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Gedicht - Heinrich Lautensack


Die Judentochter (eine Novelle)

Es war eine schöne Jüdin,
ein wunderschönes Weib,
sie hatt ein schöne Tochter,
ihr Haar war schön geflochten,
zum Tanz war sie bereit.

`Ach, liebste, liebste Mutter!
Was tut mir mein Herz so weh
Ach, laßt mich eine Weile
spazieren auf grüner Heide,
bis daß mirs besser wird.`

Die Mutter wandt den Rücken,
die Tochter sprang in die Gaß,
wo alle Schreiber saßen:
`Ach liebster, liebster Schreiber!
Was tut mir mein Herz so weh.`

`Wenn du dich lässest taufen,
Luisa sollst du heißen,
mein Weibchen sollst du sein.`
`Eh ich mich lasse taufen,
lieber will ich mich versaufen,
ins tiefe, tiefe Meer.

Gut Nacht, mein Vater und Mutter,
wie auch mein stolzer Bruder,
ihr seht mich nimmermehr!
Die Sonne ist untergegangen
im tiefen, tiefen Meer.`

Des Knaben Wunderhorn.
Alte deutsche Lieder, gesammelt von
L. Achim von Arnim und Clemens Brentano.

Sei fremder zu mir, fremd. Laß toten Raum
von jetzt sein zwischen meinem Atem und
dem deinen. Denn heut wissen wir ja kaum
die Grenze mehr von deines Busens Rund

zu meinen Augen, deines Schoßes Schaum
zu meinen Lefzen, Lefzen wie ein Hund.
Komm mir mit Lippen, Zähnen, Zung und Gaum
so nicht entgegen mehr! flieh mich, du Schlund!

Drei Tage waren, daß ich dich nicht sah,
seit wir uns kennen. Und in dieser Zeit
grub ich drei Zeichen in die Ewigkeit,

in den drei Tagen, die du mir nicht nah ....
Nun wieder aber stehen dir die Zitzen
geil ab vom Leibe, spitz wie Nadelspitzen!


* * *


Küßt mir den Mund und saugst, ihn küssend: `Nennt
er, den ich küsse, mich denn nie mehr wieder
scherzend wie oft: Mein Altes Testament ...?
Weißt du, das singt, das klingt! Wie Marsch und Lieder

einst an die Mauern Jerichos, so rennt
das wider all mein Blut!... Ja! hier durchs Mieder
bohrt Judenmädchenbusen! ... Ein Percent
vom Juden, Christ, hast auch!` Und ihre Glieder

aufrauschen wie der Wildstrom in dem Walde
in meiner Heimat. Und ihr Haar ist Sausen
in Wipfeln. Ihre Brüste Speere. Grausen

zielt nach mir, und ich bin gehetzt. `Du! Skalde!
Barde! Sing mir des Judenvolkes Schrei,
als ob es Jagd in Odins Wäldern sei!`


* * *

Eß ich den Staub von deinen Füßen: wie
von Wüste Staub, so schmeckt er. Und vermengt
mit Manna mundets. Opferblutbesprengt
auch. Deine Füße, deine Sohlen, sie

haben Vernarbtes, blasse Narben, die
sind, weil der Väter Fuß einst ward versengt,
von gottszornglühenden Splittern ward versengt
aus jenen weggeschmissenen Tafeln. Und nie nie

mehr heilt das vollends .... `Wie? Und euere Füße?
Du, wateten denn euere nicht in Meth,
bis an die Knöchel in Honigbier? Oh Süße,

längst abgestandener Zucker! Oh noch weht
mich euer Meth-Rausch an aus deinem Mund!
Iß dich von meinen Füßen nüchtern und gesund!`


* * *

Und dieses Spiel, grad eh der Vorhang fallen
muß: Eine Judenwohnung. Juden an den Wänden
auf Bildern. Aus der Abgemalten Lenden
lebendige Juden um den Tisch hier. Allen

ist Gleiches eigen. Und sie schweigen. Und gefallen
sich in dem Schweigen .... Wie soll ichs beenden,
der ich hier steh, wie mit gefesselten Händen?
Wie? welche Worte mir zum Wurfe ballen

und schleudern auf sie alle? Da! vom Wein
Trunkene könnten nicht so ähnlich schrein
als die Entsetzenstrunkenen hier! Trat ein

die meine, durch die Tür, ganz nackt am Leibe.
Und sang: `Ihr Judenvolk!` Und tanzte fein:
`SO hatte je und je er mich zum Weibe!!`


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