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Gedicht - Ferdinand Raimund


An das Fremdenbuch des Thalhofes zu Reichenau

Verführerisches Tal von Reichenau!
Großart`ge Phryne! riesig schön und auch
Vielleicht darum so häßlich ungetreu,
Daß du den holden Leib, vom Mai geschwängert,
Des zarten Frühlings ehlich` Eigentum,
Dem ernsten Wandrer zum Genusse bietest
Und auch nach mir wollüst`ge Blicke sendest,
Für immer mich an deinen Reiz zu fesseln;
Leicht könnt` es dir gelingen, käm` ich nicht
Erst aus den Armen meines süßen Lieb
(Dem still bescheidnen, frommen Gutenstein,)
Noch in Erinnrung schwelgend zu dir her,
Zwar kann ich dir Bewundrung nicht versagen,
Du forderst sie mit stolzem Ungestüm.
Nicht ohne Recht. Wer wollte sich erkühnen,
Verachtungsvoll den Blick von dir zu wenden,
Belauscht er unverschleiert deinen Reiz,
Und sieht, wie selbst mit gierigem Verlangen,
Gleich Greisen, die durch Jugendreiz entflammt,
Des Schneebergs und des Scheibwalds Blicke auf
Dich niederstieren? Nein! Verehrung zoll`
Ich dir, du üpp`ge, anmutsreiche Schöne!
Doch eben, weil dein Stolz mir Lieb` gebietet,
Jauchzt mein Verstand, mein Herz zieht kalt von dir;
Nie läßt sich wahre Lieb` gebieterisch erringen,
Bescheidenheit allein kann uns zur Liebe zwingen. 

Thalhof, am 14. Mai 1834.


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