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Märchen - Bernhard Schmidt: Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder


Die Schönste

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter. Alle drei waren ihm theuer, aber die jüngste von ihnen liebte er doch mehr als die beiden andren, weil sie die schönste war. Einst beabsichtigte der König, gegen ein feindliches Land zu Felde zu ziehen, um es sich zu unterwerfen und die Schlösser seines Königs in Besitz zu nehmen. Ehe er nun in den Krieg zog, fragte er seine Töchter, was er ihnen mitbringen solle, wenn er siegreich aus dem Feldzug zurückkehre. Da sprach die älteste von ihnen: ›Ich wünsche mir, lieber Vater, ein Armband von lauterem Golde.‹ Die zweite sprach: ›Mir magst du einen schönen Schleier mitbringen.‹ Die dritte und jüngste aber sagte: ›Ich begehre keine Kostbarkeiten, ich wünsche nur eine Rose.‹ Hierauf zog der König in den Krieg; und nachdem er die Feinde besiegt hatte, erinnerte er sich der Geschenke für die älteste und für die mittlere seiner Töchter; das für die jüngste dagegen vergass er, weil es so unbedeutend war. Auf der Rückkehr nach seinem Reiche musste er auch über ein Meer fahren. Er bestieg also mit seinen siegreichen Truppen die Schiffe; aber kaum waren sie eine kleine Strecke vorwärts gesegelt, so ward das ganze Meer zu Stein, und die Schiffe standen still. Der König konnte dieses Wunder nicht begreifen. Nach einer Weile aber sagte er: ›Vielleicht ist dieses Uebel uns begegnet, weil ich nicht gedacht habe an das Geschenk für meine schönste Tochter.‹ Er kehrte daher in das eroberte Land zurück, begab sich in den Garten des königlichen Schlosses, sah sich überall um und suchte eine schöne Rose für seine jüngste Tochter. Es gab deren hier unzählige, aber eine war die schönste von allen. Er trat herzu, um sie abzuschneiden. Aber wie er eben Hand anlegte, vernahm er aus der Erde heraus eine Stimme, die sprach zu ihm: ›Schneide mich nicht ab, oder, wenn du's doch thust, so versprich mir, dass du deine jüngste Tochter für so und so lange Zeit hierher senden willst.‹ Der König versprach das und schnitt die Rose ab. Hierauf machte er sich wieder auf den Heimweg, fand das Meer diesmal in seinem gewöhnlichen Zustande, gelangte zu Hause an und überreichte seinen Töchtern die gewünschten Geschenke. Indem er aber der jüngsten die Rose gab, theilte er ihr auch gleich die Bedingung mit, unter welcher er sie abgeschnitten hatte. Die nahm die Bedingung an, und schon nach wenigen Tagen reiste sie nach dem Lande ab, aus dem ihr Vater die Rose mitgebracht hatte. Dort angekommen begab sie sich in den Garten des Schlosses, erging sich darin und betrachtete alle die schönen Blumen und reifen Früchte, die hier zu finden waren. Und sie strahlte einer Neraïde gleich,2 so dass der ganze Garten erglänzte von ihrer Schönheit. Als aber der Abend herankam, ängstigte sie sich; sie suchte einen Menschen, aber nirgends war einer zu sehen. Nach eingebrochener Nacht entschloss sie sich, in den Palast zu gehen, zu dem der Garten gehörte. Sie stieg also die Treppe hinauf, ging durch eine Reihe von Zimmern und suchte einen Menschen. Aber auch hier zeigte sich niemand. Sie ging noch weiter und kam in ein prächtiges Gemach, darin stand ein mit frischen Speisen besetzter Tisch. Da sie hungrig war, so setzte sie sich nieder und ass. Nach Beendigung ihrer Mahlzeit bemerkte sie nebenan ein zweites Gemach, darin befanden sich sehr schöne Möbeln und ein trefflich hergerichtetes Bett. Da legte sie sich nieder und schlief. Am andern Morgen stand sie auf, ging in den Garten, blieb hier bis Mittag und begab sich dann, da sie Hunger verspürte, in das nämliche Gemach, wo sie Tags zuvor gespeist hatte. Nachdem sie darauf den Nachmittag wieder im Garten zugebracht und später ihr Abendbrod eingenommen hatte, legte sie sich schlafen. Um Mitternacht vernahm sie vor der Thür ihres Schlafgemachs eine klagende, rührende Stimme, die rief: ›Oeffne mir, bedauerst du mich denn nicht?‹ Allein sie öffnete nicht, denn sie fürchtete sich. In der folgenden Nacht hörte sie die nämliche Stimme wie der, welche diesmal rief: ›Lass mich ein, ich thue dir nichts. Ich liebe dich wie meinen Augapfel.‹ Da öffnete sie die Thür, in dem Glauben, dass irgend ein unglücklicher Mensch bei ihr Zuflucht suche. Aber als sie nun geöffnet hatte, was sah sie da? Eine grosse, furchtbare Schlange, die zischend auf sie zukroch. Die Prinzessin war starr vor Schreck über diesen Anblick, die Schlange aber sprach zu ihr: ›Fürchte dich nicht, liebes Mädchen, ich thue dir nichts. Ich liebe dich.‹ Darauf entfernte sich die Schlange wieder, kam aber nun jede Nacht zurück und ward allmählich so vertraut mit dem Mädchen, dass dieses, in Ermangelung eines andren Gefährten, ohne Furcht mit ihr spielte und sie liebkoste.

Da nun die Prinzessin Muth bekommen hatte, bat sie eines Tags die Schlange, zu ihrem Vater zurückkehren und eine bestimmte Zahl von Tagen bei ihm verbleiben zu dürfen. Die Schlange erlaubte ihr das, fügte aber hinzu: ›So du länger ausbleibst, wirst du mich bei deiner Rückkunft nicht mehr antreffen.‹ Die Prinzessin reiste also in die Heimath ab. Die Zeit ihres Urlaubs ging zu Ende; allein sie kehrte nicht zur Schlange zurück. Ihre Schwestern nun, welche sie hassten, baten ihren Vater, er möchte, sie zwingen zur Rückkehr. Der Vater war traurig hierüber und hatte keine Lust, seine schönste Tochter wieder fortzuschicken; diese aber, als sie sah, wie sehr sie ihren Schwestern verhasst war, kehrte nun freiwillig, wenn auch betrübten Herzens, nach dem verlassenen Lande zurück. Sie ging wieder in den Garten, verweilte hier längere Zeit, begab sich darauf ins Schloss, legte sich am Abend schlafen, aber die Schlange zeigte sich nicht mehr, weder in dieser noch in den folgenden Nächten. Die Prinzessin war sehr betrübt über den Verlust ihres einzigen Gefährten; und eines Tages weinte sie so sehr, dass die Thränen ihre Wangen erhitzten und sie genöthigt war, zu einem nahen Brunnen zu gehen, um sich zu waschen. Da erblickte sie plötzlich im Brunnentrog die Schlange, die aber halb todt war. Von Mitleid ergriffen streckte sie ihre Hände aus und nahm die Schlange aus dem Troge heraus. Die blieb jedoch unbeweglich. Nachdem das Mädchen sie geraume Zeit gepflegt und geliebkost hatte, hörte es auf einmal ein furchtbares Krachen: die Schlange barst, und ehe sich die Prinzessin von ihrem Erstaunen erholen konnte, sah sie sich plötzlich in den Armen eines wunderschönen Jünglings, der sprach zu ihr: ›Fürchte dich nicht, ich will dir alles erklären. Einst liebte eine Neraïde mich so heftig, dass sie mich zum Gatten begehrte. Da ich aber hierauf nicht eingehen wollte, so verwandelte sie mich in eine Schlange, verfluchte mich und sprach: »So lange sollst du Schlange bleiben, bis eine andere Geliebte sich für dich findet, die so schön ist, wie ich selber.« Ich hoffte nicht, eine zweite zu finden, wie jene; allein du bist genau ebenso schön.‹ Hierauf nahm er sie bei der Hand und führte sie ins Schloss. Und jetzt ward die Jungfrau gewahr, dass allenthalben über den Thüren des Palastes geschrieben stand: ›Das Schloss der Schönsten‹;3 und sie merkte, dass sie die Schönste sei. Der Jüngling nahm sie nun zum Weibe, und das übrige könnt ihr euch denken.

Fußnoten

1 Ἡ καλλίcτη. – Diese Form hat sich in Kallipolis im Gebrauche des Volkes erhalten, und zwar in der obigen Bedeutung.



2 cὰν Νεράϊδα.



3 Τὸ παλάτι τῆc καλλίcτηc.


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