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Gedicht - Ferdinand Raimund


An die Dunkelheit

Mich drängt`s mit Macht, die Leier zu erfassen,
Dich zu beweinen, arme Dunkelheit;
Es will mein Geist dein trübes Reich umfliegen,
Und aus der Seele schwebt der Führer auf.
Mein düstrer Sinn ist`s, der mit dir verwandt,
Sich selbst in deine Zauberkreise bannt.
So sing` ich dich denn, melanchol`sche Tochter
Des Lichtes und der alten Finsternis,
Die du den Anblick deiner Eltern fliehest,
Dich scheu verbirgst in Grotten und in Hainen,
Wenn Freude rauscht im leicht bekränzten Saal,
In düstrer Kammer weilst mit herber Qual.

Wohin der Vater oft dir tröstend folgt,
Mit sanftem Strahlenblick bedauernd dich
Belauscht und liebreich deine Spur erhellt.
Nur sie, die Finsternis, das stolze Weib,
Die oft das Schönste, was der Tag uns gab,
Gefühllos tauchte in ihr schwarzes Grab;

Die, von der Ewigkeit gezeugt, die Welt
Gebären sah und sie verschlingen wird,
Nur sie verfolgt dich, arme Dunkelheit.
Von ihr vertrieben mit dem Speer der Nacht,
Wirst du zum Spiel der heimatlosen Zeit,
Die, treulos stets, Verändrung uns nur beut;

Die ewig altert und doch ewig blüht;
Auch als Erinnrung noch wie Hoffnung grünt,
Und doch sich haßt, verdränget und verjagt,
Bis sie verrinnt in der Äonen Strom.
Doch eben weil des Schicksals Grausamkeit
So schuldlos dich zur Unglückspriestrin weiht,

Liebst du das Heer armsel`ger Brüderschaft,
Die durch des Glückes Fluch verwandt, nimmst sie
In deine stillen Hallen auf, die oft
Das Elend sucht und vor dem Aug` der Welt
Verbirgst du mitleidsvoll das wehmutsreiche Los
Des heißbetränten Blicks in deinem dunklen Schoß.

So such` auch ich dich, freudenarmes Kind
Des Strahlengottes, der die Welt entzückt,
Wenn unter dichtbelaubten Bäumen du
Dein sinnend Haupt lehnst an des Waldes Grün;
Und fällt auf mich dein heil`ger Schattenblick
Im frommen Traum, umschwebt mich Friedensglück.

Wohl denen, die in deinem stillen Tempel
Des goldnen Friedens sanfter Hauch umweht.
Nur Reinheit darf sich hoffnungsvoll dir nahn,
Doch den Verbrecher schreckst du, Dunkelheit,
Und scheuchst ihn fort aus deinem Heiligtum,
Wo still nur thront verkannter Tugend Ruhm.

In Schleiern tief verhüllt, den starren Blick
Dem Traumgott zugewandt, beglückst du doch
So mild die Welt, entnervst der Ahndung Kraft,
Wenn ihr prophet`scher Geist die Parze schaut,
Und hältst mit weiser Hand den Nebelschild
Unwissenheit vor grauser Zukunft Bild.

So auch das Glück, wenn es von fern sich naht
Und leis` ertönen läßt sein klingend` Spiel,
Um nach und nach als Sieger uns zu grüßen,
Umschlingst du es mit dichtgewebtem Flor
Und plötzlich steht`s vor dem erstaunten Blick
Und glänzet doppelt schön, das schnellgeborne Glück.

Und edel fliehst du, holde Träumerin!
Damit man dein vergißt im wilden Rausch;
Du weißt es schon, der Mensch in seinem Wahn
Ist stets des Undanks übermütiger Sohn,
Der selbst den Wert des höchsten Glücks nicht ehrt,
Bis ihn die Qual erst des Verlusts belehrt.

Es ist sein alter Brauch im irren Hoffnungswahn,
Daß durch Begierd` entflammt, er stets die Gunst
Des Glücks nur sieht und undankbar auf den
Vergißt, der sie ihm liebend hat gesandt;
Drum eilst zurück du in die Einsamkeit,
Die dem Bedauern dieser Welt geweiht.

Und so fließt still dein krankes Leben hin,
Und dein Geliebter ist der sanfte Abend,
Der, wenn der Tag die Blicke abwärts senkt,
Mit leisem Tritt sucht der Geliebten Spur;
Und weinend dann auf Fluren stiller Au`,
Ans Herz dich drückt – daher der Abendtau.


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