte in die Luft empor. »Hm! soll sie von dorther kommen?« sagten die Leute; »ja, dann ist sie wohl nur eine der Mucken, die Esbeen im Kopfe gehabt hat.« Allein Esbeen war ganz ruhig; er hatte einen Zug Schwäne durch die Luft streichen sehn, und er wußte jetzt, daß sie in der Nähe sei. Und gleich darauf fuhr ein prächtiger goldener Wagen, von sechs weißen Pferden gezogen, an der Treppe vor. Esbeen sprang an den Wagenschlag. Dort saß die Braut in strahlender Schönheit. Aber das Erste, was sie sagte, war: »Ist der König hier?« Darauf mußte Esbeen antworten: »Ja! – aber er hat sich selbst eingeladen; ich habe ihn nicht geladen.« – »Das bleibt sich gleich,« sagte die Braut; »halte ich hier heute meinen Brauteinzug, so wird der König der Bräutigam, du verlierst dein Leben, und ich werde unglücklich; denn dir und keinem andern will ich angehören. Jetzt mußt du zu mir kommen, wenn du es vermagst, und zwar ehe das Jahr um ist, sonst ist es zu spät. Ich wohne zehntausend Meilen von hier auf dem Schlosse südwärts von der Sonne, westwärts vom Monde und mitten in der Welt.« Als sie das gesagt hatte, fuhr sie in sausender Eile fort, und gleich darauf sah Esbeen den Zug Schwäne gen Himmel fliegen und in den Wolken verschwinden.

Da nahm Esbeen den Stab in die Hand, verließ alles und machte sich auf die Wanderung in die weite Welt hinaus, um sie aufzusuchen. Er ging geradesweges nach Süden, und er ging Tage und Wochen, und wohin er kam, frug er, ob niemand das Schloß kenne; aber nie traf er jemand, der es nur hatte nennen hören. Endlich kam er eines Tages draußen in einem Walde zu ein Paar großen, grimmigen Kerlen, die sich mit einander rauften. Esbeen redete sie an und frug, um was sie sich rauften. Sie rauften sich um einen alten Hut, der dort liege; ihr Vater sei gestorben, und sie sollten jetzt das Erbe theilen. »Er ist doch auch nicht viel werth,« sagte Esbeen. Doch, sagten die Waldkobolde, es sei kein Hut wie andere Hüte, denn wer ihn aufhabe, der sei unsichtbar; darum wollten sie ihn beide haben. Und dann fuhren sie wieder auf einander los und schalten und rauften sich. »Ja, balgt ihr nur zu, bis ihr euch einigt!« sagte Esbeen, dann schnappte er den Hut weg und setzte ihn auf und ging seines Weges.

Als er eine gute Weile gegangen war, kam er zu ein Paar anderen Waldkobolden, die sich zankten, daß es schrecklich war. Sie sollten auch ihren Vater beerben: es handelte sich nur um ein Paar alter Stiefel, aber wer die anhatte, machte hundert Meilen mit jedem Schritte; daher wollten sie beide dieselben haben. Esbeen ließ sich mit ihnen in ein Gespräch ein, und als er hörte, um was sie sich stritten, gab er ihnen den Rath, um die Wette zu laufen. »Jetzt werfe ich einen Stein,« sagte er, »zu dem müßt ihr hinlaufen, und wer zuerst ankommt, der soll die Stiefel haben.« Darauf gingen sie ein, Esbeen warf den Stein, und sie rannten fort. Mittlerweile zog Esbeen die Stiefel an, und dann that er einen Schritt, da war er hundert Meilen weit fort.

Wieder rauften sich dort ein Paar Waldkobolde um ihr väterliches Erbe, das sich nicht theilen ließ, und das jeder von ihnen haben wollte. Es war ein altes rostiges Taschenmesser. Aber es habe die Eigenschaft, sagten sie, daß, wenn man es aufmache und nur auf jemand damit hinweise, derselbe todt umfalle; und wenn man es dann zuklappe und den Todten berühre, werde derselbe wieder lebendig. »Zeigt mir das Messer!« sagte Esbeen; »ich finde wohl Rath, ich habe dergleichen Händel schon eher geschlichtet.« Als er dasselbe empfing, mußte er es doch erproben, und er machte es auf und hielt es auf die beiden Waldkobolde gerichtet; da fielen sie todt um. »Es verhält sich wirklich so,« sagte Esbeen; dann klappte er es zu und berührte sie, und sogleich sprangen sie wieder auf. Dann steckte Esbeen es in die Tasche, sagte ihnen Lebewohl, setzte seinen Hut auf und war im selben Augenblick hundert Meilen weit fort.

Esbeen ging immer weiter bis gegen Abend, da kam er zu einem kleinen Hause, das mitten im wilden Walde lag. Dort wohnte eine alte Frau, die war so alt, daß Moos auf ihr wuchs. Esbeen grüßte sie freundlich und frug, ob sie ihm nicht sagen könne, wo das Schloß sei, das südwärts von der Sonne, westwärts vom Monde und mitten in der Welt liege. Nein, sagte sie, von dem Schloß habe sie niemals reden hören. Aber sie gebiete über alle Thiere auf dem Felde, und sie wolle sie zusammenrufen und sie fragen, ob eins von ihnen dasselbe kenne. Dann stieß sie in ihre Pfeife, und allerlei wilde Thiere versammelten sich; sie kamen in vollen Sprüngen herbeigeschossen, bis auf den Fuchs, der kam hinterdrein geschlichen und war schlechter Laune, denn er war eben im Begriff eine Gans wegzuschnappen, als er die Pfeife vernahm und fortmußte. Aber weder der Fuchs noch eins des anderen Thiere wußte etwas von dem Schlosse. »Ja, dann mußt du zu meiner Schwester gehen,« sagte die Frau, »welche über alle Fische im Meere gebietet. Sie wohnt dreihundert Meilen von hier, und der Fuchs, welcher zuletzt gekommen ist, soll dir den Weg weisen.«

Es dauerte nicht lange, bis Esbeen zu der alten Frau kam, die über alle Fische im Meere gebot. Aber sie hatte das Schloß niemals nennen hören; und von allen Fischen, die sie mit ihrer Pfeife zusammen rief, war auch keiner so weit gekommen. »Dann mußt du zu meiner Schwester gehen,« sagte die Frau, »welche über alle Vögel unter dem Himmel gebietet. Vermag sie dir nicht zu helfen, so vermag's niemand. Sie wohnt dreihundert Meilen von hier gerade gen Süden, auf einem hohen Berge; den kannst du unmöglich verfehlen.«

Esbeen machte sich also wieder auf den Weg, und kam bald zum Vogelberge. Die alte Frau, welche dort wohnte, hatte niemals von dem Schlosse südwärts von der Sonne, westwärts vom Monde und mitten in der Welt reden hören. Aber sie stieß in ihre Pfeife, und da kamen alle Vögel von allen Enden der Welt herangeschwirrt. Sie frug sie, ob sie das Schloß kennten; aber keiner von ihnen war so weit gekommen. »Aber der alte Adler ist ja nicht hier,« sagte sie, und stieß nochmals in ihre Pfeife. Da kam endlich der große Adler heran gesaust und gebraust und setzte sich auf einen Baumwipfel. »Woher kommst du?« fragte die Frau; »du hast dein Leben verwirkt, denn du kamst zu spät.« – »Ich komme von dem Schlosse südwärts von der Sonne und westwärts vom Monde und mitten in der Welt,« sagte der Adler; »dort habe ich mein Nest und meine Jungen, und für die mußte ich erst ein wenig sorgen, ehe ich so weit von ihnen wegfliegen konnte.« Da sagte die Frau, ihm solle das Leben geschenkt sein, wenn er Esbeen zu dem Schlosse hinbringen könne. Der Adler meinte, das könne er wohl, wenn er sich die Nacht über ausruhen dürfe.

Am nächsten Morgen setzte Esbeen sich auf den Rücken des Adlers, und dieser flog höher und höher in die Luft hinauf und weit über das wilde Meer. Als sie eine Weile geflogen waren, sagte der Adler zu Esbeen: »Siehst du etwas vor uns?« – »Ich sehe eine große schwarze Wand gerade vor uns,« sagte Esbeen. »Ja, das ist die Erde, durch die wir hindurch müssen,« sagte der Vogel; »halte dich gut fest! denn wenn du mir umkommst, so gilt es mein Leben.« Dann flog er mitten in das stockfinstere Loch hinein, Esbeen hielt sich gut fest, und bald erblickte er wieder das Tageslicht. Als sie abermals eine Weile geflogen waren, sagte der Vogel wiederum: »Siehst du etwas vor uns?« – »Es sieht wie ein Glasberg aus,« sagte Esbeen. »Das ist das Wasser, durch das wir hindurch müssen,« sagte der Vogel; »halte dich jetzt gut fest! denn wenn du mir umkommst, so gilt es mein Leben.« Dann schossen sie gerade durch das Wasser und kamen glücklich hindurch. Dann flogen sie wieder eine Weile durch die Luft. »Siehst du etwas vor uns?« sagte wieder der Vogel. »Ich sehe nur Feuerflammen,« sagte Esbeen. »Durch die müssen wir hindurch,« sagte der Vogel; »ducke dich gut unter mein Gefieder, und halte dich fest! Kommst du mir um, so gilt es mein Leben.« Dann flogen sie geradesweges in das Feuer hinein, kamen aber glücklich hindurch. Dann ließ sich der Vogel auf ein Land nieder und sagte: »Jetzt muß ich mich ein wenig ausruhen; wir haben noch fünfhundert Meilen zurück.« – »Jetzt kann ich dich tragen,« sagte Esbeen, und dann nahm er den Adler auf den Rücken und legte den Weg in fünf Sprüngen zurück. »Jetzt sind wir doch zu weit gekommen,« sagte der Adler; »kannst du nicht zehn Meilen zurückgehen?« – »Nein, das kann ich nicht,« sagte Esbeen. »Dann müssen wir sie fliegen,« sagte der Adler; und so kamen sie glücklich zu dem Schlosse südwärts von der Sonne, westwärts vom Monde und mitten in der Welt. Es war ein Schloß, dessen gleichen es nicht auf Erden gab; es glänzte von oben bis unten wie das lautere Gold.

Als Esbeen zu dem Schlosse kam, setzte er sich draußen vors Thor, bis ein Wirthschaftsmädchen kam und durch dasselbe hineinging. Zu der sagte er: »Grüße Jungfer Lene von Söndervand und bitte sie um einen Becher Wein für einen müden Wandersmann!« Diese Botschaft brachte das Mädchen der Prinzessin; sie ließ ihren eigenen Goldbecher mit Wein füllen und sandte das Mädchen damit hinaus. Und als Esbeen getrunken, warf er den Ring, welchen er bei der ersten Begegnung erhalten hatte, in den Becher. Die Prinzessin erkannte sogleich den Ring und eilte selber hinab, umarmte ihn und führte ihn ins Schloß. »Nun hab' ich dich,« sagte sie; »aber ich muß dich gleich wieder loslassen, und du mußt den langen Weg in meiner Federhülle zurückfliegen. Denn erblickt dich die Hexe, welche uns gefangen hält, so verwandelt sie dich mit einem einzigen Blick in Stein.« – »Dagegen weiß ich Rath,« sagte Esbeen; »zeige mir nur, wo sie ist!« Dann setzte Esbeen seinen unsichtbar machenden Hut auf, nahm sein Messer in die Hand, ging zur Hexe hinein und wies auf sie hin, da fiel sie todt um. Dann ließ er sie zwanzig Klafter tief unter der Erde begraben, und dann hielt er Hochzeit mit seiner Prinzessin, und die Hochzeit ist noch nicht zu Ende.

Und ich bin auch auf Esbeen's Hochzeit gewesen; aber da wir auf einer Papierdiele tanzten, und ich ein Paar große Holzschuhe anhatte, so brach ich durch und fiel in ein Spinngewebe und blieb darin hangen. Und das Spinngewebe stopften sie als Vorladung in eine Kanone, und niemand bemerkte mich. So wurde ich mit herausgeschossen und flog hieher, wo ich jetzt sitze und diese Geschichte erzähle.


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