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Gedicht - Ignaz Franz Castelli


Jeremiade eines Virtuosen

als er von einer Kunstreise in seine Vaterstadt zurückgekommen war.


`Mußt auch einmal einen Ausflug wagen,
In seinem Vaterland gilt kein Prophet;
Mußt deine Kunst in die Länder tragen,
Und sehen, wie`s über den Bergen steht!`
So dacht` ich, packte in meinen Tornister
Meine Geige und einen schwarzen Rock,
Nahm die Pfeif in`s Maul und ging wie ein Philister
Zum Thore hinaus mit dem Wanderstock.

Ich zog dann herum im Süden und Norden,
In Wald und Feld, in Städtchen und Stadt;
Ist manches Mal mir recht sauer geworden,
Weil das Geh`n seine Unbequemlichkeit hat;
Hab` dennoch mit manchem Unthier gerungen,
Das die Zahne blockt auf der Ehre Feld,
Hab` — es freut mich recht sehr — viel Beifall errungen,
Doch — es freut mich gar nicht, — sehr wenig Geld.

In einem Städtlein wollt` ich mich zeigen,
Ging zum Bürgermeister um Permission,
Der sprach: `Ich höre, du willst uns was geigen?
Mach` nur recht viel Faxen mein lieber Sohn!
Kannst spielen unter dem Arm, auf dem Rücken,
Und die Leier nachahmen, so hast du mein Wort;
Die Unternehmung wird trefflich dir glücken!
Ich dankte und zog auf der Stelle fort.

Drauf bin ich in ein Schloß dann gekommen,
Wo ein sogenannter Macenas wohnt,
Dort ward ich recht freundlich zwar aufgenommen,
Hatte viel doch zu thun, und ward kärglich belohnt,
All` seine Geigen bezog ich mit Saiten,
Am ersten Tag, fünfzig wohl an der Zahl,
Am zweiten spielt` ich vor allen Leuten
Der Nachbarschaft volle sechs Stunden im Saal.

Am dritten, — Gottlob einem trüben Tage.` —
Kam der Graf mit Wuthy`s Duetten hervor,
Durchspielen mußt` ich mit ihm sie, — o Plage!
Am vierten spielt` ich beim Amt auf dem Chor,
Am fünften ging ich. — Als Abschied wir nahmen,
Dankt sehr mir der Graf, und -- o Freigebigkeit!
Verehrt mir sein Bild im vergoldeten Rahmen,
Sechs Ellen hoch und vier Ellen breit.

Weg warf ich meinen gepinselten Riesen,
Und schleppte mich fort in die nächste Stadt;
Da wurd` ich zu einem Manne gewiesen,
Der den Saal zur Musik zu vergeben hat;
Ich fragte ihn, wann er gestatten mir wolle
Zu zeigen meine Kunstfertigkeit?
Er forderte, daß ich bestimmen solle,
Der Saal steh` in jeglicher Stunde bereit.

Ich wählte den Montag. — `Sie müssen vergeben,—
Sprach er — den besitzet schon lang ein Franzos.
Nun also den Dinstag! — `Au dem Tag geht eben
`Die Akademie des Kapellmeisters los;` —
Den Mittwoch! — `Den haben die Musikschüler.`
Den Donnerstag.` — `räumt` ich den Jodlern ein.`
Den Freitag! —`Den hat schon ein Flötenspieler,`
Den Samstag!—`Bestimmt` ich dem Armen-Verein.`

Nachdem ich benannt noch siebenzehn Tage,
Da fanden wir endlich doch einen noch leer,
Nun aber begann erst die ärgste Plage;
Denn Jemand finden, der hilft — das ist schwer.
Doch endlich fand ich zwei gute Seelen,
Die sagten zu deklamiren mir zu,
Doch bis ich erfuhr, welch` Gedicht sie erwählen,
Da hatt` ich wohl vierzehn Tage nicht Ruh.

Und nun bis man alle die Großen ladet,
Das ganze Orchester zusammenbringt,
Da wird man wohl eher im Schweiße gebadet,
Bis solch ein entsetzliches Werk uns gelingt.
Und Freibillette muß man verschenken,
Da ist wohl kaum ein Ende zu seh`n,
Im Saale waren, — wer sollte das denken,
Drei hundert, — davon zahlten hundert und zehn.

Nach jeder Passag` erscholl Beifall im Saale,
Ich wurde, als bräche das Haus, applaudirt,
Drei Tage darauf sagten alle Journale,
Es hätte sich gar keine Hand gerührt;
Jetzt frag` ich doch jegliche Christenseele:
Ist das wohl für solche Mühe ein Lohn?
Nein, nein, für solchen Gewinnst da quäle
Ich mich und die Geige um keinen Ton.
Ich reiste noch weiter, und dieser und Jener
Warf manchen Prügel mir unter die Füß`:
Ich spielte von Spohr was, ein Italiener
Vermeinte, das sei gar zu wenig süß,
Ein Engländer wollte: God save the King haben,
Ein Spanier wünschte nen Volleres,
Ein Ungarlein sollt` ich im Minorton laben,
Und: Vivo Henri quatre! verlangt` ein Franzos.
Da bin ich dann wieder nach Hause gegangen,
Versteht sich zu Fuß, wie die Reis` ich begann,
Es soll mich nicht mehr nach der Fremde verlangen,
So lang` ich im Vaterland essen noch kann.
Jetzt lernt` ich den Sinn des Spruchs erst beweisen:
Der Künste Vaterland sei die Welt!
Das heißt die Künste — nun die mögen reisen,
Doch nicht der Künstler, der braucht dazu Geld.


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