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Gedicht - Ferdinand Raimund


An Gutenstein (1)

Darf ich den Blicken traun? Unmöglich! Nein!
Ist dies das holde Tal von Gutenstein,
Das die Natur zum Landschaftssaal erwählte;
Wo sie die wilderhabensten Gemälde,
Die marmorfest in Felsenrahmen prangen,
An saphirblauen Wänden aufgehangen?
Wo sind die Bilder, die so rein beglücken?
Auf altem Punkt doch immer neu entzücken?
Die grüne Wiese, rund vom Wald begrenzt,
Die wie Smaragd auf schwarzem Grund erglänzt?
Die Felsen, deren Haupt geweiht den Sternen,
Und Aussicht bieten in die weitsten Fernen,
Wo Täler, um Bewundrung zu erringen,
In reizender Verwirrung sich verschlingen,
Wo bist du, Wallfahrtsort der müden Dulder,
Du Berg, der sanft auf moosbedeckter Schulter
In Demut trägt die stillen Klosterhallen,
Aus denen frommer Mönche Lieder schallen?
Wo seid ihr, Wälder, die als dunkle Brücken
Der Blick beschreitet, nach des Schneebergs Rücken?
Wo bist du selber, Riese kühner Art,
Mit weißem Haupt und eisbehangnem Bart?
Umsonst! Dies alles ist dem Aug` entzogen,
Es blickt durch Nacht auf wilde Wasserwogen!
Die Flut, die schonungslos der Wolk` entquillt,
Hat Berg und Tal mit Nebel dicht umhüllt,
Und was der Mensch sich mühevoll geschaffen,
Verheert Natur mit fürchterlichen Waffen.
Drei Bäche, klar, bis auf den Grund zu schauen,
(Den Herzen gleich, auf deren Treu zu bauen)
Die aus entfernten Bergen hier erscheinen,
Um sich im Tale brüderlich zu einen –
Sie sind empört! der unheilvolle Regen
Mußt` endlich zur Verzweiflung sie bewegen;
Und wie der Mensch, den die Vernunft verlassen,
Sich nimmer weiß in toller Wut zu fassen,
So bäumen sich die aufgereizten Wellen,
Bis sie zum furchtbar wilden Strom erschwellen.
Es trieft der Berg, und seine Wasser rauschen,
Die bange Höh` mit Talesschlucht zu tauschen.
Dies mehrt die Flut. Der Elemente Bund
Wird auch im finstern Schoß der Erde kund,
Es dringen Quellen, die bis jetzt noch schliefen,
Mit wilder Neugier aus des Tales Tiefen.
Nun drängt der Schwall sich frech in die Gemächer,
Es flüchten Arme sich auf morsche Dächer;
Vom hohen Kirchturm tönt ein schaurig Läuten
Und mehrt der Szene furchtbares Bedeuten.
Bald wird der Strom die höchste Wut erreichen,
Schon bringt er losgerißner Bäume Leichen.
Die Hütte wankt – sie stürzt; die Brücke kracht!
Ein Angstgeschrei dringt an das Ohr der Nacht,
Die, aufgeschreckt durch solchen Jammerton,
Selbst machtlos bebt auf ihrem schwarzen Thron,
Und nicht vermag, die Urkraft zu verletzen,
Die nur zerstört nach ewigen Gesetzen.
Der Tag bricht an, der Regen hat geendet,
Und ihre ersten goldnen Strahlen sendet
Nach langer Zeit die Sonne auf ein Bild –
Das sie bewegt, daß sie sich neu verhüllt.
Ein breiter See ist nur die weite Flur,
Und tief beschämt erblickt sich die Natur.
Noch lagern Wolken auf des Schneebergs Haupt,
Das Land betrachtend, das sie so beraubt.
Der Landmann schaut aus seines Daches Kammer
Mit tiefem Leid auf allgemeinen Jammer.
Die Hütte, die er erst gestützt, ist hin,
Das Feld zerstört, und Not ist sein Gewinn;
Sieht man des rauhen Köhlers Tränen fließen,
Kann man sein Herz dem Mitleid nicht verschließen.
Schon zweimal hat dies Unglück ihn besucht,
Doch er hat, gottesfürchtig, nicht verflucht
Der Elemente bösgesinntes Toben,
Und sendet gläubig seinen Blick nach oben.
So find` ich dich nach lieblich heitern Stunden,
Mein Gutenstein, von trübem Leid umwunden,
Und alle, die sich zu ergötzen kamen,
Und sahn dein Glück vor ihrem Aug` erlahmen:
Verließen dich mit nichtigem Bedauern,
Heimkehrend nach der Städte stolzen Mauern;
Doch ich bin dir kein eigennütz`ger Freund,
Der dich nur sucht, wenn deine Sonne scheint,
Der mit dir jauchzt, wenn deine Tafel voll,
Und deinem Kummer sagt ein Lebewohl.
Ich weile noch, wenn frohe Gäste fliehn,
Weil um die Berge düstre Nebel ziehn.
Mag man mich immer einen Träumer nennen,
O dürft` ich nie von meinem Traum mich trennen.
Wohl dem, der seine Träume lange liebt!
Traum schenkt noch Glück, wenn Wirklichkeit zerstiebt.
Was du mir bist, bist du nicht jedem wohl:
Des tiefen menschlichen Gemüts Symbol,
Denn alles, was wir Schönes in uns preisen,
Hat die Natur im großen aufzuweisen.
Dies ist`s, was unwillkürlich meinen Schritt
Magnetisch stets nach deinen Bergen zieht.
Die Welt hat viele Gegenden auf Erden,
Die sich gewiß noch reizender gebärden;
Doch jeder liebt das Land, das ihn geboren,
Und einen Punkt – den er sich auserkoren.
Ich habe dich gewählt, wildschönes Tal,
Und tausend Klügre teilen meine Wahl.
Doch wie sich wahre Lieb` dadurch bewährt,
Daß sie den Gegenstand auch reizlos ehrt,
So würde ich dich dennoch lieb behalten,
Wollt` sich dein Leib auf ewig mißgestalten.
Doch deinen Reizen droht noch keine Nacht,
Der Mensch ist es, den Alter elend macht.
Du schlummerst bloß, dein Winter ist nur Schein;
Ein süßer Schlaf, um doppelt jung zu sein.
Von dir sind ferne noch des Todes Pforten;
Dir ist kein schnell vergänglich` Los geworden,
Daß, einmal welk, du nimmer kannst erblühn.
Auf deine Fluren wird der Frühling ziehn;
Mit Stolz wird sich dein grünes Haupt erheben,
Durch deine Adern strömet neues Leben.
Und wenn dich wieder grüßt mein heiß` Verlangen,
Wirst du mit süßem Lächeln mich empfangen;
Wie einen teuern, lang ersehnten Freund,
Der`s treu und redlich in der Not gemeint.


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