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Gedicht - Carl Immermann


Das Land der Weiber

Immer noch schlief Tulifäntchen,
Als schon auf den Feuerrädern
Helios` goldner Wagen rollte,
Wach schon lang war Zuckladoro.
Schimmel, nach dem Schläfer horchend,
Sprach bei sich: «Hier gilt nicht zaudern;
Rasch von dannen, in die Weite!
Schlummernd soll mein Herre vorwärts
Gleich so manchem Tatentäter.»
Sprach`s und hob sich auf die Füße,
Rannte durch die Welt im schrägen
Windelweichen Schaukelpaßgang.
Tulifäntchen träumt` indessen
Von den Drachen, Riesen, Ogern,
Hieb auf gift`ge Ungeheuer,
Fing den Phönix ein, den Vogel,
Wohnt` in Bergkristallengrotten,
Liebend mit der Nixe kost` er.
Doch ein lärmend Rufen kreischte
Jetzt ins Ohr des Schimmels, weckend
Drang es in des Helden Öhrchen.
Rings um ihn erscholl es: «Haltet,
Haltet auf das Pferd, das ledge,
Auf den Schimmel, den verloffnen!»
Aus dem Ohre höchst gereizet
Sprang der Held, Don Tulifäntchen,
Glitt von Haar zu Haar hinunter,
Feu`r vom Wirbel bis zur Zehe,
Trotzig rief er: «Wer da waget
Zu behaupten, daß ein ledger
Schimmel sei an diesem Platze,
Der verfechte die Behauptung!
Ich beweis` auf Tod und Leben,
Daß ein Schimmel mit dem Reiter
Ist zur Stelle. Hier der Reiter!»
Aber als er um sich blickte,
Sah er nichts als Weiber; Schürzen
Sah sein Aug`, so weit es reichte.
Und er stand vor einer großen
Stadt und vor dem großen Stadttor.
Überm Tore prangt` ein mächt`ges
Wappen, und im Wappen stolzte
Eine Kunkel als das Hauptschild.
Frug der Held, Don Tulifäntchen:
«Wo bin ich, und wes das Land hier?»
Und die Nächste, zu ihm tretend,
Eine kräftige Brünette,
Sprach: «Du bist im Land der Weiber,
Vor der Stadt der Weiber stehst du.»
Sinnend fragte Tulifäntchen:
«Leben hier denn keine Männer,
Wie gebräuchlich allerorten?»
Sprach die kräftige Brünette:
«Keine Männer sind geduldet,
Oder nur im Sklavenkittel,
Unterm Schatten jener Kunkel.
Groß ist unser Reich; die Grenzen
Schlossen sich noch nicht des Landes.
Täglich mehren die Provinzen
Sich durch wachsende Erobrung.
Frauen führen die Geschäfte
Hier des Orts. In Ehr` und Staatsamt
Siehst du Frauen nur; die Kön`gin
Grandiose herrscht ob allen.»
Frug der Held, Don Tulifäntchen:
«Doch wie kam es, daß das Mannsvolk
Euch gewichen ist? Das sag mir!»
Sprach die kräftige Brünette:
«Unsre Männer hießen girrend
Uns der Schöpfung Meisterstücke,
Engel, irdsche, ohne Flügel,
Lagen stets Zu unsern Füßen,
Nannten sich der Schönheit Knechte.
Dies geschah so lang, bis daß wir
Einstens sprachen: Nun, so wollen,
a wir Engel sind, wir künftig
Wohnen in der Herrschaft Himmel,
Und der Schöpfung Meisterstücke
Solln nicht ferner euch, den niedern
Rohen Dutzendfabrikaten
Kochen Supp` und Fleisch, Gemüse.
Griffen drauf zu unsern Waffen,
Zu den Spindeln, zu den Nadeln,
Schlugen unsre Männer - schwächlich
Waren sie vom Knien geworden -,
Trieben sie nach fernen Zonen,
Und so haben wir die Herrschaft.
Doch nicht länger frag, o Fremdling!
Führen muß ich zum Palast dich,
Da du gleichfalls bist ein Mannsbild.»
«Nur noch eines fragen laß mich»,
Sprach Don Tulifäntchen; «sag mir,
Wie erhält wohl euer Staat sich
Ohne Männer für die Folge?»
Sprach die kräftige Brünette:
«Dafür auch ist schon gesorget.
Denn Provinzen, neu erobert,
Grenzen an des Paradieses
Lang verschollnen grünen Garten.
Dort wächst eine Art von Bäumen,
So die teuren Schwestern alle
Ohne jenen Spruch des Fluches
Hätt` der Mühe überhoben,
Die seitdem herkömmlich worden.
Denn es reifen an den Ästen
Dicht und voll die schönsten Kinder.
Dieser Baumfleck ist Regale.
Welche nun der Weiber wünschet
Mutterfreuden zu genießen,
Diese löset von der Herrschrin
Aufgestempeltem Papiere
Einen Kinderschein und darf dann
So viel Früchtchen, als sie liebet,
Dort sich von den Zweigen schütteln.
Siehe, Jüngling, so erneut sich
Ohne Männer, ohne Kindsnot
Unser Staat allein durch Baumobst.
Aber jetzt frag mich nicht weiter,
Folge mir zur Kön`gin spornstracks.»
Tulifäntchen blickte glühend
Um sich, rief: «Bin ich denn wehrlos?»
Dann, die Hand zur Stirn geführet,
Faßte sich der Held und sagte:
«Weißen Händen gern ergibt sich
Jeder Paladin von Ehre.»
Sprach`s mit adliger Gebärde,
Neigend zierlich Haupt und Schwertlein.
Und voran schritt die Brünette,
Hinterdrein schritt Tulifäntchen,
Schimmel folgte, jetzo schüttelnd
Voll Bedenklichkeit das Ohr schwer.
Also schritt der Zug palastwärts
Durch die weiberangefüllten
Straßen, durch die Straßen, voll von
Kindern aus dem Pflanzenreiche.


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