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Gedicht - Hans Christian Andersen


Seejungfräulein

(in tiefem, stillverhaltenem Schmerze)

Sterben zu müssen...
Zu Schaum auf den Wogen zergehn!
Ach! Schon bleichen die Sterne...
Wenn der Sonne erster
Roter Strahl
Fällt auf das gleitende Schiff,
Sink` ich hinab! Und nimmer
Schaue Ihn ich wieder, um den
Vor stummen Sehnen mein Herz vergeht,
- Der friedlich lächelnd
Schlafend ruht.
An der Seite - die Königsbraut...
Sterben zu müssen! -
Wenn Menschen sterben,
Fliegt ihre Seele
In ferne himmlische Lande, -
In`s schimmernde Paradies!
Doch ich -
Arme, kleine
Seejungfrau -
Kann nimmer dahin! Auf den Wogen
Muß treiben als toter Schaum!
Nun schweben schon
In klarer Höh`
Rosige Morgenwölkchen,
Klagende Stimmen
Säuseln und weh`n,
Wehen über das Meer! -
Wie lange hört` ich sie nicht? -
Ist`s der Geschwister
Schwimmende Schaar?
So traurig klingt ihre Klage! -
So sangen sie mir
Vor alter Zeit:
Meiden sollt` ich die Menschen!
Sangen mir Weisen
Seltsam und süß,
Von Menschen-Glück
Und von Menschen-Weh,
Von fernen Wundern
Im Paradies!
Und wie wir - nimmer sie schauten!
... Nur wenn ein Mensch vor Lieb` und Lust
Zöge bebend mich an die Brust,
Und seine Seele in mich flösse,
Die ew`ge Lieb` in mich ergösse,
Daß jäh, wie Schwertes scharfe Schneid`,
Durchzuckt mich Menschen-Lust und -Leid, -
Nur dann, - nur dann -
Gewänn` ich das Paradies!
Nur wenn ein Mensch mich liebt`
- und nie verließ...


(mit leidenschaftlichem Entschluß)

Einmal noch - muß ich ihn sehn!
Einmal nur - und dann vergehn!
Will zurück den Vorhang schlagen,
Wo des Zeltes Pforten ragen!
Ach! - Wie bist du wunderschön!
Du, den ich voll Lieb` und Schmerzen
Stumm getragen tief im Herzen!
Still, o Herz! Was pochst du so?
Lächelt er im Traum nicht froh?
An der Seite, süß und traut,
Ruht ihm nicht die Königsbraut?
Still, o Herz! Nicht poche so!
Auch an meiner warmen Brust
Hat geruht er, unbewußt,
Da aus Sturmes-Wut und -Wogen
Erdwärts ich ihn einst gezogen!
Lebe wohl nun, Menschensohn!
Flammend glüht`s am Himmel schon!
Deines Hochzeitmorgens Licht
Leib und Herz mir jäh zerbricht!
Bin geworden heimatlos
In des Meeres tiefem Schoß!
Heimatlos im Menschenland,
Da der Braut Du zugewandt!
Ach! Vor Lieb` und Liebeslust
Zogst mich nimmer an die Brust!
- Daß Deine Seele in mich flösse,
Die ew`ge Lieb` in mich ergösse!
Doch fühl` ich - jäh - wie Schwertes Schneid`,
In mir nun Menschen-Qual und -Leid!
Die Sonne kommt! - Dir - geb` sie Glück!
Mich faßt - der Tod! - In`s Meer
Stürz` ich zurück! - O Tod!! -


(sehr leise, staunend)

Ist dies - der Tod?
- Ich fühl` es - Leben?
Licht und frei
Im Glanz zu schweben!?
Aufwärts
Selig sich erheben!?


(allmählich bewegter)

Goldne Strahlen
Allerorten
Aus den weiten
Himmelspforten!
Frieden in der Morgenhöhe!
Nirgends Dunkel, nirgends Wehe!
Friedensfeier
Auf dem Meere!
In den Lüften
Sel`ge Chöre!
Tausend leuchtende Gestalten!
Tausend himmlische Gewalten!
Überall nur Wunderklänge!
Rauschend liebliche Gesänge!
Immer höher Glanz und Wonne!
Immer leuchtender die Sonne!
Immer tiefer Weh und Welten!
Näher stets den Himmelszelten!
Alleluja aus der Ferne!
Neue glüh`nde Sonnensterne!
Paradieses
Heil`ge Schwelle!
Ewig klaren Lichtes Quelle!
Jauchzend wogt es:
Alleluja!
Alleluja! Hell und heller!
Alleluja aus der Ferne
Neuer glüh`nde Sonnenterne!
Alleluja! Alleluja!
In Ewigkeit! - Alleluja!


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