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Gedicht - Kaspar Stieler


Auff ihren Morgen-schlaaff.

1.

Rubellchen, bistu noch nicht wach?
Verlaß die weichen Feder-dekken,
die so viel Göttligkeit verstekken.
Ich geh` allhier der Hoffnung nach,
ob ich dich möchte, Mein Vergnügen,
an den Krystallen sehen liegen.

2.

Auroren göldnes Rosen-bluht,
dein Ebenbild der roten Wangen
ist allbereit vorbey gegangen,
Apollo blizzt in voller Gluht,
der Handwerksmann hat schon verzehret,
was ihm zum Morgenbrodt gehöret.

3.

Rubellchen schläfft. Sie weiß es nicht,
daß ich im gehn hier klag` und reime.
Seyd ihr der Wahrheit, Morgen-treume;
so stellt mich ihr iezt vor Gesicht`
als wie ich um diß Fenster stehe
und sie an-zuerwachen-flehe.

4.

Ich schweer es, Morfeus, daß ich dich
wil mehr als alle Götter ehren:
wirstu Rubellchen so betöhren,
da sie es glaube kräfftiglich
und nach dem Fenster möge rennen,
des Traumes Außgang zu erkennen.

5.

Was meint Ihr? wenn dann ungefehr
Ihr Busem offen möchte stehen,
und ich die Liljen könnte sehen:
Wer wäre glükklicher, sagt, wer?
könnt` ich den Vorteil so erlauschen,
ich wollte nicht mit Paris tauschen.

6.

Ja, mich kanstu, du Lügen Geist,
du Treumer, wol durch sie betriegen:
Ich kan fast keine Nacht nicht liegen,
so wird sie zehnmal mir geweist.
Erwach` ich in dem öden Schatten:
so möcht` ich mich zu tod` ermatten.

7.

Rubellchen, du bist nicht verliebt,
sonst würdstu wol des Schlafs vergessen.
Wehn Amors Wüten hält besessen,
der ruhet so nicht, unbetrübt.
Wach auff Rubellchen: soll ich gleuben,
daß du die meine wollest bleiben.


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