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Gedicht - Ida


Erzählung einer alten Wanduhr

Ihr fragt mich heut nach dem was ich erfahren,
Seitdem ich treulich hier die Zeit gezeigt,
Ich bin schon hier seit vielen, vielen Jahren,
Und Vieles sieht man, wenn man lauscht und schweigt.
Es zog manch Jahr hier seine tiefe Spur,
Doch unverändert blieb die alte Uhr.

Es hat ja Jeder eine lichte Stelle,
Die liebste ihm in der Vergangenheit;
So übergießt für mich die Rosenhelle
Erinnerung die eine schöne Zeit,
Als hier mein Liebling noch herumgesprungen
Und froh die Puppe in den Schlaf gesungen.

Denn nicht von Festen will ich euch erzählen,
Auch nicht von eurem Ahnherrn, stolz und reich,
Aus dem Erinnerungsschatz will ich heut einzig wählen
Ein Mädchenbild, so hold und anmutreich,
Das heut noch, denkt sie ihrer Augen nur,
In tiefes Sinnen sinkt die alte Uhr!

Wie hat sie hier, als Kind, so froh gespielet,
Es sei ein Festtag jeder Tag, gemeint,
Und auch, die runden Ärmchen aufgestützet,
Beim ersten Strickzeug bitterlich geweint.
Und doch, wie trocknete so schnell die feuchte Spur
Beim nächsten Schlag der alten Uhr.

Wie Abends dann die ros’gen Wangen glühten,
Weil mit den Brüdern Pferdchen sie gespielt,
„Du musst zu Bette nun, mein kleines Mädchen,
Sobald du dich ein Wenig abgekühlt.“
„Ich bin nicht müd, ein Viertelstündchen nurm
Sie eilt ja so, die böse, böse Uhr.“

Am heil’gen Abend, eh der Kerzen Helle
Den Weihnachtsschein trug durch das ganze Haus,
Da streckte sie nach meinem großen Zeiger
Voll Ungeduld den ros’gen Finger aus:
„Es ist so früh noch, geh doch schneller nur,
Eil dich ein Bisschen, liebe alte Uhr.“ –

Sie wuchs heran – ich sah die Knospe dehnen,
Und öffnen sich im hellen Sonnenschein,
Da war kein Seufzen und kein dunkles Sehnen,
Da war wie Maiwind Alles frisch und rein,
Wie unverwischt bei ihr des Himmels Spur,
Da sah ich wohl, die alte treue Uhr!

Und jene Zeit kam, wie sie Jeden findet,
Wo ahnungslos das junge Herze schlägt,
Und eine Welt von Träumen und von Sehnen
Sich tiefverborgen in der Seele regt,
Und wo in Wonne oder Leid und Schmerz
Die Liebe einzieht in das Mädchenherz.

Wenn sie dann unruhvoll ans Fenster eilte,
Ob der Geliebte immer nicht genaht –
„Wo er nur bleibt, wie er so lange weilet,
Kommt er denn nicht den lieben alten Pfad?“
Und ging er dann vorbei, sah wieder nur
Ihr heiß Erröten, eure alte Uhr.

Und als er endlich sie ans Herz genommen,
Und auf zum Himmel flog ihr sel’ger Blick –
Und als er sie sein Eigen dann geheißen,
Ich schlug die Stunde für ihr höchstes Glück!
Sie hatte ja ein treues Herz gefunden,
Das ist die seligste der Erdenstunden!

Und aus der Liebe Arm, aus ros’ger Jugend Prangen,
Eh noch die Myrte ihre Stirn geziert,
Eh noch in Leid und Weh erblichen ihre Wangen,
Hat sie ein Engel von uns fortgeführt.
Es sah der Todeskrankheit leise Spur
Auf ihrer Stirn, allein die alte Uhr!

Sie lag in seinem Arm im letzten Fieber,
Still wie ein Kind so ohne Angst und Pein,
Ein leiser Seufzer, und dann wars vorüber –
Der Todesengel trug sie friedlich heim.
Es hörte seine leisen Schwingen nur,
Mit tiefem Leid die alte treue Uhr!

So ging sie heim aus diesem armen Leben,
Im Unschuldskleide fleckenlos und weiß,
Ein reiner Engel zu des Himmels Schaaren,
Für Gottes Thron ein frisches Lilienreis –
O schweigt, o schweigt, von ihrem Liebling nur
Träumt jetzt den alten Traum die alte Uhr.


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