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Märchen - Bernhard Schmidt: Griechische Märchen, Sagen und Volkslieder


Die siebenköpfige Schlange

Es war einmal und zu einer gewissen Zeit ein König. Der versammelte einst seine Flotte mit der ganzen Mannschaft um sich und trat eine weite Reise an. Er fuhr Tag und Nacht immer vorwärts, bis er an einen Ort kam, der dicht mit Bäumen bewachsen war, und an jedem Baume lag ein Löwe. Als er sich mit seinen Leuten ausschiffte, da stürzten sich mit einem Mal die Löwen auf sie und wollten sie verschlingen. Nach langem Kampfe gelang es ihnen endlich die wilden Thiere zu erlegen, aber auch von ihnen waren die meisten getödtet worden. Die übrig gebliebenen zogen nun durch den Wald hindurch und fanden auf der andren Seite einen wunderschönen Garten, darin standen alle Gewächse, die's in der Welt gibt. Es waren auch drei Quellen hier, und die eine von ihnen rieselte Málama,2 die andere Gold und die dritte Perlen. Da nahmen sie ihre Reisesäcke und füllten sie mit diesen köstlichen Dingen. Es war auch ein grosser See in der Mitte des Gartens. Als sie auf diesen zugingen, fing er an zu reden und sagte zu ihnen: ›Was macht ihr hier, Kinder, und wen sucht ihr? Verlangt ihr nach unsrem König?‹ Sie aber erschracken sehr und antworteten nichts. Da sprach der See abermals zu ihnen: ›Ich sehe es, dass ihr euch fürchtet, aber ihr seid auch zu eurem Unheil hier herein gekommen. Unser König, der sieben Köpfe hat, schläft jetzt. In wenigen Minuten wird er aufwachen und hierher kommen, sein Bad zu nehmen. Wehe dem, der hier im Garten von ihm betroffen wird! Es ist unmöglich, ihm zu entrinnen. Macht's indessen, um euch zu retten, also: legt alle eure Kleider ab und breitet sie auf den Weg aus von dem Schlosse an bis hierher. Der König wird dann weich gehen, was er sehr liebt, und so wird er euch nicht fressen. Er wird euch nur eine Strafe auferlegen und dann euch ziehen lassen.‹ So thaten sie denn und warteten den Ausgang ab. Um Mittag dröhnte die Erde und barst an vielen Stellen, es erschienen Löwen, Tiger und andre wilde Thiere und umringten das Schloss, und tausend und aber tausend Thiere kamen aus seinem Inneren heraus mit ihrem König, der siebenköpfigen Schlange. Dieser schritt über die Kleider hinweg, kam zum See und fragte ihn wer die weichen Sachen auf den Weg gebreitet habe. Der See antwortete, das hätten Leute gethan, die gekommen wären, ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Alsbald befahl der König, dass die Leute vor ihn kommen sollten. Sie nahten sich ihm auf den Knieen und erzählten ihm mit wenigen Worten ihre Geschichte. Er aber sprach zu ihnen mit gewaltiger furchtbarer Stimme: ›Weil ihr hier herein gekommen seid, lege ich euch zur Strafe die Verpflichtung auf, mir jedes Jahr aus eurem Volke zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge zum Frasse zu bringen. Und wenn ihr das nicht thut, werde ich euer ganzes Volk vertilgen.‹ Hierauf theilte er ihnen eines seiner Thiere zu, um ihnen den Weg aus dem Garten zu zeigen, und verabschiedete sie. So zogen sie von dannen. In ihr Land zurückgekehrt erzählten sie das Geschehene. Und schon rückte die Zeit heran, da sie die Mädchen und Jünglinge dem König der Thiere bringen mussten. Es erging also der Befehl im Lande, dass zwölf Mädchen und ebenso viel Jünglinge sich opfern sollten, um das Vaterland zu retten. Sogleich eilten Jünglinge und Jungfrauen in grosser Zahl herbei, viel mehr als nöthig waren. Man baute ein neues Schiff und versah es mit schwarzen Segeln: auf dem schifften sie die für den König der Thiere bestimmten Jünglinge und Mädchen ein und fuhren nach seinem Lande ab. Dort angekommen gingen sie wieder auf den See zu, aber weder die Löwen regten sich diesmal, noch rieselten die Quellen, und auch der See redete nicht. Sie warteten also, und es dauerte nicht lange, da dröhnte die Erde noch gewaltiger als das erste Mal, das Ungeheuer kam ohne Begleitung heran, schaute den Frass und verschlang ihn mit einem Male. Die Ueberbringer kehrten darauf in ihre Heimath zurück, und so geschah's noch viele Jahre hindurch.

Verlassen wir jetzt das Ungeheuer und nehmen wir den König des unglücklichen Landes dran! Der wurde alt, und auch die Königin alterte, und Kinder hatten sie nicht. Eines Tags nun sass die Königin am Fenster und weinte, weil sie kinderlos war und sah, dass der Thron in fremde Hände übergehen werde. Da auf einmal erschien vor ihr ein altes Mütterchen, das hatte einen Apfel in der Hand und fragte: ›Was ist dir, meine Königin, dass du weinst und dich härmst?‹ – ›Ach, liebe Alte,‹ erwiderte jene, ›es betrübt mich sehr, dass ich keine Kinder habe.‹ – ›Ei,‹ sprach die Alte, ›darum härmst du dich? Hör mich an. Ich bin eine Nonne aus dem Kloster Gnothi,3 und meine selige Mutter hat mir als Erbschaft den Apfel hier hinterlassen: wer den isst, der bekommt ein Kind.‹ Die Königin gab der Alten viele Thaler und kaufte dafür den Apfel. Dann schälte sie ihn, ass ihn und warf die Schalen zum Fenster hinaus. Eine Stute aber, die im Hofe umherlief, frass die Schalen. Die Königin ward darauf schwanger, und zur selben Zeit ward auch die Stute trächtig. Als die Zeit kam, gebar die Königin ein Knäblein, die Stute aber warf ein männliches Füllen. Der Knabe und das Füllen wuchsen zusammen auf und wurden gross und liebten einander wie Brüder. Da starb der König, sein Weib folgte ihm nach, und so blieb der Sohn allein, der damals neunzehn Jahre zählte. Eines Tags nun, da er sich mit seinem Pferde abgab, sprach dieses zu ihm: ›Wisse, dass ich dich lieb habe und dass ich dein Wohl und das deines Landes will. So höre mich. Wenn du fortfährst jedes Jahr zwölf Mädchen und zwölf Jünglinge dem König der Thiere auszuliefern, so wird dein Volk in wenigen Jahren zu Grunde gegangen sein. Auf, setz dich auf meinen Rücken, ich werde dich zu einer Frau bringen, die dir angibt, wie du das Ungethüm tödten kannst.‹ Da bestieg der Jüngling sein Ross, das trug ihn weit fort zu einem Berg, in dem eine Höhle war, die dehnte sich unter der Erde aus gleich einer grossen Ebene. Darin sass eine Alte und spann. Es war das ein Nonnenkloster, und die Alte war die Aebtissin. Und weil sie in einem fort spann, davon hatte das Kloster den Namen Gnothi (Spinnheim) erhalten. An den Wänden der Höhle befanden sich ringsum steinerne, aus dem Fels ausgehauene Betten, auf denen schliefen die Nonnen. In der Mitte aber brannte ein Licht. Das mussten die Nonnen abwechselnd hüten, damit es nie verlösche, und wenn eine von ihnen es ausgehen liess, so wurde sie von den übrigen getödtet. Sobald nun der Königssohn der spinnenden Alten gewahr wurde, fiel er ihr zu Fassen und bat sie ihm doch zu sagen, wie er das Ungeheuer tödten könne. Sie aber hob den Jüngling auf, umarmte ihn und sprach: ›Wisse, mein Sohn, dass ich es gewesen bin, die die Nonne zu deiner Mutter sandte und so bewirkte, dass du geboren wurdest, und mit dir auch das Ross, auf dass du mit seiner Hülfe die Welt von dem Ungeheuer befreien könntest. Läse dir also jetzt sagen, was du zu thun hast. Belade dein Ross mit Baumwolle und schlage mit ihm den und den Weg ein‹ – hierbei bezeichnete sie ihm einen heimlichen Weg, der nach dem Palast der Schlange führte und auf dem man den reissenden Thieren verborgen blieb –, ›du wirst den König schlafend antreffen auf einem Bett, an dem ringsum Glocken angebracht sind; und über ihm in der Mitte seines Lagers wirst du ein Schwert hängen sehen. Nur mit diesem Schwerte ist es möglich die Schlange zu erlegen, denn seine Klinge, wenn sie auch bricht, ersetzt sich immer wieder bei jedem neuen Kopfe, der dem Ungeheuer wächst, also, dass du damit alle sieben Häupter ihm abschlagen kannst. Um das nun aber dem Könige zu entwenden, musst du's also machen. Schleiche dich ganz leise hinauf in sein Schlafgemach und verstopfe alle Glocken, die sein Lager umgeben, mit Baumwolle, hierauf nimm ganz sacht das Schwert herab und versetze damit dem Ungeheuer rasch einen Schlag auf seinen Schweif. Da wird es erwachen und, sobald es dich erblickt, sofort dich angreifen. Du aber hau ihm nun den einen Kopf ab und warte dann, bis der zweite hervorwächst. Dann schlag ihm auch den ab, und so fahre fort, bis du alle sieben Köpfe abgeschlagen.‹ Hierauf gab die Alte dem Königssohne ihren Segen. Der machte sich nun auf den Weg, gelangte in dem Schlosse des Ungeheuers an und war so glücklich es zu erlegen. Als die Thiere des Gartens den Tod ihres Königs erfuhren, da eilten sie alle nach dem Schlosse, aber der Jüngling sass schon längst wieder auf seinem Pferd und war bereits weit von ihrem Reiche entfernt. Sie verfolgten ihn zwar hitzig, konnten ihn aber nicht mehr einholen. Er gelangte glücklich heim, und so hatte er sein Land von grosser Gefahr befreit.

Fußnoten

1 Τὸ φίδι τὸ ᾽φτακέφαλο.



2 S. Nr. 9, S. 84, Anm. 1.



3 ἀπὸ τὸ μοναcτήρι Γνώθη. Das Märchen selbst leitet weiter unten diesen Namen von γνέθω, spinnen, her. S. die Anmerkungen dazu hinter den Texten.


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