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Gedicht - Karl Lappe


Die Tochter von Hiddensee

(Nach Baagesens Ballade.
Agnete fra Holmegaad. Mit Veränderungen.)

Wie einsam blüht` Agnete
Auf öder Hiddensee!
Du Bräutchen in der Wüste,
Wer nimmt dich hier zur Eh`?
Hier zur Eh`?
Für dich sind keine Freier
Auf armer Hiddensee.

Agnete war die Freude
Der Eltern, das ist wahr.
Doch nicht für diese lockt sich
Ein gelbes Ringelhaar,
          Ringelhaar.
Was sich Agnete wünschte,
Das war ihr selbst nicht klar.

Agnete ging wie träumend,
War nie von Herzen froh.
»Was fehlt dir, liebe Tochter?
Du warst ja sonst nicht so,
Sonst nicht so.- —
»Ach, schilt nicht, süße Mutter!
Man sinnt doch so und so.«

Agnete schaut von Zinken
Des Hochlands ab ins Meer.
Was meint die stille Thräne,
Der Seufzer tief und schwer,
Tief und schwer?
Viel unerkanntes Sehnen
Weht zauberhaft vom Meer.

Sie stieg den Pfad der Liethe
Hinnieder an den Strand,
Schaut in die Flimmerwelle,
Schaut auf den Glimmersand,
              Glimmersand.
Sie wußte nicht, wie nahe
Die Schicksalsstunde stand.

Horch auf! Ein süßes Singen
Umsäuselt sanft ihr Ohr.
Zu ihren Füßen kreiselt
Die Welle hoch empor,
              Hoch empor.
Aus Schaum und Silber hebt sich
Der Meermann hell hervor.

Sein Haupthaar schien gesponnen
Aus goldner Fäden Glanz.
Er trug um Stirn und Schulter
Den reichsten Perlenkranz,
            Perlenkranz.
Vom Haupte bis zur Ferse
Umhüllt ihn Schimmer ganz.

»Wie schön bist du, Agnete!
Du strahlst wie eine Braut.
Nie hab` ich, weil ich lebe,
So hohen Reiz erschaut,
            Reiz erschaut.
O Königin der Liebe,
Wo steht dein Thron erbaut?

Agnete, laß dir sagen,
Du hast mein Herz entwandt.
Ich sah dich oft verstohlen
Am öden Muschelstrand,
            Hier am Strand.
Dort unten bin ich König,
Dort ist mein Reich und Land.

Schau hin, es wölbt sich unten
Die Wasserwelt, wie klar!
Wirst du im heitern Spiegel
Mein stolzes Schloß gewahr,
            Schloß gewahr?
Wie lebt man dort so selig,
Der Erdensorge bar!

Agnete, kannst du lieben
Den Meermann ewig jung?
Komm, theile meine Krone,
Des Meerreichs Huldigung,
            Huldigung!
In deinen holden Armen
Gieb mir Vergötterung. —

Agnete stand und blickte,
Gefangen war ihr Herz.
Es schmolz in sanftes Lächeln
Jedweder alte Schmerz,
            Jeder Schmerz.
Sie sah nicht mehr die Berge,
Es zog sie wellenwärts.

Er schob zwei Bernsteinschuhe
Zu ihren Füßen hin.
Es trug so nett und glänzend
Sie keine Königin.
            »Nimm sie hin!
Gar köstlich sind die Schuhe.
Man geht gesund darin.«

Er reicht ihr von Brillanten
Ein breites Flammenband.
Solch Armband hat getragen
Noch keiner Fürstin Hand.
            »Nimm das Band!
Geliebte, nimm und trag` es
An deiner schönen Hand.«

Er schob ihr an den Finger
Des Goldreifs treuen Schein.
»Sieh da! wir sind vermählet.
Bist du auch fröhlich mein,
            Fröhlich mein?« —
«Ja Meermann, schöner Meermann,
Ich will dein eigen sein.

Ich will mit dir hinunter
Ins Reich der Wellen gehn.
Ich will nicht mehr am Strande
Hier einsam traurig stehn,
            Traurig stehn.
Ist doch vor Gottes Himmel
Die Trauung hier geschehn!«

Er schloß ihr zu die Ohren,
Das Auge und den Mund.
Er fuhr mit ihr hinunter
Tief in des Meeres Schlund,
            Mund an Mund.
So trug er sie hinunter
Auf den lasurnen Grund.

Sie lebten nun und liebten,
Entrückt aus Müh` und Leid.
Sie schlürften vollen Zuges
Der Liebe Seligkeit,
            Seligkeit.
Und oben rollten Monde,
Doch unten stand die Zeit.

Agnete saß im Schlosse
Des Meermanns froh, und sang.
Da, horch! was klingt von oben?
War das nicht Glockenklang:
            Ding, ding, dang?
Das war die Kirchenglocke
Zu Kloster, die da klang.

Agnete sprang vom Sessel,
Ihr wuchs das Herz so voll.
»Ach Meermann, schöner Meermann,
Geliebter, hörst du wohl?
            Hörst du wohl?
War das nicht Glockenläuten,
Was her vom Berge scholl

O Meermann, süßer Meermann,
Wie bald ist es geschehn!
Laß mich ein kurzes Weilchen
Nach Kloster beten gehn,
            Beten gehn.
Wie lange hab` ich Arme
Kein Gotteshaus gesehn!« —

»Agnete,« sprach der Meermann,
»Ungern entlass` ich dich.
Doch willst du gehn und beten
So bete mit für mich,
            Mit für mich!
Wir haben Einen Vater,
Agnete, du und ich.« —

Er schloß ihr zu die Ohren,
Das Auge und den Mund,
Er fuhr mit ihr zu Tage
Wohl aus der Tiefe Schlund,
            Mund an Mund.
So trug er sie zu Tage,
Bis auf des Eilands Grund.

»So geh denn hin, mein Leben,
Und bete, frommes Kind.
Doch, hast du ausgebetet,
So lehre heim geschwind,
            Heim geschwind!
Verhaßt ist mir die Stunde,
Die ohne dich verrinnt.« —

Agnete flog die Stiegen
Des Kirchenbergs hinan.
Und draußen stand der Küster,
Der ernste, alte Mann,
            Alte Mann,
Sah sich im Abendglänzen
Die frischen Gräber an.

»Agnete,« rief der Alte,
Rieb Augen und Gesicht.
»Bist du`s, die wir vermissen?
Steh still und gieb Bericht,
            Gieb Bericht!
Wo bist du, Kind, gewesen?
Wir sahn dich lange nicht« —

`O laßt mich, daß ich eile!
Es frommt nicht, daß Ihr`s wißt.
Ich will nur gehn und beten
Und habe kurze Frist,
            Kurze Frist.
Sehr lang ist zu erzählen,
Was mir begegnet ist.« —

»Mit nichten!« zürnt der Alte.
«Steh Rede, gieb Bescheid!
Sag` an vor Gottes. Auge,
Wo du gesteckt die Zeit,
            All` die Zeit?
Wo wohnst du jetzt? wie lebst du?
Ich will Aufrichtigkeit.« —

`Ach guter Vater Küster,
Was forscht Ihr so genau?
Ich wohn` im Schloß der Wellen,
Und bin des Meermanns Frau,
            Meermanns Frau.
Ich lebe froh und glücklich.
Nun wißt Ihr es genau.« —

»Agnete!« schalt der Küster,
«Wie hör` ich das von dir?
Du hast den Herrn verleugnet,
Des ew`gen Heils Panier,
            Heils Panier.
Du willst zur Hölle fahren,
In sündiger Begier.«

»Ach nein! von meinem Herzen
Ist solch ein Frevel fern.
Auch in dem Schooß der Fluthen
Erkennt man Gott den Herrn,
            Gott den Herrn.
Da lebt man wie die Engel,
Und singt und betet gern.

Was hab` ich denn begangen?
Ist`s Sünde, daß man liebt?
Daß man dem treusten Manne
Ein Herz voll Treue giebt,
            Treue giebt?
Ich habe nichts gesündigt,
Ich habe bloß geliebt.« —

Der Alte zog die Brauen.
Die Dirne macht` es kraus.
Ihm ging bei der Verstockten
Geduld und Athem aus,
            Athem aus.
Er hob den Warnefinger,
Und fuhr im Zorn heraus:

Hab` ich dich nicht verhöret
Die heil`gen zehn Gebot`?
Wie lautet denn das vierte?
Was spricht der starke Gott,
            Starke Gott?
Heißt das die Eltern ehren?
Du treibst mir argen Spott.

Wie stimmt der Alten Jammer
Zu deinen Wangen roth?
Herzmutter liegt zu sterben,
Ihr Herz bricht in der Noth,
            Bricht in Noth.
Vor wenig Tagen härmte
Dein Vater sich zu Tod`.

Heut trugen wir die Leiche
Den Kirchensteig entlang.
Hast du denn nicht vernommen
Der Glocken ernsten Klang:
            Ding, ding, dang?
Ich schwür`s, daß nie so schaurig
Die Todtenglocke klang.« —

Agnete stand versteinert,
Ihr kroch das gelbe Haar.
«Barmherz`ger Gott im Himmel,
Ist all der Schrecken wahr?
            Alles wahr?
Und bin ich denn der Hölle
Verfallen ganz und gar?

Was hab` ich`s mit der Erde,
Die hart ist, schwer verschont?
Nur Ein Gebet im Tempel,
Wo Gottes Milde wohnt.
            Milde wohnt!
Dann eil` ich heim zur Welle,
Wo der Geliebte thront.« —

Sie schwankte durch die Thüre,
Sie blickte zweifelnd um.
Da drehten alle Bilder
Sich an den Wänden um,
            Rund herum.
Die Bänder und die Kronen,
Die drehten all` sich um.

Sie bebte zum Altare,
Vor Schrecken bleich und stumm.
Da drehte sich das Altarblatt
Vor ihrem Anblick um,
            Rund herum.
Die Schiffe, die da hingen,
Die drehten all` sich um.

Agnete riß vom Finger
Den Zauberring herab,
Stürzt` auf den Kirchhof, suchte
Das neuste frische Grab,
            Vaters Grab.
Da stieß ein scharfer Stachel,
Das müde Herz ihr ab.

Nun ruht sie, wo in Kämpfen
Die Staubbrust nimmer stöhnt,
Wo die verirrte Liebe
Kein heil`ger Irrthum höhnt,
            Kalt verhöhnt.
Da rastet nun Agnete,
Entsündigt und versöhnt.

Der Meermann? wirst du fragen.
Als sie zurück nicht kam,
Als bald die Glocken klangen,
Ergriff ihn Weh und Gram,
            Langer Gram.
Er trau`rt noch diese Stunde,
Daß sie nicht wieder kam.

Und wenn auf Klosters Berge
Ertönt der Leichensang,
Und wenn die Glocken weinen
Den herben Todesklang:
            Ding, ding, dang:
Dann weint es aus der Tiefe:
Agnete, ding, ding, dang!


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