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Gedicht - Gustav Pfizer


Morgenland

Abendlich ist es mir jezt zu Muthe,
Da die Sonne im Westen sinkt,
Und ein Kreis von glühendem Blute
Leuchtend das duftige Blau umschlingt;
Ich fühle die Kraft des Lebens beben,
Ich steh` an des Grabes winkendem Rand;
Ich will um das aschenbleiche Leben
Noch schlingen des Morgenroths Purpurband.

Brich, o Erinnerung, die alte Kette!
Der langen Entbehrung schmerzliche Qual!
Durchschweift, Gedanken, in wilder Wette
Den lange verschlossenen Bildersaal!
Mag der gehemmte Strom sich ergiesse!
Eilen, wohin ihn die Sehnsucht lockt!
Und der Springquell der Thränen fliessen,
Ehe der Blutbach des Lebens stockt!

Morgenland! du Land der Gesänge!
Du der Schönheit kindliche Flur!
Heimath seeliger Geisterklänge!
Des Paradieses lezte Spur!
Du hast mich einmal an deinem Herzen
Gehegt mit unendlicher Liebeshuld;
Ungetrübt noch den Geist von Schmerzen,
Rein die kindliche Seele von Schuld!

Meine Lieder hast Du gesungen!
Es ist von deiner Sehnsucht Ton
Mir in der Brust ein Echo erklungen,
Ein ewig dürstender Flammensohn.
Die Sinne, die in der Tiefe ruhten,
Riefet da herauf zum lichten Tag;
Entzündet hast du mit Farbengluten,
Was schattengleich in der Seele lag.

Und d u! hält dich nicht die Grabeshöhle
Dass du noch einmal mir erscheinst?
Dass du, o Liebling meiner Seele!
Sanft mit dem trüben Greise weinst?
Ist dort schöner das Loos der Todten?
Dort gemildert des Grabes Pflicht?
Ist nicht so grausam jener jener Boden?
Und die Todten verwesen nicht?

Ach du Bild! du konntest nicht welken!
In meiner Brust ja trug ich dich;
Darum blühen die Lilien und Nelken
Dir auf den Wangen so jugendlich.
In der Eisgrube meines Herzens,
Konnte der böse Wurm dir nicht nah`n;
In den Katakomben meines Schmerzens
Rührte kein Hauch die Schlummernde an.

Sechzig Jahre wohl sind: vergangen,
Seit Odone mit diesen Locken gespielt;
In mir geweckt das süsse Verlangen,
Und mich mit Rosenbalsam gekühlt;
Aber wie Traum, ist mir noeh immer:
Dass der Tod das blühende Glück geraubt,
Dass in der Jugend goldenem Schimmer
Sterbend das Kind geneigt das Haupt.

Und in die Heimath zog ich wieder,
Die ich verlassen so froh gesinnt!
Auf dem Grabe liess ich die Leyer voll Lieder
Und im Grabe das süsse Kind.
Durft` ich das harte Geschick verklagen?
Arm ja hatt` ich gelandet dort,
Keine Habe mit mir getragen
Und als ein Bettler ging ich fort.

Wie ich angekommen im Norden,
Hab ich auch an den Beruf gedacht;
Bin ein friedlicher Bürger worden,
Früh und spät auf die Pflicht bedacht;
Hab` nicht gehadert mit dem Geschicke,
Hab` nicht geklaget leise noch laut,`
Ganz verloren im Augenblicke,
Vorwärts nicht, noch zurück geschaut.

Aber jezt nahet die Todesstunde,
Und jezt fühl` ich es hell und klar:
Dass auf des Traumes lichtem Grunde
Mein ganzes Leben ein Schatten war.
Sechzig Jahre erstickter Klagen
Sind jezt dahin wie ein kurzer Wahn,
Und der beglückten Kindheit Tagen
Schliesst der erlösende Tod sich an.

Wer fasst den Schmerz, der mich durchwühlte
An Odone`s Leiche, so jugendstark!
Da ich in meinen Gebeinen fühlte
Wohl noch für sechzig Jahre Mark!
Doch in der Zeit verrauschender Fülle
Bildete sich in der Seele Haus,
Wie in der kranken Muschel Hütte,
Glänzend die Perle der Sehnsucht aus.

Das den schwachen Leib zerstöret — das Alter,
Odone! hat über die Seele nicht Maeht!
Sie hat, ein unentweihter Psalter,
Stumm an deinem heiligen Grabe gewacht.
Die Sonne, sich lösend in feurige Flocken,
Verklärt auch die Leiber in goldenem Brand,
Und in verjüngten, braunen Locken
Ziehen wir ein im Morgenland.


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