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Gedicht - Kaspar Stieler


Verliebt, Sinnen-krank.

1.

Dorinde hat mich erst gelehrt
der edlen Freyheit anzusagen.
Mir war kein Amor je geehrt,
ein Spott der Venus göldner Wagen.
Ich hielte vor ein Kinder-spiel
der Liebenden verbuhltes Küssen,
die Tugend, ein gelehrtes wissen
war meines Lebens einigs Ziel.

2.

Nachdehm der schwarzen Augen Straal,
die Tracht und Anmuht der Dorinden
mir meiner Sinnen Ruder stahl,
weiß ich mich nicht in mir zu finden.
Die Kunst-Lust, eine gesunder Raht
ist in mir Blinden gantz verschwunden.
O der unseelig-bösen Stunden,
die mich durch Sie verführet hat.

3.

Ich spüre, daß die Götter mich
um dessentwegen fliehn und hassen:
das weiß ich zwar, iedoch kan ich
diß schlimme Thun nicht unterlassen.
Was mir der Wolstand predigt ein,
das hör` ich an mit tauben Ohren,
die Weißheit hat an mir verlohren.
Ich muß, ich muß verdorben sein.

4.

Was mir an Jungfern meist beliebt,
haß` ich und straff` es an der Meinen:
Das gröste, das mich iezt betrübt,
das mir das Herze machet weinen,
ist ihrer Keuschheit reine Zucht,
von der sie nicht will abewanken,
diß macht mir sorgliche Gedanken.
Seht was die tolle Liebe sucht!

5.

Der Tag wird mir zur finstren Nacht,
die Nacht zur Marter, Furcht und Zagen,
ja zu der Hölle selbst gemacht,
so plagen mich die Liebes-Plagen.
Die Nacht verschwindt, ich habe nicht
ein einigs Blikkchen recht geschlaffen
des Tages kann ich auch nichts schaffen,
so bin ich auff die Lieb` erpicht.

6.

Ach helfft mir, helfft, wer helffen kan?
Ich muß sonst heute noch erkalten,
tragt mir Gefängnüß, Marter an,
ich will es auß- ganz willig –halten.
Kein Kreuz ist in der Welt so schweer,
als sonder Gegen-Liebe lieben.
Solt` ich mich länger so betrüben,
so wolt` ich eh nicht leben mehr.


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